It might get loud

In seiner faszinierenden Dokumentation „It might get loud“ huldigt Oscarpreisträger Davis Guggenheim der treuen Geliebten des Rock. Denn schließlich macht erst der satte Sound der E-Gitarre den ultimativen Rocksong. Musikliebhaber aus drei Generationen kommen bei seiner Rockumentary voll auf ihre Kosten, wenn die Gitarrengötter Jimmy Page von den legendären Led Zeppelin, The Edge von U2 und Jack White über ihre Suche nach dem perfekten Riff, ihrer Inspiration und der Liebe zur Musik erzählen. Ein Fest, nicht nur für Guitar-Heros.

Webseite: www.itmightgetloud.de

USA 2008
Regie: Davis Guggenheim
Darsteller: Jack White, Jimmy Page, The Edge
Länge: 97 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 27.8.2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf der Veranda eines alten Farmhaus in Tennessee spannt Gitarrist Jack White einen Draht über ein Stück Holz. Dann klemmt der 34jährige eine leere Colaflasche dazwischen und schließt sein Werk an einen Verstärker an. Keine Frage, auch so kann jemand eine E-Gitarre bauen. Als freilich der amerikanische Instrumentenfabrikant Leo Fender 1950 seine erste in Massenfertigung hergestellte E-Gitarre auf den Markt bringt, ist dies nicht nur eine technische Neuerung sondern löst eine Kulturrevolution aus. Mit der „Esquire“, aus der er später die „Telecaster“ und „Stratocaster“ entwickeln sollte, erfindet Leo Fender die Popmusik. Ein halbes Jahrhundert lang, bis zur totalen Elektronifizierung, ist dabei die E-Gitarre das dominierende Instrument, das die Luft über den Konzertbühnen erzittern lässt. Und der Gitarrist ihr absoluter Held.

Regisseur Davis Guggenheim wählte für sein mitreißendes Rockumentary seine drei Protagonisten äußerst klug aus. Denn sie stammen nicht nur aus drei Generationen. Sondern in ihren Portraits spiegelt sich gleichzeitig der Auf- und Abstieg der E-Gitarre wieder. Als Gitarrenlegende Jimmy Page Ende der 60er-Jahre bei Led Zeppelin anfängt, stellt sie noch das zentrale Instrument im Pop dar. Pages Riffs und sein markanter Sound helfen freilich dabei, dass der ältere Bluesrock nach und nach zum trashigen Genre Heavy Metal mutiert. Ende der 70er Jahre als The Edge bei U2 beginnt, trennen Punk und Postpunk das Gitarrenspiel bereits von seinen Wurzeln im Blues. Es geht nicht mehr allein um handwerkliche Virtuosität. Gefragt sind vor allem neue Sounds und Effekte. Eine Veränderung, über die The Edge im Film erstaunlich offen reflektiert.

Während Pages vom Blues beseeltes Spiel erdig und dreckig ist, macht sein Soundarsenal deutlich, dass er eigentlich eine ganze Soundmaschine ist. Kein Wunder. Schließlich entwickelte sich sein unvergleichbarer Stromgitarrenstil mit seinen komplexen Delay- und Echo Effekten zum Markenzeichen der irischen Rockband. Das 47jährige Gründungsmitglied war immer das Gegenteil des klassischen Gitarrenhelden: keine breitbeinigen Posen, wenig Soli, stattdessen verknüpfte er die Akkorde zu einem fulminanten Klangteppich. Auch im Film wirkt der eher ernsthafte David Evans, so sein bürgerlicher Name, keine Spur exzentrisch.

Als dagegen Jack White, der Gitarrist des Neo-Garagenrockduos The White Stripes, in den Neunzigerjahren das Gitarrespielen lernt, gilt die Gitarre bereits als Relikt. Wer angesagt sein will, rappt, scratcht und sampelt. White rebelliert dagegen. So entwickelt sich Guggenheims Rockumentary zur erhellenden Geschichtslektion des unverwüstlichen Gitarrenrocks. Stolz führt der liebenswerte Nostalgiker White im Film seinen Lieblingssong der schwarzen Delta-Blues-Ikone Son House vor, der nur aus rhythmischem Klatschen und Gesang besteht – aber dennoch rockt. „Wir haben die White Stripes erfunden und hinter dieser infantilen Ästhetik und dem ganzen Style versteckt“, sagt der durchgestylte Analog-Freak. „Und dabei versuchen wir im Grunde immer nur diesen Song zu spielen – bis heute“.

Zu den unbestrittenen Höhepunkten der dramaturgisch exzellent aufgebauten Dokumentation zählen die gemeinsamen Jam-Sessions der sympathischen und gut gelaunten Ausnahmekünstler. Als Rockgigant Jimmy Page jedoch das Opening-Riff von „Whole Lotta Love“ anstimmt, schauen die beiden Jüngeren dem agilen 65jährigen, der damit Rockgeschichte schrieb, erst einmal bewundernd zu. In einer herrlichen Einstellung zum Schluss finden die drei leidenschaftlichen Musiker dann bei einer akustischen Version des Summer-of-Love Klassikers „The weight“ von der legendären Country-Rockformation „The Band“ in Bestform zusammen. Guggenheims Kameramänner Erich Roland und Guillermo Navarro fangen die Sequenz perfekt ein.

Luitgard Koch