Iron Sky

„Nazis auf dem Mond“ – Diese Grundidee von Timo Vuorensolas „Iron Sky“ verspricht eher eine auf Spielfilmlänge ausgewälzte Kurzfilmidee. Doch das Endergebnis ist überraschenderweise deutlich interessanter, denn die auf den Mond emigrierten Nazis sind nur ein Teil einer weitreichenden Satire, die mit viel Chuzpe und keinerlei politischer Korrektheit um sich schlägt. Nicht unbedingt subtil, aber sehr unterhaltsam.

Webseite: www.ironsky-derfilm.de

Finnland, Deutschland, Australien 2011
Regie: Timo Vuorensola
Buch: Johanna Sinisalo, Michael Kalesniko, Jarmo Puskala
Musik: Laibach
Darsteller: Julia Diete, Götz Otto, Udo Kier, Christopher Kirby, Tilo Prückner, Peta Sergeant, Stephanie Paul
Länge: 93 Minuten
Verleih: Polyband Medien GmbH, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 5. April 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Als Werbeaktion zur Wiederwahl der amerikanischen Präsidentin (optisch an Sarah Palin angelehnt, dazu noch einen Bush-artigen Südstaatenakzent sprechend) landet eine amerikanische Raumfähre auf dem Mond. Doch die beiden Astronauten, darunter James Washington (Christopher Kirby), der erste Schwarze auf dem Mond, machen eine erstaunliche Entdeckung: Die Nazis haben auf der dunklen Seite des Mondes eine gigantische Festung – natürlich in Form eines Hakenkreuzes – gebaut. Angeführt werden sie von Wolfgang Kortzfleisch (Udo Kier), dessen Autorität von Obert Klaus Adler (Götz Otto) untergraben wird, der selber Führer spielen will. Und dann gibt es da noch die hübsche – und natürlich Blonde – Renate Richter (Julia Dietze), die als Erd-Expertin jungen Pimpfen und Mädels alles beibringt, was für eine erfolgreiche Invasion der Erde nötig ist. Denn das ist das lang gehegte Ziel, dem man sich nun dank eines von Washington mitgeführten Smartphones nahe sieht: Die Rückkehr auf den Planeten, den man 1945 verlassen musste. Zu diesem Zweck befindet sich ein gigantisches Raumschiff mit Namen Götterdämmerung im Bau, doch um dies zu betreiben braucht es vieler Smartphones. Und so reisen Adler, Renate und der dank einer Injektion mit einem Albinoserum erbleichte Washington als Vorhut auf die Erde. Dort stehen ihnen nicht nur die radikale Präsidentin gegenüber, sondern vor allem deren karrieregeile Marketingexpertin Vivian Wagner (Peta Sergeant), die keinerlei Skrupel kennt, wenn es darum geht, ihr Produkt anzupreisen.

Man merkt: Subtil ist es nicht, was der finnische Regisseur Timo Vuorensola in seinem Film erzählt, und wirklich komisch ist „Iron Sky“ auch nur selten. Udo Kier zum xten Mal eine Naziparodie spielen zu sehen trägt eben nicht wirklich. Dankenswerterweise reitet „Iron Sky“ sein absurdes Konzept nicht zu Tode, sondern nimmt es als Anlass, eine viel weiter reichende Geschichte zu erzählen, die gerade in ideologischer Hinsicht sehr interessant ist. Denn mit zunehmender Dauer wird deutlich, dass hier eigentlich gar nicht die Nazis die wirklich Bösen sind, sondern eine satirisch überhöhte US-Regierung, die vollkommen egozentrisch agiert und sich in Allmachtsphantasien ergeht.

Zwar wurden die Nazis schon seit Jahrzehnten gern als bizarre Knallschargen inszeniert, angefangen von Steven Spielbergs „Indiana Jones“-Filmen bis hin zu den „OSS 117“-Spionagefilmparodien des „The Artist“-Regisseurs Michel Hazanavicius. Doch so harmlos wie hier wirkten Nazis selten. Zwar geht es ihnen wie meist um nicht weniger als die Weltherrschaft, doch mit ihren albernen Kostümen und überkandidelten Plänen wirken sie ungefähr so bedrohlich wie ein typischer James Bond-Bösewicht. Fast hat es den Anschein, dass die Nazis inzwischen zu Stereotypen im Inventar der Popkultur geworden sind, die mit ihrer markanten Ästhetik ähnlich leicht zu Parodien einladen wie Kreuzritter, Hunnen oder Wikinger.

Wie auch immer man dies bewerten mag, eigentliches Ziel der Satire von „Iron Sky“ sind die USA, die von einer tumben Präsidentin beherrscht werden, die die UN für ihre Zwecke missbraucht, willkürlich Atombomben wirft und auch sonst in genau jener grobschlächtigen Manier agiert, die gerade unter der Bush-Regierung zum weltweiten Abbild Amerikas geworden ist. Dieses zugegebenermaßen leichte Ziel bearbeitet „Iron Sky“ auf pointierte Weise, was ihn zu einem stilistisch trotz minimalem Budgets ansehnlichen Film macht, vor allem aber einer in vielerlei Hinsicht interssanten, ideologisch komplexen Satire.

Michael Meyns

Unglaublich aber wahr: Die Nazis haben sich vor über 70 Jahren mit sogenannten Reichsflugscheiben auf die hintere, also dunkle Seite des Mondes begeben, um dort in einem riesigen Komplex in Form eines Hakenkreuzes die Rückkehr zur Erde und die Eroberung der Weltherrschaft vorzubereiten. Der „Führer“ heißt nun Kortzfleisch; unterstützt wird er vom Nachrichtenübermittlungsoberführer Klaus Adler und der strammen Nazi-Lehrerin Renate Richter, Tochter des Wissenschaftlers Richter, der mit seiner „Götterdämmerung“ genannten Maschine die Rückkehr zur Erde vorbereitet.

In Washington bereitet sich die US-Präsidentin auf eine Wiederwahl vor, und ihre Chancen sollen dadurch steigen, dass sie wieder Astronauten zum Mond schickt. Einer davon, der ausgerechnet James Washington heißt, wird von den Nazis gefangen. Sein Smartphone kann Richter für den Betrieb der Götterdämmerung gut gebrauchen, und deshalb werden Washington und Adler nach New York fliegen, um noch mehr dieser Geräte zu beschaffen. Renate Richter reist heimlich mit.

Im Weißen Haus kommt es fast zur Verbrüderung, weil den Amerikanern eine Nazi-Ideologie aufgetischt wird, die sie verführerisch finden. Glücklicherweise werden Renate nicht zuletzt anhand des Chaplin-Films „Der große Diktator“ rechtzeitig die Augen geöffnet. Jetzt kann sie – zusammen mit James Washington – für die rechte Sache kämpfen.

Bei den anderen geht der Kuddelmuddel weiter. Adler will „Führer“ werden, die US-Präsidentin lässt es auf einen Krieg ankommen, Kortzfleisch rückt mit seinen modernisierten Reichsflugscheiben gegen die Erde vor. Usw.

Manchmal bleibt einem das Lachen fast im Halse stecken, aber Achtung, es handelt sich um eine herrliche Satire. Wie
armselig Machtstreben schon immer war und bis heute geblieben ist, hier wird es offenbar.

Mit flüssiger Regie, mit riesigem Aufwand, mit modernstem digitalem Geschick, mit Darstellern, die sich in ihren kaputten Rollen sichtlich wohl fühlen, mit einer hanebüchenen Story, mit ausgeklügelter Musik (Volkslieder und Wagner), mit Unterhaltungswert ist das gemacht.

Thomas Engel