Jackie – wer braucht schon eine Mutter

Auf den scheinbar ausgetretenen Pfaden des Road-Movies gelingt es der niederländischen Regisseurin Antoinette Beumer, dem Genre eine wunderbare Aktualisierung zu verpassen und die darin durchlebte Krise und Selbstfindung in moderne Familienstrukturen zu übersetzen. „Jackie“ ist ein warmherziger, unterhaltsamer und überraschender Film über drei starke Frauen, die sich der Frage stellen, was Herkunft für sie bedeutet und sich darauf einlassen, dass die Antwort ihr bisheriges Leben grundlegend verändern wird.

Webseite: www.jackie-derfilm.de

Niederlande, USA 2012
Regie: Antoinette Beumer
Buch: Marnie Blok und Karen van Holst Pellekaan
Darsteller: Carice van Houten, Jelka van Houten, Holly Hunter, Mary Woods, Howe Gelb
Länge: 98 Minuten
Verleih: Schwarz Weiss
Start: 18.7.2013

PRESSESTIMMEN:

"Gelungene Synthese amerikanischer Road-Movie-Topoi mit konfliktbehafteten Mutter-Töchter-, bzw. Schwester-Schwester-Konstellationen. Großartig gespielt und mit leichter Hand inszeniert, überrascht der Film vor allem mit einer "neuen" Definition des Begriffs "Mutter". – Sehenswert."
FILM-DIENST

FILMKRITIK:

Es ist zum Großteil der Schwester von Beumer, Star-Schauspielerin Famke Janssen zu verdanken, dass für diese kleine Indie-Perle Oscar-Preisträgerin Holly Hunter engagiert werden konnte, die ihre Rolle als mysteriöse, schroffe Hippie-Mutter mit Indiana-Jones-Faktor hervorragend, und ohne vieler Worte zu bedürfen, ausfüllt. Als diese mit einer komplizierten Knochenfraktur ins Krankenhaus eingeliefert wird und sich als nicht sehr kooperativ erweist, kontaktieren die Pfleger in ihrer Not die Töchter Sofie (Claire van Houten) und Daan (Jelka van Houten) in den Niederlanden. Doch die Verwandtschaftsbeziehung ist komplexer als gedacht – die beiden Zwillingsschwestern sind nämlich bei ihren schwulen Vätern Harm und Marcel aufgewachsen, Jackie ist zwar ihre Leihmutter, doch nach der Geburt der beiden ließ sie sich nicht wieder blicken.
So löst nun die Bitte, in die USA zu reisen und Jackie in eine Reha-Klinik zu bringen, gemischte Gefühle in den Schwestern aus – beide blicken auf eine glückliche, liebevolle Kindheit zurück, in der sie eigentlich nichts vermisst haben, auch wenn der Gedanke an die unbekannte Mutter zumindest die sensible Daan sehr beschäftigt hat; die resolute Sofie macht schon der Gedanke, sich mit dieser „Eizellenspenderin“ konfrontieren zu müssen, höchst aggressiv.

Wenngleich mit nur zehn Minuten Zeitunterschied geboren, könnten die Schwestern auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Während die eine besessen von ihrer Karriere, kontrollsüchtig und bindungsunfähig ist, resigniert die andere vor jeder Herausforderung und lässt sich von ihrem Ehemann unterbuttern – offensichtlich funktioniert auch die Kommunikation zwischen den beiden eher schlecht als recht, doch Jackie stellt sie vor noch eine größere Hürde.

Zunächst werden alle Annäherungsversuche von der biestigen, verschrobenen Frau abgeblockt und die Überführung in die Klinik gestaltet sich komplizierter als gedacht: Fliegen fällt wegen eines geplatzten Trommelfelles aus und auch sonst weigert sich Jackie, ihren verfallenen Wohnwagen zu verlassen, so dass nur die Möglichkeit der konfliktreichen Fahrt mit diesem alten Klappergestell durch die kargen Weiten von New Mexico bleibt.

Beumer gelingt es im Laufe des Films immer mehr, die Charaktere, welche zunächst etwas reißbrettartig entworfen anmuten, mit Leben zu füllen und sie im Zuschauerherz zu verankern. Die tatsächliche Verwandtschaft der beiden Hauptdarstellerinnen, die dem ein oder anderen aus der Erfolgsserie „Game of Thrones“ bekannt sein könnten, trägt wohl ebenfalls zur Authentizität im Spiel von ihnen bei. Ein durchweg gelungenes Drehbuch begleitet die Reise der drei ungleichen Frauen, das stellenweise etwas „Thelma & Louise“-Luft atmet, aber gedämpfter bei den Charakteren bleibt, als zu einer Outlaw-Geschichte zu werden. Auch wenn natürlich klar ist, dass Sofie lernen muss, ihren Selbstwert nicht allein aus der Bestätigung durch beruflichen Aufstieg zu ziehen und Daan die Angst vor der Selbstständigkeit zu überwinden hat, verfolgt man ihre Entwicklung gern, vor allem weil Holly Hunter mit ihrem reduzierten aber wirkungsvollen Spiel sehr viel dazu beiträgt, dass diese Entwicklungen Glaubwürdigkeit erhalten.

Zudem ist die Figurenkonstellation recht ungewöhnlich – sind es doch im Regelfall eher die Väter, die im Film durch Abwesenheit und Wortkargheit glänzen und sich auf der Reise über den Asphalt ihren verlorenen Söhnen widmen. „Jackie“ bricht mit diesem Klischee und zeigt Frauen, die aus der Rolle fallen und keine Lust verspüren, Erwartungen zu erfüllen, aber aufgrund ihrer gegenseitigen Solidarität schließlich einen großen Gewinn aus der Gemeinschaft ziehen können.

So unterläuft der Film ebenfalls traditionelle Ideen von Blutsverwandtschaft und familiärem Determinismus auf wunderbare Weise mit seinem äußerst originellen Ende, das den Zuschauer mit einem zeitgemäßen Statement (besonders in Hinblick auf Proteste gegen die Homo-Ehe) entlässt. Familie ist ein flexibler Begriff, er bezeichnet sämtliche Relationen, die uns hervorgebracht haben und er ist stets erweiterbar. Oder wie Sofie es sagen würde: Jede Mutter könnte meine Mutter sein. Was Verwandtschaft wirklich ausmacht, ist die Bereitschaft, einen Menschen wahrhaftig in sein Leben hinein zu lassen und ihn ein Stück des Weges zu begleiten.

Silvia Bahl

Die Rezeptur ist einfach: Zwei charakterlich ziemlich unterschiedliche Zwillingsschwestern machen sich auf die Reise, ihre unbekannte Mutter zu finden. In der Wüste New Mexicos kämpfen sie mit Klapperschlangen, aufdringlichen Männern und streikenden Autos. Das möchte die niederländische Regisseurin Antoinette Breumer eigentlich als feinfühliges Roadmovie inszenieren, doch herauskommt eine Familiendrama-Komödie mit Slapstickgags und einem Hauch „Thelma & Louise“.

Man weiß, dass die giftige Schlange gleich kommt: Sofie (Carice van Houten), Großstadtfrau erfolgreiche Redakteurin bei einem Lifestyle-Magazin, nutzt die Morgenstunden, um in der Wüste New Mexicos ein paar Yoga-Übungen zu machen und legt zwischen knorrigen Büschen und blassroter Erde ihre Matte aus. Die Kamera schwenkt auf den Wohnwagen, plötzlich hört man Sofie schreien: „Eine Schlange! Sie hat mich gebissen!“ Daan (Jelka van Houten, die zwei Jahre jüngere Schwester von Carice van Houten) stürmt heraus und legt die Hände aufs entsetzte Gesicht, doch zum Glück gibt es noch die Wildnis erprobte Mutter Jackie (Holly Hunter), die mit einem gekonnten Griff die Schlange packt, aufschlitzt und über dem morgendlichen Lagerfeuer röstet. „Schmeckt gar nicht so schlecht!“, jubelt Daan kurz darauf, während sich ihre Schwester noch vor Schmerzen auf dem Boden windet.

Ein Film wie Mahlen-nach Zahlen: Nach strenger Vorgabe und theoretischen Richtlinien konstruiert Regisseurin Antoinette Breumer eine haarsträubende Geschichte der Gegensätze – seit jeher Ausgangspunkt für jedes Roadmovie. Sofie und Daan, beide keinerzeit um einen gepflegten Konflikt verlegen, reisen überstürzt in die USA, um zum ersten Mal ihrer Mutter zu begegnen. Jackie ist schwer krank und muss in eine Art Reha-Zentrum verlegt werden, das gefühlt am anderen Ende des Kontinents liegt. Also steigen die drei unterschiedlichen Damen in einen dieser üppigen amerikanischen Vans, die so groß sind wie ein kleines Haus, und gucken, was Straße und Schicksal so mit ihnen vor haben.

Leider nicht viel Originelles. Mit Versatzstücken aus Genre-Klassikern wie „Thelma & Louise“ und „Transamerica“ begegnet das Trio einer Vielzahl von grotesker Landbevölkerung mit unförmigen Gesichtern, aufdringlichen Rednecks und anderen sonderbaren Gestalten, wie man sie nur in der Einöde des US-amerikanischen Südwestens findet. Die Story tappt dabei von einer Klischeefalle in die nächste: Das eisige Verhältnis zwischen verstörter Mutter und quirliger Töchter wird scheinbar problemlos und schnell überwunden, während die nervig-dominanten Männer aus der Heimat mit kernig-frechen Sprüchen per Webcam oder Handy in ihre Schranken gewiesen werden. Natürlich liefert der Film auch allerhand schöne Schauwerte, die das befreiende Wüstenfeeling und das Roadtrip-Erlebnis auf pittoreske Weise ausstaffieren. Doch genau darin liegt auch die Crux, das extrem kurzweilige Mutter-Töchter-Drama hat in etwa die Halbwertszeit eines schönen Bildbands auf dem Coffetable im Wohnzimmer: Man blättert ein wenig darin, freut sich über ein paar schöne Aufnahmen…

David Siems