Jellyfish

Menschen auf der Suche nach (innerer) Rettung, davon handelt der israelische Spielfilm des Künstlerpaares Shira Geffen und Etgar Keret. In ihrer 2007 in Cannes mit der Goldenen Kamera für den besten Debütfilm ausgezeichneten Umsetzung dreier Kurzgeschichten folgen sie drei Frauen in ihrem Alltag durch ein modernes Tel Aviv. Politische Konflikte bleiben darin ausgespart, dafür aber kommen emotionale Ungleichgewichte zum Vorschein. Nicht immer ist dabei klar, inwieweit es sich beim Gezeigten um die Realität oder einen Traum handelt. Genau in dieser Ambivalenz liegt der Reiz dieser rätselhaft melancholischen Tragikomödie.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Originaltitel: Mezudot
Israel/Frankreich 2007
Regie: Shira Geffen und Etgar Keret
Darsteller: Sarah Adler, Naama Nissim, Ma-Nenita De Latorre, Zharira Charifai, Gera Sandler, Ifanit Ben Ya’akov, Nikol Feidman
78 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Start am 13.3.08

PRESSESTIMMEN:

 

In mehreren ineinander verschachtelten Geschichten, deren Palette vom sozialkritischen Realismus bis zum Märchen reicht, nähert sich der Film unaufgeregt dem multikuturellen Alltag in Israel. Das stimmungsvolle Mosaik strahlt große stilistische Ruhe aus, wobei die häufigen Perspektivwechsel nie als Brüche erscheinen. Ein berührendes Bild Israels, das durch den Verzicht auf Tagesaktualität dem Land eine neue Textur verleiht. – Sehenswert.
film-dienst

Ein liebevoller versponnener, kurzweiliger Großstadtreigen.
Der Spiegel

Tiefe Einsichten, schnelle Trugbilder, Melancholie und Ironie verleihen diesem Film eine fesselnde Hintergründigkeit. Kein Wunder, basieren die Episoden doch auf den Kurzgeschichten des israelischen Kultautors Etgar Keret. – Sehenswert.
Tip Berlin

FILMKRITIK:

Batya ist wahrlich nicht zu beneiden. Als Kellnerin eines Catering-Sevices bei Hochzeiten muss sie die immer gleichen Rituale feucht-fröhlicher Gesellschaften ertragen, nicht zu schweigen ihren ständig nörgelnden Chef. Ihr Freund hat sie verlassen, zuhause tropft die Decke, den ignoranten Vermieter kümmert es nicht. Doch dann rettet sie ein namenloses stummes, nur mit Badehose und Schwimmring bekleidetes Mädchen aus dem Meer.

Für Keren sind die bevorstehenden Flitterwochen beendet, bevor sie überhaupt begonnen haben. Auf ihrer eigenen Hochzeit bricht sie sich nach einem Sturz aus einer versperrten Toilette das Bein, statt Karibik folgen Tage in eher langweiligen Tel Aviver Hotelzimmern, wo Baustellenlärm und stinkende Abflussrohre den Aufenthalt unerträglich machen. Der Gatte genießt derweil Zigarettenpausen mit einer geheimnisvollen Schriftstellerin.

Dritte im Bunde der die lose miteinander verknüpften Erzählstränge vorgebenden Frauen ist die Philippinin Joy. Zu gerne würde sie in einem Haushalt mit Kindern arbeiten, wird aber nur zu älteren Menschen vermittelt, die sich erstens nicht helfen lassen wollen und zweitens auch Vorurteile gegenüber ihr als Ausländerin haben. Wie die anderen drei Protagonistinnen kämpft auch Joy, die in ihrer Heimat einen kleinen Sohn hat, gegen ihre Einsamkeit an. Auch ihr bieten sich in der Begegnung mit anderen, oft frustriert wirkenden Figuren immer wieder Gelegenheiten, ihr ungestilltes Verlangen nach Kommunikation zu kompensieren.

Großartig an diesen vom israelischen Bestsellerautor Etgar Keret beruhenden und gemeinsam von ihm mit seiner Lebenspartnerin Shira Geffen verfilmten Kurzgeschichten über Menschen auf der Suche nach innerer Rettung ist die in einem Schwebezustand zwischen Realität und Traumwelt befindliche Atmosphäre. In allen Geschichten werden dabei auch Erinnerungen, Gefühle oder Wünsche projiziert – wobei offen bleiben kann, ob sich Vergangenes tatsächlich so ereignet hat oder manches doch nur einem Traum entspricht. In Batyas Unterbewusstsein etwa rattert nach einem Unfall ein Super-8-Film ab, der ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit transportiert und die Frage aufwirft, ob das Schwimmringmädchen nicht gar sie selbst gewesen ist.

Diesem Gegensatz zwischen Rationalem und Unterbewusstem entspricht auf formaler Ebene die im Zusammenspiel zwischen Stadt und Meer aufgebaute Spannung. Wie – im Titel ist es angedeutet – Quallen (= Jellyfish) treiben die Figuren zwischen diesen Welten, geraten bei aller Ernsthaftigkeit aber doch auch immer wieder in Situationen, die von außen betrachtet komisch und heiter wirken. Dem Film gibt dies einen tragikomischen Anstrich – etwa in einer Szene, in der Shakespeare in dadaistischer Form zu Ehren kommt. Dem träumerischen Schwebezustand seiner Figuren wird „Jellyfish“ aber auch in seiner künstlerischen Bildsprache immer wieder gerecht. Dass vieles stilisiert und konstruiert wirkt, stört in keinerlei Weise – gerade die dadurch aufgeworfene Poesie und Rätselhaftigkeit verleihen diesem frei von politischen Ambitionen stehenden israelischen Film seine besondere Note.

Thomas Volkmann
 

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Shira Geffen, Schauspielerin, und Etgar Keret, Schriftsteller, sind israelische Künstler, die in Tel Aviv leben, in einer Stadt also, die immer zumindest unterschwellig vom israelisch-palästinensischen Konflikt überschattet ist. Diese Melancholie ist, wie die Autoren im Begleitmaterial selbst andeuten, aus ihrem gemeinsamen Film herauszuspüren.

Dieser ist aus drei Kurzgeschichten zusammengesetzt – drei Begebenheiten und Schicksale also. Da ist zuerst einmal Keren, die frisch verheiratete Braut, die sich auf der Hochzeitsfeier ein Bein bricht. Da kommt die geplante Hochzeitsreise in die Karibik natürlich nicht mehr in Frage. Stattdessen muss Keren in Hotelzimmern herumsitzen, wo sie auf eine geheimnisvolle Dichterin trifft. Ungeahnt trägt diese zum besseren Verständnis zwischen den Brautleuten bei, was auch höchst nötig ist.

Batya findet am Strand ein kleines Mädchen, das dem Meer entsprungen scheint – ob real oder imaginär wird weder ganz klar noch ist es im Grunde von Bedeutung. Das Kind ist wie ein Medium, durch das Batya in ihre Kindheitserinnerung zurückkehrt und zugleich aus ihrem traumähnlichen Zustand erwacht.

Die Philippinin Joy arbeitet bei der alten Malka als Pflegerin. Unbeabsichtigt wird Joy zu so etwas wie einer Vermittlerin zwischen der alten Dame und ihrer Tochter Galia, einer exzentrischen Schauspielerin. 

Es ist kein rational intendierter, linear erzählter Film. Vielmehr werden die Protagonisten eher abstrakt wie in einem Schwebezustand (übrigens nicht ohne Humor) gezeigt – auf der Suche nach Stabilität, nach Gleichgewicht, nach der Befreiung aus der Einsamkeit, nach Kommunikation, nach der Rettung aus Absurdem.

Der nüchterne, reduzierte, absichtlich einfache Bildstil ebenso wie die kargen Dialoge sind dem angepasst. Leicht ist der Zugang zu dem Werk nicht, aber künstlerisch, von der Schilderung seelisch-geistiger, traumatisch-pessimistischer, ja sogar – latent – politisch-realistischer Zustände her ist „Jellyfish“ immerhin beachtenswert. Die Caméra d’or in Cannes (2007) gab es schon. Der Titel ist metaphorisch aufzufassen und steht für die Quallen, die mehr oder weniger unkontrolliert und unorientiert im Wasser bzw. im Meer treiben.

Thomas Engel