I Am a Woman Now

Wie leben Frauen, die als Männer geboren wurden, Jahrzehnte nach ihren Geschlechtsumwandlungen? Dieser Frage geht der niederländische Filmemacher Michiel van Erp in seiner Dokumentation „I am a Woman now“ nach und stößt auf keine eindeutigen Antworten. Gerade diese Zurückhaltung im Urteil ist eine der Stärken des Films.

Webseite: www.neuevisionen.de

Niederlande 2011 – Dokumentation
Regie: Michiel van Erp
Länge: 86 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 9. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auch heutzutage ist eine Geschlechtsumwandlung zwar keine Routineoperation, vor 50 Jahren jedoch war die Transformation eines Mannes zu einer Frau eine medizinische Sensation. Besonders der in Casablanca praktizierende Arzt Dr. Georges Burou war ein Pionier darin, aus einem Penis eine so genannte „Neovagina“ zu formen. Mehrere der Frauen, die Michiel van Erp in seiner Dokumentation „I am a Woman now“ porträtiert, bezeichnen dann auch Casablanca als ihren zweiten Geburtsort. In den 50er Jahren ließen sich diverse Nachtclubtänzerinnen dort operieren, um endlich ihren Körper ihrem Inneren anzugleichen.

Die Belgierin Corinne van Tongerloo etwa, die in Casablanca das Grab des Arzt besucht und den Spuren ihrer zweiten Geburt nachspürt. Während sie ein zurückgezogenes Leben führt, ist die Britin April Ashley in jeder Beziehung expressiv. Inzwischen wegen ihrer Verdienste um die Gleichstellung von Transsexuellen sogar von der Queen in den Adelsstand erhoben, erzählt sie freimütig über ihre Model-Karriere, vor allem aber über ihre Lebensphilosophie: Sich nicht um die Meinung anderer kümmern, so ging sie an die Umwandlung heran und lebte augenscheinlich gut damit.

Wesentlich schwieriger scheint das Leben des Rheinländers Jean Lessenich gewesen zu sein. Da Mitte der 50er Jahre die notwendigen Hormonbehandlungen noch nicht ausreichend erforscht waren, scheint sich Lessenich von seinen Ärzten schlecht beraten gefühlt zu haben. 12 Jahre nach der Geschlechtsumwandlung beschloss sie, wieder als Mann zu leben und setzte die Einnahme von weiblichen Hormonen aus. Mit der Folge, dass Lessenich nun irgendwo zwischen Mann und Frau steht. In einer Selbsthilfegruppe versucht er, jüngeren Schicksalsgenossen zur Seite zu stehen.

Aus all diesen individuellen Schicksalen formt van Erp seinen Film, der bewusst viele Fragen nur andeutet und keine dezidierten Antworten gibt. Manchmal führt dies gerade angesichts der kurzen Lauflänge von nur 86 Minuten dazu, dass einzelne Porträts etwas kurz wirken, man sich wünschte, mehr über das Schicksal dieser Frauen zu erfahren, nicht zuletzt die Reaktion der Gesellschaft auf sie.

Van Erp begnügt sich in erster Linie damit, seine Protagonistinnen anhand von Fotos und Super-8 Aufnahmen in ihrer Vergangenheit schwelgen zu lassen, sich an Auftritte in Nachtclubs, rauschende Feste und wohlhabende Verehrer zu erinnern. Oft schwebt eine unverkennbare Melancholie über diesen Erinnerungen, die nun, da die Damen in ihren 70er sind und dem Ende ihres Lebens entgegensehen, immer frappierender wird. Mit Colette Berends ist eine der Protagonistinnen nach den Dreharbeiten verstorben, andere, wie die Sängerin mit Künstlernamen „Bambi“ treten immer noch auf, trotz ihrer 77 Jahre.
Schön ist nun, dass vam Erp die Frauen nicht zum Vorreiter stilisiert, sie nicht als Botschafter der Toleranz darstellt, sondern als Individuen, die ganz persönliche Entscheidungen getroffen haben. „Eine alte Frau zu werden stand nicht auf dem Plan“ heißt es einmal, doch genau das ist eingetroffen. Dass „I am a Woman now“ am Ende nicht mehr und nicht weniger als das Porträt von fünf älteren Damen ist, sagt viel über den gesellschaftlichen Fortschritt, den es in den letzten 50 Jahren gegeben hat.

Michael Meyns