Im weißen Rössl

Das vergnügliche Ergebnis einer deutsch-österreichischen Zusammenarbeit – ein Film, so leicht und luftig wie Salzburger Nockerln und so erfrischend wie Berliner Weiße! Es ist die ziemlich irrwitzige und erfreulich alberne Geschichte vom Kellner Leopold und der Liebe zu seiner Chefin Josepha, die wiederum in einen Rechtsanwalt verliebt ist, der sich seinerseits in die Tochter eines Prozessgegners verguckt – wobei die zahlreichen Nebengeschichten hier mit Rücksicht auf die geistige Gesundheit der Leserschaft ausgespart werden sollen, also: Diese Geschichte wurde charmant und witzig modernisiert, inhaltlich und musikalisch aufgepeppt und mit viel Aufwand, feinen Effekten und einer prima Besetzung hübsch in Szene gesetzt.
Bei dem amüsanten Spektakel handelt sich bekanntlich und ursprünglich um eine Operette, genauer gesagt, um ein Singspiel, das 1930 in Berlin uraufgeführt wurde. Die eingängigen Songs wurden seitdem je nach Mode ebenso verändert wie die Tänze und der Inhalt. Und der musste zu allen Zeiten ordentlich lustig sein, vor allem aber mit möglichst vielen Verwicklungen zum Happy End führen. Das Schönste dabei ist: Es funktioniert auch heute noch!

Webseite: www.senator.de

Deutschland/Österreich 2013
Regie: Christian Theede
Drehbuch: Jan Berger (nach dem Singspiel IM WEISSEN RÖSSL von Ralph Benatzky, Hans-Müller-Einigen, Erik Charell, Liedtexte von Robert Gilbert, und wiederum all dies nach dem gleichnamigen Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg)
Kamera: Stephan Schuh
Scoremusik: Dominik Giesriegl
Additional Score: Martin Gellner & Werner Stranka, Eric Babak
Darsteller: Diana Amft, Tobias Licht, Fritz Karl, Edita Malovcic, Gregor Bloéb, Armin Rohde, Aykut Kayacik, Julia Cencig
90 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 7. November 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Berlin – eine trübe, regnerische Stadt. Hier lebt Ottilie, die gerade eine furchtbare Enttäuschung erlebt hat: Ihr Lover hat mit ihr Schluss gemacht, obwohl Ottilie aufgrund seiner SMS eigentlich einen Heiratsantrag erwartet hatte. Doch sie hat keine Gelegenheit, im Tal der Trübsal zu versinken, denn mitten in der Nacht steht ihr Vater Wilhelm vor der Tür, um Ottilie für einen Wochenendausflug abzuholen. Es geht ins Salzkammergut, an den Wolfgangsee, um den letzten Wunsch von Ottiliens Mutter zu erfüllen. Als in den Bergen plötzlich der Regen aufhört, der Himmel knallig erblaut und ein überwältigend kitschiger Regenbogen heiter auf den Wolfgangsee strahlt, übersieht Ottilie ein Motorrad am Straßenrand. Es gehört dem gutaussehenden Otto, der sich sofort in Ottilie verliebt, während sich am Himmel ein Vogelschwarm zu einem großen Herzen formt …

Der flotte Anfang gibt nicht nur Ottilie, sondern auch dem Publikum einen Vorgeschmack auf das, was kommt: überraschende parodistische Wendungen, schöne Effekte und tolle Dialoge, die gern mal mit staubtrockenem Witz serviert werden und die dann wieder von so bestrickender Niedlichkeit sind, dass man jeden Hundewelpen dafür stehen lassen möchte (jawohl, und Bambi auch!). Dazu eine Atmosphäre fröhlicher Absurdität – sehr unterhaltsam und sehr kurzweilig. Das WEISSE RÖSSL entpuppt sich als vollkommen irrealer Ort, eine Mischung aus Postkartenidylle, Vintage-Modeparty und Multikulti-Show. Hier ist die gute Laune Programm, hier finden sich alle Liebenden – und zu allem Überfluss, Ottilie kann es gar nicht fassen: Die Leute singen und tanzen auch noch!

Bis die Paare sich gefunden haben – wie in allen früheren Fassungen sind dies Ottilie und Otto, der Zahlkellner Leopold und seine Josepha und der schöne Sigismund nebst Klärchen, gibt es viel zu sehen, zu hören und zu staunen. Die Tänze (tolle Choreographie von Kim Duddy!) haben Schmiss und kombinieren in tollen Bildern geschickt Altes und Neues. Die Musik wurde prächtig aufgejazzt und neu arrangiert. Sie bedient, wie in der ursprünglichen Bühnenfassung, unterschiedliche, auch aktuelle Stilrichtungen, und das passt fast immer sehr gut, auch vom Tempo und vom Timing. Lediglich der musikalische Schuhplattler-Watschen-Wettkampf ist etwas lang geraten. Das gleiche Prinzip wie für Inhalt und Musik gilt auch für die Besetzung: Manches wird bewahrt, einiges aufpoliert und gegen den Strich gebürstet. Der Leopold ist nicht mehr die Hauptrolle, aber Fritz Karl gibt ihm Charme und Witz, ganz anders als seine Majestät Peter Alexander der Große, aber mit viel jungenhafter Power und einigem Schmelz in der Stimme.

Gesanglich wurde mehr auf Authentizität als auf stimmliche Brillanz geachtet. Man kennt dieses Erfolgsrezept aus Filmmusicals wie „Mamma Mia“ – es lässt den Charakteren die Möglichkeit, beim Singen in ihren Rollen zu bleiben. Sehr gut macht das beispielsweise Diana Amft als Ottilie – eine sympathische Heldin, die mit erheblicher Kratzbürstigkeit ihre Sehnsucht nach Romantik tarnt, aber im Gesang regelrecht aufblüht. Ihr hartnäckiger Verehrer, der welt- und wortgewandte Anwalt Otto Siedler, ist ein liebenswerter Sturkopf, zugleich altmodisch und hip. Tobias Licht gibt ihm den nötigen Schwung. Ein besonderes Glanzlicht ist Armin Rohde als Ottiliens Vater Wilhelm Giesecke, vermutlich der erste Späthippie in dieser Rolle. Er wirkt auf angenehme Weise berlinerisch, nicht als Witzfigur. Das gilt auch für die Österreicher, die hier eben nicht die Dorfdeppen oder die walzerseligen Schmalztüten spielen müssen. Die Josepha, Leopolds große Liebe, ist folgerichtig auch keine muttihaft tändelnde Überhausfrau, sondern dank Edita Malovcic eine zarte Gazelle mit exotischem Charme. Und der schöne Sigismund … diese klassische Karikatur eines Frauenhelden hat hier eine zeitgemäße und sehr überraschende Interpretation gefunden: Gregor Bloéb spielt ihn als vollkommen durchgeknallten Angeber mit herrlich beknacktem, wenn auch psychologisch fundiertem Hintergrund.

Das alles zu sehen, macht sehr viel Spaß. Ich habe mich großartig amüsiert und ziehe mein Hütchen vor den mutigen Filmemachern und vor allem vor den Drehbuchautoren, die nach einer zeitlosen Vorlage einen sehr jungen, herrlich albernen Film geschaffen haben. Denn nichts ist schwerer als das Leichte, oder, um mit dem britischen Schauspieler Edmund Kean zu sprechen, der auf dem Totenbett sagte: „Dying is easy, comedy is hard.“
Und wer nicht erkennt, dass es einfach großartig ist, wenn „Im Salzkammergut“ sich auf „da kamma gut“ reimt, dem ist sowieso nicht zu helfen.

Gaby Sikorski