Home of the Brave

Oscar-Preisträger Irwin Winkler betritt vermintes Gebiet – gleich im doppelten Sinn. Seine neueste Regiearbeit Home of the Brave wagt sich als erste fiktionale Produktion an den umstrittenen zweiten Irak-Krieg und dessen traumatische Spätfolgen für die darin eingesetzten Soldaten. Auch nach ihrer Heimkehr haben diese körperlich wie seelisch unter dem Erlebten zu leiden. Leider verliert sich Winklers Veteranen-Drama nach einem starken Auftakt in einer Abfolge nur wenig überzeugender, klischeebeladener Szenen. Schauspielerische Defizite kommen als weiterer Malus hinzu.

Webseite: www.3l-filmverleih.de

OT: Home of the Brave
USA 2006
Regie: Irwin Winkler
Mit Samuel L. Jackson, Jessica Biel, Brian Presley, Curtis Jackson, Christina Ricci
Kinostart: 22.3.2007
Verleih: 3L

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es war egal, wen man fragte. Zum Irak-Krieg schien jeder eine klare Meinung zu haben. Entweder man war für den Krieg oder man lehnte ihn strikt ab. So wie es US-Präsident George W. Bush selber einst in seiner schlichten Art propagierte „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“, spaltete das Thema die Bevölkerung auf beiden Seiten des Atlantiks. Doch während ausführlich das Für und Wider der Operation „Iraqi Freedom“ und der anschließenden Truppenstationierung debattiert wurde, geriet die Frage, wie es denjenigen geht, die aus dem Kriegsgebiet zurückkehren – seien sie äußerlich auch unversehrt – zu einer Fußnote. Gegen diese verzerrte Wahrnehmung der Realität wollten Regisseur Irwin Winkler und sein Drehbuchautor Mark Friedman mit Home of the Brave angehen.

 

Im Zentrum ihres Films stehen vier Schicksale, die ganz offensichtlich eine Stellvertreterfunktion übernehmen müssen. Tommy Yates (Brian Presley) hat damit zu kämpfen, dass sein bester Kumpel aus einem Hinterhalt erschossen wurde. Hilflosigkeit und Ohnmacht steigen jedes Mal in ihm hoch, wenn er an das Erlebte zurückdenkt. Der junge Private Jamal Aiken (Curtis Jackson) tötet in der Hektik und Unübersichtlichkeit eines Kampfeinsatzes eine unschuldige irakische Frau. Und die Soldatin Vanessa Price (Jessica Biel) wird bei einem Anschlag auf einen Versorgungskonvoi schwer verletzt. Sie verliert ihre Hand aber – so die Botschaft des Films – nicht ihren Lebenswillen. Ganz im Gegensatz zu dem traumatisierten Arzt Will Marsh (Samuel L. Jackson). Nach der Rückkehr aus dem Irak lassen ihn die schrecklichen Bilder nicht mehr los. Er leidet unter Depressionen, verfällt dem Alkohol und entfremdet sich zunehmend von seiner Familie.

Auch Filmklassiker wie Die besten Jahre unseres Lebens und Coming Home thematisierten bereits die schwierige „Resozialisierung“ von Kriegsheimkehrern. Winkler versucht, an diese Tradition anzuknüpfen, was ihm jedoch nur sehr eingeschränkt gelingt. So weiß lediglich die im Irak angesiedelte Exposition zu überzeugen. Die von Tony Pierce-Roberts geführte Kamera und die schnellen Umschnitte zwischen einzelnen Perspektiven vermitteln das ganze Chaos und die Hektik der Einsätze in den engen, klaustrophobischen Gassen der kleinen Ortschaften. Dort, wo jeder in den Verdacht gerät, ein Terrorist zu sein, steigt die Anspannung und Nervenbelastung für die Soldaten ins Unermessliche. Wie lebendige Ziele, die zum Abschuss freigegeben sind, fühlen sich Jamal, Tommy, Vanessa und ihre Kameraden. In einer solchen Situation kommt es fast zwangsläufig zu fatalen Missverständnissen und Fehlentscheidungen.

Nachdem der Film jedoch an die „Heimatfront“ wechselt, schwindet das anfängliche Interesse an den Charakteren mit jeder Minute. Das liegt einerseits an den Schauspielern, die – mit Ausnahme von Samuel L. Jackson – ihre Rollen nicht auszufüllen vermögen. Das in dieser Hinsicht limitierte Potential von Rapper Curtis „50 Cent“ Jackson ist seit seiner Filmbiographie Get Rich or Dir Trying’ ohnehin bekannt und auch Jessica Biel wollen die ihr zugedachten Schuhe nicht so recht passen. Sie sind schlichtweg eine Nummer zu groß. Da rächt es sich, dass bei der Besetzung Name und Aussehen augenscheinlich als die wichtigsten Entscheidungskriterien herangezogen wurden.

Eine Mitverantwortung an dem unbefriedigenden Gesamteindruck tragen allerdings auch Winkler und Friedman. Standardisiert und klischeehaft nähern sie sich dem psychologischen Moment, der eigentlich ein Charakterstück wie Home of The Brave tragen und antreiben sollte. Die Auseinandersetzung mit den erlittenen Traumata vollzieht sich in Form zu oft gesehener Familienstreitigkeiten, Anfeindungen zwischen den Ehepartnern, Konflikten zwischen Vater und Sohn oder der Flucht in Alkohol und Apathie. Gefühle und Stimmungen müssen explizit auf der Dialogebene durchdekliniert werden, sogar die politische Dimension der Ereignisse wird zerredet. Winklers Film beweist, dass es ungleich schwerer ist, einen Krieg nachzuzeichnen, der in einem selber wütet, als auf einem Filmset einige Fahrzeuge in die Luft zu jagen.

Marcus Wessel

 

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Solange es Kriege gibt, ist es immer das gleiche: Junge Kerle, Soldaten, die in der Hölle waren, sind, wenn sie das Glück haben, in die Heimat zurückkehren zu können, desorientiert und traumatisiert. Sie müssen sich mit ihren Ehefrauen oder Freundinnen wieder zurechtfinden. Sie leben in einer beruflichen Unsicherheit. Sie verfallen dem Alkohol. Sie betäuben ihre Depressionen mit Rauschgift. Sie haben unberechenbare cholerische Ausbrüche oder sie sind sonst irgendwie gefährdet.

So geht es auch dieser Gruppe von Soldaten der National Guard, die im Irak-Krieg eingesetzt war und die jetzt kurz vor Weihnachten vor ihrer Heimreise in die Vereinigten Staaten steht. Die Freude ist groß.

Doch vorher hat die Truppe eine letzte Mission zu erfüllen. Sie gerät in einem Ort kurz vor den Stadtgrenzen vor Bagdad in einen mörderischen Hinterhalt. Von den Dächern und aus den Häusern wird auf die Amerikaner geschossen. Handgranaten fliegen. Einige der Männer werden getötet, andere sind schwer verletzt.

Da muss zum Beispiel Tommy Yates mit ansehen, wie sein bester Freund erschossen wird. Vanessa Price verliert eine Hand. Jamal Aiken ist gezwungen, in Notwehr eine irakische Frau zu töten. Der Anführer und Arzt Will Marsh kann die grauenhaften Szenen, die sich ihm boten, nicht mehr vergessen. Wie soll da nach der Rückkehr in die Heimat das Leben noch einen Sinn haben?

In den USA angekommen, ist es für alle sehr schwer, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Vanessa etwa will den Verlust der Hand vor ihrer kleinen Tochter verbergen. Mit der Zeit lässt sie sich aber dann wieder beim Tragen helfen, was sie lange kategorisch abgelehnt hatte, um nicht als verwundet zu gelten. Nach geraumer Zeit verläuft ihr Leben endlich in normalen Bahnen. Selbst die Liebe kommt nicht zu kurz.

Tommy muss den schweren Schritt gehen, der Witwe seines Freundes eine kleine Schachtel mit den Dingen des Toten zu überbringen. Auch Auszeichnungen sind dabei. Aber was oder wem nützen sie?

Halb im Suff lädt Will Marsh improvisiert Arbeiter zu sich nach Hause zum Essen ein. Sie sollen auch einmal von etwas Gutem profitieren. Doch zu Hause sitzt die ganze Verwandtschaft am Tisch. Da ist es bis zum Streit nicht weit.

Mag sein, dass viele den von dem Routinier Irwin Winkler gut aufgebauten und inszenierten Film nicht „unterhaltsam“ finden. Doch das wichtige Problem der Reintegration in die heimische Gesellschaft und das tägliche Leben bleibt. Und nicht nur das. Es wird immer gravierender, je länger der Irak-Krieg – und überhaupt jeder Krieg – dauert. Lange währt es, bis der alte Zustand wieder eintritt – wenn überhaupt.

Der Film wird pünktlich zum vierten Jahrestag des Kriegsbeginns am 20. März in den deutschen Kinos eingesetzt.

Thomas Engel