Jahreszeit des Glücks

Die Neue Welt, Amerika oder der goldene Westen haben als Orte der Sehnsucht offenbar ausgedient. Das Paradies liegt irgendwo in der Heimat – und sei sie noch so elend, karg und schwierig. Mit diesem Gedanken und ein bisschen Hoffnung lässt der tschechische Regisseur Bohdan Sláma („Wilde Bienen“) seinen vielfach preisgekrönten Film ausklingen. In seiner Heimat erzielte das mit tschechischen Stars besetzte Drama einen Zuschauerrekord.

Webseite: www.die-jahreszeit-des-gluecks.de

Tschechien/ Deutschland 2005
O: Stêstí
R+B: Bohdan Sláma
D: Tatiana Vilhelmová, Pavel Liska, Anna Geislerová, Marek Daniel, Bolek Polívka, Simona Stasová, Martin Huba, Zuzana Kronerová
Format: 35 mm
L: 102 Min.
Verleih: Neue Visionen
Start: 20. April 2006

PRESSESTIMMEN:

Nein, es ist keine alkoholgeschwängerte, postkommunistische Elends-Elegie. Auch wenn es auf den allerersten Blick so aussieht. ‘Die Jahreszeit des Glücks’ ist tschechisches Nouvelle-Vague-Kino in Scope, mit Pan-Tau-Charme, herzerwärmendem Erzählzauber und atmosphärischem Gespür. Eigentlich ein Märchen. Im Gewand eines Sozialdramas…
Eine Glücks-Parabel… Schön, wie der Film sich nach der anfänglichen Tristesse einer melancholischen Poesie öffnet, wie er dabei die verschiedenen Charaktere zeichnet und ins Gleichnishafte hebt. Das Glück läßt sich nicht einfach schmieden. Es ergibt sich aus Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Liebe zu den Dingen.
Süddeutsche Zeitung

Ein unidyllisches Bild der tschechischen Gegenwart… Ein feiner, auf vielen Festivals ausgezeichneter Film über Sehnsüchte und Hoffnungen, die sich auch im Hier und Jetzt verwirklichen lassen. – Sehenswert.
Tip Berlin

Das tragikomische Sozialdrama über die Sehnsucht dreier befreundeter Menschen nach ein bißchen Glück besticht durch ein exzellentes Ensemble, einen warmherzig-poetischen Erzählton und seine konsequente humanistische Haltung. …so hat die leise Tragikomödie das Potentzial, die Herzen vieler Filmkunstliebhaber zu erwärmen.
Filmecho

Ein mehrfach preisgekröntes Ensemble-Drama in bester Milos-Forman-Tradition.
Süddeutsche Zeitung

"Mit sanfter Eigenwilligkeit schuf Regisseur Bohdan Slama ein überragend gespieltes DRama über menschliche Entscheidungen und ihre oftmals unerwarteten Folgen.
Hollywood Reporter

Die tschechische Superstar-Riege zaubert bewegende Momente.
KulturSPIEGEL

Ein warmherziges Drama von der Flüchtigkeit des Glücks. Die melodramatischen Alltagsgeschichten brachen in Tschechien alle Kassenrekorde.
Blickpunkt:Film

Preise:
Filmfestival Cottbus 2005: Publikumspreis, Preis der FIPRESCI – Jury; Donostia San Sebastian International Film Festival 2005: „Goldene Muschel“ für den Besten Film, „Silberne Muschel“ für die Beste Schauspielerin Ana Geislerová; Internationale Film Festival Athen 2005: „Golden Athena“ für den Besten Film; Festival du Nouveau Cinema de Montréal 2005: „Louve d‘Or“ für den Besten Spielfilm.

 

 

FILMKRITIK:

In seinen tragikomischen Geschichten über Liebe und Freundschaft spart Bohdan Sláma die Realität nicht aus und weiß gerade durch feinfühliges, genaues Erzählen zu bewegen. In Tschechien ist der Regisseur, der auch diesmal wieder die begehrtesten Jungstars des Landes als Schauspieler gewinnen konnte, der neue Regiestar. Bei uns gilt der „Enkel“ von Milos Forman noch als Geheimtipp.

Bohdan Sláma nennt sich selbst mit schelmischer Beschiedenheit einen Filmamateur und ist dennoch zurzeit der erfolgreichste tschechische Filmemacher, wie volle Kassen in den dortigen Kinos und ein wahrer Preisregen im Ausland beweisen. Dabei muss man sich auch in seinen neuen Film „Jahreszeit des Glücks“ genauso hinein finden, wie bereits bei seiner wunderbaren Dorfgroteske „Wilde Bienen“. Erneut stehen junge Menschen im Mittelpunkt und  deren Suche nach Liebe und Halt in einer unsicheren Umgebung. Sláma bleibt seiner eigenwilligen Machart treu und beginnt den Film mit spröden Skizzen aus dem Leben der Menschen in einer namenlosen Industriestadt (gedreht wurde in Most). Während die meisten Alten der neuen Zeit, angesichts eigener Chancenlosigkeit, zumeist resigniert und verbittert begegnen, versuchen Monika, Tonik und Dascha auf jeweils eigene Weise mit dem Wandel klar zu kommen. Alle wohnen sie in einer jener trostlosen Hochhaussiedlungen am Rande einer Industrieanlage.  Monika träumt vom Leben im Westen. Ihr Freund bereitet mit seiner Übersiedlung in die USA schon einmal das Terrain, um aus dem Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ihre Freundin Dascha setzt ihre ganze Hoffnung auf die bedingungslose Liebe zu einem verheirateten Mann. In ihrer selbst zerstörerischen Sehnsucht rinnt ihr der Alltag durch die Finger. Eine schwerwiegende Psychose und zwei völlig vernachlässigte Kinder sind die Folgen ihrer Kompromisslosigkeit. Tonik hat zwar dem Mietshaus den Rücken gekehrt, ist aber unübersehbar in Monika verliebt. Jetzt lebt er ganz in der Nähe bei seiner resoluten Tante in einem baufälligen Bauernhaus, in das es ständig regnet und das von den Baggern der Fabrik ebenso bedroht wird. Als Daschas Zustand sich so dramatisch verschlimmert, dass man sie einliefern muss, kümmern sich Monika und Tonik um die beiden kleinen Kinder. Die plötzliche Patchworkfamilie rückt Toniks Traum näher an die Realität. Monika sieht, wie der ambitionslose Streuner sich gerade in schwierigen Momenten bewährt. Mit Fleiß und Fantasie schaffen sich die beiden ein kleines Paradies. Doch das Glück erweist sich als wenig dauerhaft. Die Bemühungen scheinen zu verpuffen und nüchtern betrachtet kaum sinnvoller als der Ritt gegen Windmühlen.

Die Geschichten aus der Grenzlandgegend einer Gesellschaft, die zwischen Zukunft und Vergangenheit Mühe hat, in der Gegenwart zu leben, mögen ernsthafter und dramatischer sein als das pittoreske Treiben im Vorgänger „Wilde Bienen“. Doch die Figuren, teilweise verkörpert von denselben Jungstars, sind ebenso stimmig, facettenreich und kraftvoll gestaltet. Die Bilder zu dieser Lebenswelt wirken mitunter dokumentarisch. Sláma arbeiten mit Improvisation und viel Geduld. Gerade bei den beeindruckend authentischen Aufnahmen mit den verwahrlosten Kindern erreicht er eine Qualität und Genauigkeit, wie man sie im letzten Jahr nur bei dem japanischen Drama „Nobody Knows“ beobachten konnte. Wie Sláma die Sehnsüchte der Leute einfängt, ihre Eigenheiten schildert und in ihren Hoffnungen ernst nimmt, dass erinnert an die glaubwürdige Figurenzeichnung bei dem deutschen Chronisten kleinbürgerlicher Lebenswelten, Andreas Dresen. Genau im Detail, kompromisslos in der Schilderung sozialer Schieflagen, aber mit feinem Gespür für die Würde des Menschen. Bohdan Sláma mag seine Figuren und das Publikum liebt ihn dafür.

Norbert Raffelsiefen

 

 

Träger Gesang und müdes Gitarren-Geklampfe im Halbdunkel verheißen gleich im ersten Bild Schwere und Beladenheit für die nächsten 100 Minuten. In der nächsten Szene verabschiedet die Hauptfigur Monika (Tatiana Vilhelmová) ihren Freund Jiri nach Amerika und weint sich dann bei ihrer Mutter aus, die wiederum ihrem Mann Eifersucht auf die Auswanderungspläne der Tochter vorwirft. Die sanftmütige Monika freut sich auf das ferne Land, aber die Dramen im heimatlichen Hochhaus halten sie fest im Griff. Ihre labile, nymphomanische Freundin Dascha (Anna Geislerová), die dem tumben, verheirateten Verkaufsleiter Jara (Marek Daniel) verfallen ist, vernachlässigt ihre zwei Kinder. Als endlich Jiris Anruf aus Amerika in das weihnachtliche Vater-Unser-Gebet hineinklingelt und ein Flugticket wie auch einen Job verspricht, entscheidet sich Monika aber für ihre heimischen Verpflichtungen und kümmert sich liebevoll um die Kinder von Dascha, die inzwischen in die Psychiatrie eingeliefert wurde.

Unterstützung erhält Monika von ihrem ebenso selbstlosen Kinderfreund Toník (Pavel Liska, „Die Rückkehr des Idioten“). Mit ihm bildet sie für die Kinder eine Ersatzfamilie. Ruderbootausflüge auf einem Bracksee vor rauchenden Fabrikschloten bilden winzige Inseln des Friedens.Toník, der heimlich in Monika verliebt ist, sich in seiner willenslosen Schüchternheit aber auch mal von Dascha im Fahrstuhl verführen lässt, wohnt auf dem halbverfallenen Bauernhof seiner unkonventionellen Tante. Hier rinnt der Regen durch die Decke, drumherum gruppiert sich die nordböhmische Schwerindustrie mit Schrottplätzen und Bergbauschächten.

Es bleibt kaum Luft zum Atmen in diesen vollgestellten, farblich faden Bildern. Bei Innenaufnahmen drängeln sich immer mindestens drei Menschen ins Bild und verströmen Nestatmosphäre. Sobald die Kamera düster-regnerische Außenaufnahmen unter grauem Himmel zulässt, steht auch hier überall etwas im Wege. Offensichtlich wurde für die Kulisse nichts arrangiert.

Ganz ohne Verklärung geht es dann doch nicht. Sláma stellt der fast dokumentarisch erfassten Misere die sanfte Güte seiner madonnenhaften Hauptfigur entgegen. Nicht nur von der aggressiven und selbstsüchtigen Dascha, sogar von der eigenen Mutter wird Monikas Aufopferungsbereitschaft kritisiert: „Warum spielst du eigentlich Jesus Christus? Es ist deine Sache, wenn du dein Leben versaust“.

Bohdán Sláma lässt seiner Protagonistin in vielen tristen Momenten der Sprachlosigkeit viel Zeit zum Nachdenken. Gleiches galt für die Dreharbeiten: „Ich lasse die Dinge immer offen, das ist so eine Art Selbstquälerei und Quälerei der anderen. Ich bin kein Profi, eher ein permanenter Filmamateur. Die Schauspieler waren oft voller Zweifel, ob ich überhaupt noch urteilsfähig bin.“ Dass aus dem Originaltitel „Stêstí“ (Glück, Freude) für das deutsche Kino „Die Jahreszeit des Glücks“ wurde, ist nur am Rande nachvollziehbar, plausibler ist der englische Verleihtitel „Something like Happiness“. Aber wie zart und formvollendet Bohdán Sláma zum Schluss die Gewissheit verbreitet, dass Monika ihren Weg finden wird, dies stimmt auch den Zuschauer irgendwie glücklich.

Dorothee Tackmann