I Anna

Ein Krimi, ein Psychothriller und ein Melodram – ein Film Noir … die schon mehrfach verfilmte merkwürdige Beziehungsgeschichte zweier einsamer Menschen nach dem Roman von Elsa Lewin bietet Paraderollen für Charlotte Rampling und Gabriel Byrne. In klaren, kühlen Bildern zeigt Barnaby Southcombes Kinodebüt die merkwürdige Beziehungsgeschichte zwischen einer geheimnisvollen Frau und einem Kriminalkommissar, der ihrem melancholischen Charme verfällt. In einer tristen Welt der Anonymität, die niemanden unbeschädigt lässt, werden auch diese beiden scheitern. Das ist anspruchsvolles, artifizielles Kino – keine leichte Kost, sondern eine eher düstere Story über Einsamkeit und Liebe in grauen Welten, aber immerhin ein Schauspielerfilm, der von zwei großen Stars getragen wird.

Webseite: www.i-anna-derfilm.de

Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2012
Regie und Drehbuch: Barnaby Southcombe
Kamera: Ben Smithard
Darsteller: Charlotte Rampling, Gabriel Byrne, Eddie Marsan, Jodhi May, Hayley Atwell
Verleih: NFP
Kinostart: 18. April 2013

PRESSESTIMMEN:

"Stilvoller unterkühlter Noir-Krimi mit zwei perfekt harmonierenden Altstars."
CINEMA

FILMKRITIK:

Anna ist eine Frau deutlich jenseits der Fünfzig – unglücklich und einsam. Verdammt einsam. Sie besucht ein Speeddating und lernt einen Mann kennen, mit dem sie die Nacht verbringt. Am nächsten Morgen ist der Mann tot. Beim Verlassen des Hauses wird Anna von einem Polizeiinspektor beobachtet. Er ist fasziniert von ihrer melancholischen Ausstrahlung. Auch dieser Inspektor Bernie Reid ist unglücklich und allein. Wie zwei Magnete ziehen sich Anna und Bernie an, sie treiben aufeinander zu – schicksalhaft, unaufhaltsam und tragisch. Zwei Verlorene in einer verlorenen, kalten Welt. Reid entdeckt schnell den Sohn des Toten als Tatverdächtigen. Während Anna von der Geschichte dieser Nacht verfolgt wird und immer klarer wird, dass sie mit dem Mord zu tun hat, versucht Reid ihr nahe zu sein, setzt sich auf ihre Spur und beobachtet sie heimlich. Diese Frau lässt ihn nicht mehr los, aber er ist eben auch Polizist, und hin- und hergerissen zwischen Liebe und Pflicht enthüllt er schließlich die schreckliche Wahrheit hinter Annas stillem Lächeln.

Wer Charlotte Rampling mag, wird auch diesen Film mögen, den ihr Sohn Barnaby Southcombe rund um seine Mutter als zentrale Figur geschaffen hat. Offenbar verfügt er über einen scharfen Blick dafür, wie er ihr Können und ihre Wirkung am besten auf die Leinwand bringt. Charlotte Rampling schwebt manchmal mehr durch diesen Film, als dass sie geht. Ihre gleichzeitig fragile wie elegante Erscheinung, ihre lässigen Bewegungen, ihr ausdrucksvolles, ruhiges Gesicht bestimmen die Handlung, in der wenig gesprochen und um so mehr gezeigt wird, mit Blicken, Gesten und kleinen Bewegungen: Anna ist wie ein Farbfleck in der Unmenschlichkeit einer anonymen Großstadt, mit ihren winzigen Apartments, in denen eingepferchte einsame Kreaturen leben, die so unglücklich sind, dass sie es für normal halten. Gabriel Byrne ist gleichzeitig Verbündeter und Gegner: ein desillusionierter, alternder Haudegen, der alles satt zu haben scheint, womit er sich Tag für Tag beschäftigt. Manchmal wirkt er wie erstarrt unter der Last eines Lebens, das ihn nicht mehr beunruhigt, sondern nur noch langweilt. In dieses Leben platzt Anna hinein, mit ihren schlanken, schönen Beinen und ihren Blicken, die in ihrer Ruhe beinahe lasziv wirken. Doch Bernie Reid ist kein Philip Marlowe. Und Gabriel Byrne ist kein Humphrey Bogart. Und diese eiskalte Stadt, in der die Eingeweihten London erkennen werden, ist kaum die geeignete Kulisse für einen Thriller à la Schwarze Serie. Die Zeiten haben sich geändert …

Optisch ist das alles sehr interessant: Die Darstellung moderner Architektur und die Beschränkung auf wenige Personen schaffen eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, in der sich alle Kräfte auf die beiden Hauptpersonen zu konzentrieren scheinen. Allerdings bleibt der Film trotz seiner offensichtlichen künstlerischen Ausdruckskraft extrem unterkühlt. Auch das ist vermutlich beabsichtigt, wird allerdings überstrapaziert. Die Geschichte von Anna und Bernie bietet wenig Gelegenheit zur Identifikation – Mitgefühl ist hier nicht erwünscht. Eine gewisse Spannung entsteht durch die Krimihandlung und durch die Andeutungen zu Annas Geschichte, die sich steigern, verdichten und zum überraschenden Ende führen.

Und wem die Geschichte irgendwie bekannt vorkommt: Schon einmal wurde dieser Roman verfilmt, und zwar als „Solo für Klarinette“ mit Corinna Harfouch und Götz George unter der Regie von Nico Hofmann. Wenn das düster poetische Kriminaldrama diesmal erfolgreicher wird, dann liegt das wohl vor allem an Charlotte Rampling und ihren sehnsüchtig stillen Blicken voller Grazie und Wehmut.

Gaby Sikorski

London. Anna ist schon etwas in die Jahre gekommen, geschieden, und sie fühlt sich allein. Dabei ist sie noch schön, etwas undurchsichtig auch. Zu ihren einzigen Begegnungen und Freuden kommt es mit ihrer Tochter Emmy und deren Baby. (Aber ist das wirklich so?)

Sie geht, eben weil sie sich oft verlassen fühlt, zu einem Speed-Dating; dort nennt sie sich Allegra. Sie trifft denn auch nach einiger Zeit auf George Stone.

Kriminalkommissar Bernie Reid sieht Anna am nächsten Morgen kurz. Die enigmatische Frau fällt ihm sofort auf. Reid ermittelt im gleichen Gebäude, im Londoner Barbican Centre nämlich, wegen eines Mordfalles. Er kann nicht anders als Anna beobachten, ihr folgen, ihre Adresse herausfinden.

Anna geht wieder zu einem Single-Treff. Bernie Reid tut das ebenfalls. Die beiden lernen sich kennen, tanzen, möchten einen schönen Abend, vielleicht sogar eine schöne Nacht verbringen. Doch als Bernie Anna auf ihre erste flüchtige Begegnung im Barbican Centre anspricht und kurz ein Bild von George Stone auftaucht, ist diese sehr irritiert und verlässt ihn.

Im Mordfall hat der junge Stevie, der zunächst verdächtigt worden war, ein Alibi. Der Tote ist kein anderer als George Stone. Der Kriminalkommissar und sein Kollege Franks beginnen inzwischen, einen Zusammenhang zwischen Stones Tod und Annas Verhalten zu ahnen.

Anna verbirgt noch andere Geheimnisse. Was ist mit der Enkelin? Warum blieb deren Zimmer so leer, als ob es lange nicht benutzt gewesen wäre?

Bernie und Anna lieben sich, das ist sicher. Doch welche Lösung werden sie für die anscheinend Schuldige letztlich finden?

Ein zum Teil bei Andeutungen verbleibender, geheimnisvoller, gekonnt montierter, eine verzwickte aber spannende Geschichte präsentierender, zum großen Teil faszinierender film noir, der die Liebhaber der Gattung voll auf ihre Kosten kommen lassen wird.

Der Autor und Regisseur ist gleichzeitig der Sohn der Hauptdarstellerin Charlotte Rampling (und auch hier fällt der Apfel nicht weit vom Stamm). Sie spielt, wie schon immer, ausgefeilt, genretypisch, persönliches Niveau wahrend. So gesehen ist „I, Anna“ ein Vergnügen.

Die Mitspieler, vor allem Gabriel Byrne als Bernie, aber auch Eddie Marsan als dessen Kollege und Freund Franks sowie Hayley Atwell als Annas Tochter Emmy sind gut mit dabei.

Thomas Engel