Ich. Immendorf

Das „Ich“ wird fraglos groß geschrieben im Leben von Jörg Immendorff, so wie es Nicola Graef in ihrer Dokumentation zeigt. In den letzten zwei Jahren vor seinem Tod im Mai 2007 beobachtete sie den Maler und zeichnet das Bild eines streitbaren, egozentrischen Künstlers, der bis zu seinem Tod für sein Werk lebt. Wie Immendorff der schweren Nervenkrankheit, die seine Bewegungsmöglichkeiten immer weiter einschränkt, trotzt, mit Hilfe von Assistenten weiterarbeitet, weiterlebt, ohne sich zu beklagen, macht den Film zu einem ergreifenden Portrait eines eindrucksvollen Menschen.

Webseite: realfictionfilme.de

Deutschland 2007
Regie: Nicola Graef
Buch: Nicola Graef
Kamera: Alexander Rott
Schnitt: Kay Ehrich
Musik: George Kochbeck
98 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 22. Mai 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Seinen letzten halb-öffentlichen Auftritt hatte Jörg Immendorff 2006, schwer gezeichnet von der Nervenkrankheit ALS. In seinem Düsseldorfer Atelier übergab er Gerhard Schröder das Portrait des Ex-Kanzler, das nun neben Gemälden der Vorgänger im Kanzleramt hängt. Der passende Abschluss unter eine illustre Karriere, die ihn in den 70er und 80er Jahren zu einer Art inoffiziellem Chronisten der Bundesrepublik machte. Die Nähe zu den mächtigen des Landes zog sich ebenso durch Immendorffs Leben und Werk, wie die Faszination mit der Halbwelt, die ihn immer wieder in mehr oder weniger große Skandale verstrickte. In den letzten Jahren bestimmten diese Geschichten und die fortschreitende Krankheit das Bild Immendorffs in der Öffentlichkeit, während seine Kunst in den Hintergrund rückte. Erst eine große Retrospektive in der Berliner Nationalgalerie und eben das Kanzler-Portrait änderte dies, trotz der besonderen Herstellungsweisen dieser jüngsten Arbeiten. 

Durch seine Krankheit, die es dem Geist immer schwieriger macht, die Muskeln zu kontrollieren, war es Immendorff unmöglich selbst zu malen. Stattdessen beschäftigte er in seinem Atelier eine ganze Schar von Assistenten, die seine Anweisungen penibel ausführten. Kleine Zeichnungen wurden auf diese Weise auf große Leinwände vergrößert, mit Hilfe von Schablonen entstanden die typischen Motive des Immendorffschen Werks, insbesondere die immer wiederkehrenden Affen. In diesen Momenten zeigt sich Immendorff als unnachgiebiger Chef, der seine Angestellten mit meist wirschen Anweisungen zurechtweißt und kleinste Unachtsamkeiten aufs schärfste kritisiert. Man mag diese herrische Art für befremdlich und unsympathisch halten, vermutlich resultiert sie aber in erster Linie aus Immendorffs Situation, aus einer inneren Verzweiflung darüber, dass ihm die Fähigkeit zum Arbeiten genommen wurde. Dass er, der Zeit seines Lebens der Inbegriff der Aktivität war, der mit allen Sinnen gelebt und gearbeitet hat, nun an den Rollstuhl gefesselt ist, auf ständige Hilfe angewiesen ist und selbst die ständig glimmende Zigarette nur mit größter Schwierigkeit an den Mund führen kann.

Ganz ungeschönt zeigt Graefs das Bemühen Immendorffs um ein aufrechterhalten seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, stellt wenig schmeichelhafte Szenen neben zärtliche Momente mit seiner kleinen Tochter und lässt eine ganze Reihe, wohlgesonnener Freunde und Wegbegleiter zu Wort kommen. Ehr sporadisch wird Immendorffs Weg nachgezeichnet, von seiner Aufnahme in die Düsseldorfer Kunstakademie unter Beuys und seinen ersten Arbeiten. Das Werk selbst bleibt meist außen vor, eine Idee von Immendorffs künstlerischer Bedeutung gibt der Film kaum, da muss man schon dem Lob von Freunden und Immendorffs Eigenlob, etwas völlig Neues geschaffen zu haben glauben. So ist Nicola Graefs weniger umfassende Dokumentation, als ein überzeugender Zusammenschnitt von Impressionen und Eindrücken. Keine kritische Darstellung, sondern eine Hommage an einen der bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit.

 

Michael Meyns

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Jörg Immendorff, im Mai 2007 verstorben, gilt als einer der bedeutendsten Maler Deutschlands. Über den Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber seine großflächigen Bilder, seine Zyklen, seine Zeichnungen, seine im Lauf der Zeit in vielen Stilarten geschaffenen Werke sind auf jeden Fall anregend und aufregend. 

Es sind Geschichten, überfarbige chaotische Situationen, surreale Momente, immer wieder der Auflehnung und dem Widerstand gegen ein „gewöhnliches“ Leben, gegen die Gesellschaft, gegen die Politik gewidmet.

Von einer normalen Existenz hat der Beuys-Schüler noch nie viel gehalten. Das wurde schon deutlich, als er vor Jahrzehnten allein vor dem Bonner Bundeshaus demonstrierte. Die Krisen und Entwicklungsschwierigkeiten seines Lebens überwand er aber immer, blieb nie stehen, ging immer vorwärts.

Vieles von dem, was Immendorff in diesem Dokumentarfilm sagt, ist höchst hörenswert. Intellektuelle und künstlerische Reife ist zu spüren. In den letzten Jahren litt er an der Nerven- und Muskelkrankheit ALS. Er konnte den Pinsel nicht mehr führen, musste von seinen Assistenten und Studenten nach seinen peinlich genau ausgesprochenen, manchmal überaus hart gegebenen Befehlen malen lassen. Weil er todkrank war, ging das, ansonsten wäre ein solcher Ton sicherlich nicht akzeptabel gewesen.

Ein paar Ausstellungen und Feiern werden gezeigt. Freunde berichten über ihn und beurteilen ihn. Ziemlich rasch ging es gesundheitlich bergab. Gegen Schluss vermochte er kaum mehr zu atmen. Ein Herzversagen war die Folge.

Immerhin gab es noch einen Lebenshöhepunkt. Im Jahre 2000 heiratete der Maler seine 17jährige Oda. Die beiden sind privat wie künstlerisch ein glückliches Paar geworden. Auch die Erbin fehlt nicht: ein niedliches Töchterchen.

In jeder Beziehung informativer Lebensabriß des Malers Jörg Immendorff. Für Interessenten ein Gewinn. 

Thomas Engel