Im Krieg – Der 1. Weltkrieg in 3D

Der 100. „Geburtstag“ vom Beginn des Ersten Weltkrieges und der ihm folgenden Jahre hat medienübergreifend eine Flut von historischen wie auch persönlichen Rückbetrachtungen ausgelöst. Nikolai Vialkowitschs Dokumentarfilm greift die Thematik mit einem Ansatz auf, die einzig die Kinotechnik bewältigen kann. Er nutzt stereoskopische Bilddokumente der damaligen Zeit, lässt sie aufwändig restaurieren, und kombiniert sie mit Zitaten aus Tagebüchern und Briefen. Heraus kommt ein essayistischer Film, der mit seinen Fragmenten ein Gefühl von der Stimmung der damaligen Zeit vermittelt und auf der Bildebene das übliche heroische Kriegs- und Schlachtengetümmel in den Hintergrund rückt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland 2014
Regie: Nikolai Vialkowitsch
Dokumentarfilm
103 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 25.9.2014
 

Auszeichnungen:

Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis beim 11. Filmfest Freiburg 2014

FILMKRITIK:

Die Technik stereoskopischer Aufnahmen, sie war vor 100 Jahren bereits weiter entwickelt als man heute mitunter meinen möchte. Nahezu jeder wohlhabende Haushalt in Europa und den USA, sagt Filmemacher Nikolai Vialkowitsch, habe damals über ein Stereoskop verfügt, ein Gerät also, mit dem speziell hergestellte fotografische Doppelbilder als dreidimensionale Ausblicke wahrgenommen werden konnten. Solche Bilder hat der 1963 geborene und seit 1993 bis heute als freier Mitarbeiter in der Redaktion „Aktuelle Kultur Fernsehen“ beim SWR tätige Regisseur in privaten Archiven und Museen gesucht und gefunden – und sie seit Beginn seiner Recherchen im Jahr 2005 digital aufbereitet. Interessant ist, dass er immer wieder in diese Bilder hinein- oder wieder herauszoomt, sich auf Details konzentriert und von ihnen aus eine Kamerafahrt auf der Bildvorlage unternimmt. So kommt, trotz des statischen, überwiegend schwarz-weissen, teils auch nachkolorierten Ausgangsmaterials, Bewegung auf die Leinwand und taucht das Auge ein in eine einzigartige plastische Bilderwelt.
 
Vialkowitsch verzichtet darauf, den Ersten Weltkrieg zum 150. Mal in seiner historisch-chronologischen Entwicklung zu erörtern. Dieses Hintergrundwissen setzt er voraus, so mancher wird dankbar dafür sein, sich nicht in Wiederholungen ergehen zu müssen. So wie die Kamera eintaucht in die alten Bildaufnahmen, so begibt sich „Im Krieg“ dramaturgisch auf Schlachtfelder, spickelt in Lazarette und Gefangenenlager (was nicht ganz die Drastik hat von der Nachstellung in historisch grundierten Spielfilmen), und horcht hinein ins Leben derer, die hier für ihr Vaterland einen Dienst taten, an dem mitunter auch persönliche Zweifel bestanden.
 
Es ist eine fast schon hörspielartige Dramaturgie, in der Gedanken über das Unaussprechliche dieses Krieges geäußert werden, vorgetragen durch versierte Sprecher wie etwa Peter Matić, der deutschen Synchronstimme von Ben Kingsley, oder Miroslav Nemec alias Tatortkommisar Ivo Batic. Als Zeugnisse dienen Tagebucheinträge, Briefe und Feldpostkarten von mitunter so berühmten Zeitgenossen wie dem Schriftsteller Stefan Zweig, dem französischen Cellisten Maurice Maréchal sowie einfachen Soldaten, deren Ehefrauen oder auch Krankenschwestern in den Hospitälern beiderseits der Frontlinien. Vor allem von Heimweh ist da immer wieder die Rede, das Gefühl von Pflichterfüllung weicht der Erkenntnis von unnötigem Blutvergiessen, nicht immer ist der Feind auch ein Feind, Hunger, Leid und Ängste allgegenwärtig. Die pathetische symphonische Orchestermusik von Henrik Albrecht und dem Babelsberger Filmorchester wirkt da fast ein wenig aufgesetzt.
 
Als Brechung der historischen Aufnahmen hat Vialkowitsch heutige Bewegtbilder von Friedhöfen, stillgelegten Schienenwegen, Schlachtfeldern und Schützengräben zwischengeschnitten. Als neutrale Ruhepunkte zeigen sie, dass einerseits zwar ordentlich Gras über die damaligen Ereignisse gewachsen ist, das Geschehene dennoch aber bis heute berührt – und auch immer berühren wird, solange es weiterhin Kriege und grenzübergreifende Konflikte geben wird. Die Langsamkeit, mit der sich die Kamera in diesen abstrakten Szenen bewegt, illustriert zugleich ein In-sich-Gekehrtsein, erlaubt eine persönliche Reflektion der Ereignisse. Wie heißt es doch in einem Gedanken zu Beginn von „Im Krieg“: „Grenzen widersprechen dem Gefühl der Zeit“. Auch vor 100 Jahren glaubte man daran so wenig wie an Hexen und Gespenster – und doch brach der Aufmarsch der Waffen herein über die friedliche Idylle eines noch jungen Jahrhunderts, in dem man sich bei Badeurlauben in belgischen Ostseebädern oder touristischen Reisen nach Paris vergnügte und weltoffen gab. Heute wissen wir: der Weg zu einem gemeinsamen Europa ist ein verdammt langer.
 
Thomas Volkmann