Im Reich der Raubkatzen

Die Walt Disney Studios (Disneynature) haben wieder einmal einen opulenten Tierfilm produziert. Diesmal stehen zwei afrikanische Raubkatzenfamilien im Focus, werden über einen längeren Zeitraum mit der Kamera begleitet und all ihre Verhaltensweisen dem Zuschauer vertraut gemacht. Wir verfolgen die Schicksale eines Löwenrudels und einer Gepardenfamilie. Gedreht wurde – auf optisch höchstem Niveau – im Masai-Mara-Nationalpark in Kenia, in der Nähe und am Mara-River. Eine beeindruckende Dokumentation – von den versierten Tierfilmern Alastair Fothergill und Keith Scholey ("Unsere Erde") mit modernster Filmtechnik gedreht.

Webseite: www.disney.de

OT: African Cats
USA 2011
Regie: Alastair Fothergill, Keith Scholey
Sprecher (deutsche Fassung): Thomas Fritsch
Länge: 89 Minuten
Verleih: Disney
Kinostart: 2. Februar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Um die Verhaltensweisen von Raubkatzen dem Zuschauer näher zu bringen, haben die Macher auf eine bewährte Disney-spezifische Dramaturgie zurückgegriffen und sich bestimmte Rudel aus der Fülle der dort vorhandenen Tiere ausgesucht. Diesen Tieren haben sie Namen gegeben. Eine Ebene der Nähe und Verbundenheit entsteht – und somit die Gefahr der Vermenschlichung. Nach zweieinhalbjähriger Drehzeit wurden die Bilder so geschnitten, daß jeweils eine Geschichte präsentiert wird, die spannend und anrührend zugleich ist. Wir verfolgen das Heranwachsen von Katzenkindern und den täglichen Überlebenskampf der erwachsenen Tiere in der Savanne.

Im Mittelpunkt stehen das Löwenjunge Mara und ihre Mutter Layla, die als eine der erfahrensten Jägerinnen des Rudels gilt. Fang ist der Chef der Löwengemeinschaft, ein betagtes Männchen mit kaputtem Reißzahn, dem nicht mehr viel Zeit bleibt. Denn auf der gegenüberliegenden Seite des Mara-Flusses wartet das jüngere Löwenmännchen Kali mit seinen Söhnen auf die Gelegenheit, Fang zu vertreiben, um die Macht des Rudels zu übernehmen. Der Flußpegel muß erst einmal sinken bevor der Showdown beginnt.

Die anderen "Stars" sind die Gepardin Sita und ihre fünf Kinder. Als alleinerziehende Mutter muß sie ihren Nachwuchs auch alleine beschützen, was nicht einfach ist, sind die natürlichen Feinde stärker und zahlreicher, etwa Löwen oder Hyänen. Denn verletzt sich eine Gepardin, ist sie nicht mehr in der Lage, zu jagen und die Jungen sind zum Verhungern verurteilt. Beute erjagen kann ein Gepard aus physischen Gründen auch nur einmal am Tag. Machen den schlanken Katzen Löwen, Hyänen oder Leoparden den Fang streitig, müssen sie davon ablassen. Sie haben keine Chance. Wie Sita ihre Intelligenz, Erfahrung, ihre Schnelligkeit einsetzt, um sich und ihrem Nachwuchs das Überleben zu sichern ist ein ästhetisches und fesselndes Erlebnis. Zeitlupenaufnahmen bei den Jagdszenen sind natürlich Highlights (mit einer Phantom-Hochgeschwindigkeitskamera – bis zu 450 Bilder pro Sekunde). Dazu jede Menge Close-ups: Gesichter, Augen, zuckende Muskeln, Details im Fell. Ein visueller Genuß. Mitreißende Momente inmitten fantastischer, (noch) menschenleerer Landschaften in wunderbares Licht getaucht. Die dramatisch-opernhafte Musik stört dagegen. Sie ist schlicht überflüssig. Es scheint, als ob die Produzenten den eigenen, für sich sprechenden Bildern misstrauen.

Von der Bedrohung dieser Idylle durch wachsenden Bevölkerungsdruck, Viehzucht, Straßenbau usw. sieht und hört man allerdings nichts. Schade. Daß diese Welt äußerst schützens- und erhaltenswert ist, spürt man zwar instinktiv. Ergänzende Hintergrundinformationen wären aber wünschenswert, da nicht jeder über grundlegendes Wissen der Tropenökologie im Spannungsfeld von Demographie und Globalisierung verfügt. Immerhin eine faszinierende Reise in die Natur. Ein unterhaltsamer Kinobesuch.

Heinz-Jürgen Rippert

Dass Disney sehr spezielle Naturfilme herstellt bzw. herstellen lässt, hat eine lange Tradition. Hier ist wieder ein Exemplar.

Ein paar Dinge fallen auf. Von der Fixierung der Tiere auf menschliches Verhalten geht man offenbar nie ab. Das ist auch dieses Mal so. Also fehlen vermutlich Dressur, Beschränkung auf enge kontrollierbare Nationalparkszenen statt freier Steppe sowie Manipulation nie gänzlich. Doch dies nur als normale Hintergrundüberlegung.

Denn was hier gezeigt wird, ist von den Bildern der Spezialkameras, von den Zoomaufnahmen, von den Blickwinkeln, von der Kadrierung, von den Landschafts- und Wetterbildern, von der Filmtechnik, von der formalen Ästhetik her immer noch phantastisch genug.

Von dem schlauen Gepardenweibchen Sita wird erzählt, das seine Jungen aufzieht und durch alle Gefahren bringt; von Alphalöwen und Löwenrudeln; von der alten Löwin Layla, die sich im Kampf verletzt und deren Leben zu Ende geht; von ihrer „Tochter“ Mara, die jetzt allein weiterkommen muss.

Zum Spielen gibt es für die jungen Löwen und Geparden genug, aber auch Gefahren etwa seitens der Hyänen und Krokodile, dazu Kämpfe noch und noch – übrigens auch unter den „Familienmitgliedern“. Denn die Rangordnung muss ja herausgefunden und dann gewahrt werden.

Beleitend dabei sind die Gnus (zu Tausenden), die Elefanten, die Giraffen, die Büffel, die Nilpferde, die Zebras, die Gazellen, die Antilopen, die Affen, die Vögel.

In Kenia (Schutzgebiet Masai Mara) wurde über zwei Jahre lang gedreht, denn konsequente Beobachtung und unendliche Geduld sind unerlässlich. „Die Drehtage begannen um 5.30 Uhr und endeten bei Sonnenuntergang gegen 19.30 Uhr.

Weltbeste Spezialisten wurden zugezogen.

Man war nicht ausdrücklich auf einen Umweltschutzfilm aus – aber wer diese „paradiesische“ Natur, dieses Tierleben, diese Bilder sieht, weiß von vorneherein, dass sie nicht verloren gehen dürfen, sondern dass alles erhalten werden muss.

Man kann argumentieren, dass es im Fernsehen ständig Natur-Dokumentarfilme zu sehen gibt. Mit dem, was hier auf der großen Kinoleinwand vor sich geht, kommt das Fernsehen aber auf keinen Fall mit.

Thomas Engel