In the Darkroom

Immer nur als „Frau von“ bezeichnet zu werden, ist kein leichtes Schicksal, erst recht nicht, wenn der betreffende Mann ein berüchtigter Terrorist ist. Wie sehr Magdalena Kopp, die Frau von Carlos, dem Schakal, ihre Ehe mit einem vorgeblichen Freiheitskämpfer gezeichnet hat, ist die erschütternste Erkenntnis in Nadav Schirmans Dokumentation „In the Darkroom.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland/ Israel 2012
Regie, Buch: Nadav Schirman
Dokumentation
Länge: 90 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 26. September 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In den siebziger Jahren war Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos, der Schakal, der Posterboy des internationalen Terrorismus. So cool, lässig und gut aussehend wie in Olivier Assayas Biopic „Carlos“ war er in Wirklichkeit zwar nie, doch auf eine junge, idealistische und sicherlich auch etwas naive junge Frau wird der selbst ernannte Freiheitskämpfer eine gehörige Faszination ausgeübt haben.

Diese Frau war Magdalena Kopp, geboren 1948 in Neu-Ulm, die um 1970 zu den Mitbegründern der Revolutionären Zellen gehörte und auf diesem Wege bald auch Carlos kennen lernte. Der verübte in den 70ern im Auftrag illustrer Geldgeber wie Muammar Gaddafi Terroranschläge, wurde durch die Geiselnahme bei der OPEC-Konferenz 1975 weltberühmt und verstand sich als Speerspitze der internationalen Revolution. 1979 wurden sie ein Paar, 1982 wurde Kopp verhaftet, was Carlos zu einer Serie von Anschlägen in Paris veranlasste: Aus Liebe wollte er Kopp frei bomben. Das Paar zog nach Kopps Freilassung nach Syrien, wo die Tochter Rosa geboren wurde. Während Kopp 1992 in Carlos Heimat Venezuela zog, wurde ihr Mann 1994 im Sudan verhaftet. Seit 1995 lebt Kopp wieder in Neu-Ulm.

Soweit die bloßen Fakten der Geschichte, die inzwischen in zahllosen Büchern, Dokumentationen und Spielfilmen ausgebreitet wurden und denen kaum etwas Neues hinzuzufügen ist. Dennoch verbringt der israelische Dokumentarfilmer Nadav Schirman viel Zeit damit, sie noch einmal zu erzählen, was einerseits etwas ermüdend ist, andererseits durchaus ironisch. Zeigt es doch, wie wenig es über Magdalena Kopp – um die es in diesem Film ja eigentlich geht – zu sagen gibt, wie sehr sie sich über die Männer, die sie umgaben definierte.

In eine Dunkelkammer setzt Schirman seine Protagonisten, die mit ihrer strengen, betonharten Frisur, den grellrot geschminkten Lippen und ihrer blassen Haut mehr wie ein Geist wirkt als wie ein Mensch. Mit vollkommen emotionsloser Stimme berichtet Kopp aus ihrem Leben, ihrer Gedankenwelt, ohne Emphase spricht sie und wirkt mehr tot als lebendig. Wie sehr sie die Ereignisse ihres Lebens belasten, wie wenig sie ihre Entscheidungen verarbeitet hat – in Worte kann Kopp es nicht fassen, aber ihr Gesicht spricht Bände.

Ganze anders ihre Tochter Rosa, inzwischen Mitte 20, die erst beginnt, sich mit ihrer ungewöhnlichen Geschichte auseinanderzusetzen. In Palästina trifft sie auf einen Waffengefährten ihres Vaters, der nur lobende Worte für Carlos hat, und später, in einem Hochsicherheitsgefängnis, zum ersten Mal seit 20 Jahren Carlos selbst. Diesen Moment konnte Schirman nicht filmen, was vermutlich gar nicht schlecht ist. Nur das davor und danach kann er zeigen: Rosa Kopps Vorbereitung auf den Besuch im Gefängnis, wo ihr Vater eine lebenslange Haftstrafe absitzt, und das danach, wenn sie sich eingestehen muss, dass das Treffen sie deutlich mehr berührt hat als erwartet. Dies sind die stärksten Momente eines Films, der sich allzu oft damit begnügt, die bekannten Fakten noch einmal aufzuzeigen, statt sich mehr auf seine beiden Protagonistinnen einzulassen. – Auch wenn diese Gewichtung durchaus Symbolcharakter hat.

Michael Meyns

Der Film erzählt die dramatische Lebensgeschichte der Magdalena Kopp. Als sie halbwegs erwachsen war, wollte sie Photographin werden. Ihre Eltern fanden das nicht toll, ließen sie aber machen. Die erste große Liebe war der Michael. Dieser Liebe entsprang Anna. Soweit, so gut, so normal.

Dann erfuhr ihr Leben eine Wandlung. Sie stieß in den 68er Jahren auf „Revolutionäre“. Von denen gab es welche, die nur demonstrierten und aufrührerische Parolen herausschrien, aber es gab auch solche, die sich für die Gewalt aussprachen und diese im Untergrund auch anwandten. Letzteren schloss Magdalena sich an. Ihr Deckname: „Vera“. Der Terrorismus war nicht mehr fern.

Es kam zur Verbindung mit dem Radikalen Johannes Weinrich und später mit dem Venezolaner „Carlos“, der der meistgesuchte Terrorist der Welt werden sollte. Berühmt wurde dessen (sehr einträgliche) Geiselnahme der 0PEC-Minister in Wien.

Bald waren „Vera“ und Carlos ein Paar. Magdalena sollte in Paris einen Anschlag verüben, wurde geschnappt und kam vier Jahre ins Gefängnis. Danach wollte Carlos sie wiederhaben. Halb aus Liebe, halb aus Angst vor diesem Mann ging sie wieder zu ihm. Rosa wurde geboren.

Was waren in der späteren Zeit Carlos‘ Motive für seinen Terrorismus? Rebellion, Geldgier, Geltungssucht, Mordsucht? Genau weiß man es nicht. Jedenfalls verlor seine „Tätigkeit“ immer mehr an Bedeutung. Nur im arabisch-afrikanischen Raum konnte er noch sicher sein. Doch nicht mehr allzu lange. Magdalena konnte mit ihrer kleinen Tochter Rosa nach Venezuela zu Carlos‘ Familie ausreisen. Carlos selbst wurde verhaftet und zu lebenslänglich verurteilt.

In diesem Dokumentarfilm erzählt Magdalena Kopp, auf ihr Leben zurückblickend, teils mit Tränen in den Augen dies alles ausführlich. Warum sie nicht widerstanden hat, fragt sie sich. Sie fühlt sich mitschuldig an den Morden. Schreckliche Bilder gehen ihr nicht aus dem Kopf. Sie hätte eine Familie haben, eine Mutter sein wollen. Sie lebt zum großen Teil in der Vergangenheit. Sie grübelt vor sich hin. Sie ist allein, hat nur ihre Tochter Rosa.

Sie traf an einem wichtigen Punkt ihres Lebens eine falsche Entscheidung. Schicksal? Bis zu einem gewissen Grade verdient sie Mitgefühl. Sie verdient aber auch die unwiderrufliche Feststellung der Tatsache, dass sie zum großen Teil verantwortlich ist für das, was durch sie, mit ihr und um sie herum geschehen ist.

Gekonnt gestalteter Bericht über ein dramatisch-tragisches Lebensschicksal.

Thomas Engel