CRAZY – Verrücktes Leben

Diese Kritik will gesungen werden: Wer den Hit "C.R.A.Z.Y." erleben durfte, wird den gleichnamige Ohrwurm von Patsy Cline nicht mehr loslassen. Der lustvoll historische und ebenso emotional wie komische "Familienfilm" ist eine Top-Notierung unter verfilmten Songs ("I want you",  …) und ein ungemein originelles Coming Out des kanadischen Regisseurs Jean-Marc Vallée.

Webseite: http://concours.canoe.com/concours_crazy/.de

Kanada 2005
Regie: Jean-Marc Vallée
Kamera: Pierre Mignot
Schnitt: Paul Jutras
Production design: Patrice Bricault-Vermette
Kostüme: Ginette Magny
Darsteller: Maxime Tremblay, Alex Gravel, Felix-Antoine Despatie, Mariloup Wolfe, Jean-Louis Roux, Francis Ducharme, Helen Gregoire, Johanne Lebrun, Natasha Thompson.
Länge: 127 Min.
Verleih: Concorde
Kinostart: 25.5.2006

PRESSESTIMMEN:

Originelle Familiengeschichte und treffende Epochenbeschreibung zugleich, beschreibt der Film unterhaltsam und manchmal wehmütig die Achterbahnfahrten des Aufwachsens in einer Durchschnittsfamilie.
film-dienst

Davon, dass das Leben eine ernste Sache ist, erzählen viele Filme. Aber selten so klug, authentisch und humorvoll wie diese Chronik einer ganz normal verrückten Familie.  Die bittersüße Geschichte vom Erwachenwerden in den 70er und 80er Jahren begeistert mit Tiefgang, feinem humor und toller Musik.
Cinema

Das mit viel Liebe und Leichtigkeit erzählte Coming-of-Age-Drama hat in Kanada so ziemlich jeden Filmpreis gewonnen, den es gibt. Und das vollkommen verdient.
KulturSPIEGEL

…feiert die Wirren des Erwachsenwerdens mit magischen Bildern.
Blickpunkt Film

FILMKRITIK:

Zachary Beaulieu hatte schon früh ein Problem: Nie bekam er zu Weihnachten, was er wirklich wollte. Wünschte er sich einen Kinderwagen, gab es ein Hockey-Spiel. Nun ist man schon geschlagen, wenn man seinen Geburtstag mit einem gewissen Jesus Christus teilen muss. Das Ganze dann noch in einer besonders religiösen franco-kanadischen Familie. Da kann nur ein Wunder helfen. Es kommt auch, hilft aber gar nicht: Als eine hellseherische Bekannte der Mutter, die Tupperware-Lady, erkennt: "Er hat eine Gabe!", steht das Telefon der Familie nicht mehr still. ("Matrix" lässt grüßen!) Bei jedem Schnitt in den Finger, bei jeder Verstauchung, soll Zac nun heilen.

So viele wundersame und höchst amüsante Aufregungen, da gerät fast in den Hintergrund, dass Zacharys Vater und Held Gervais Beaulieu (Michel Côté ) an diesen hohen Feiertagen regelmäßig Aznavour schmettert, mit Vorliebe das ziemlich unmöglich nachsingbare "Emmenez moi" mit dem "Ciel du Nord"-Refrain. Das nimmt mit, die Familie nervlich, das Kino hell begeistert. Karaoke gab es damals noch nicht, aber dank Mikro-Eingang wunderbare Duette mit der Vinyl-Platte.’

Bei alle der Aufregung – von den vier anderen, ebenfalls sehr besonderen Brüdern Christian, Raymond, Antoine und Yvan haben wir noch gar nichts erzählt – wundert es nicht, dass Zac nicht recht mitbekommt, dass er schwul ist. Doch der einst stolze Papa Gervais muss irgendwann miterleben, wie sein Lieblingssohn in Mädchenklamotten den nachgeborenen Bruder Yvan stillen will. Von da an steht eine eisige Eigernordwand zwischen den vormalig dicksten Kumpeln, die immer heimlich zum Pommes essen fuhren. Und Zac selbst will nicht wahrhaben, was sein Vater nicht ertragen kann. Fortan kämpft der Junge mit einer Lüge und seinem Asthma.

Dieses grandiose kanadische "Ma vie en rosa" wäre nur als schwieriges Coming Out zu lang und zu konventionell. Doch Regisseur und Ko-Autor Jean-Marc Vallée gelang eine begeisternde Hitrevue mit schillernden Menschen und einer ernst zu nehmende Rebellion gegen die Religion. Schon die historische Ausstattung in dem Zyklus der Weihnachts- bzw. Geburtstagsfeiern mit dem Besten aus den Sechzigern, den späten Siebzigern und den frühen Achtzigern bietet Hochgenuss, der Humor ist vom Feinsten und lässt nie lange auf sich warten. Und selbstverständlich die Musik, wenn die ersten Buchstaben der Namen der Söhne zum Titel des Lieblingssongs C.R.A.Z.Y. werden, wenn der Regisseur Vallée für die Rechte an Songs wie Bowies "Space Oddity" angeblich auf Teile seines Honorars verzichtete. (Sein Sohn Emile spielt übrigens den ganz jungen Zac.)

Emotionaler Tiefgang kommt von alleine, da vor allem das Verhältnis von Zac zum störrischen Vater und zur nahezu übersinnlich mitfühlenden Mutter einfühlsam gezeichnet wurde. Das Religiöse bleibt durchgehend ein spannender Reibungspunkt: Mal nett verlacht, dann von Zac verleugnet, als er in der Rauheit des Ferienlagers versinkt. Mit 15 Jahren ist für den Atheisten "Sympathy for the Devil" der große Hit, wie eine der vielen grandiosen Montagesequenzen zeigt. Doch bevor es zum Coming Out kommt, muss Zac noch wie Jesus in Israel in die Wüste und ein paar Wunder überleben. Es gibt also mehr als genug Gründe, diesen in jeder Hinsicht gelungenen Film unbedingt sehen zu müssen!

Günter H. Jekubzik