Jenseits der Hügel

Mit „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ gewann der rumänische Regisseur Cristian Mungiu die Goldene Palme und zahlreiche andere Preise. Fünf Jahre dauerte es, bis sein nächster Film erneut in Cannes Premiere feierte und nun endlich auch in deutschen Kinos kommt. An die Klasse seines großen Erfolges kann er zwar nicht anknüpfen, dennoch ist „Jenseits der Hügel“ ein weiterer sehenswerter Film aus Rumänien.

Webseite: www.peripherfilm.de

Rumänien 2012
Regie, Buch: Cristian Mungiu
Darsteller: Cosmina Stratan, Cristina Fluter, Valeriu Andriuta, Dana Tapalaga, Catalina Harabagiu, Gina Tandura
Länge: 150 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 14. November 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Anfang der Nuller Jahre im östlichen Rumänien. Nach Jahren in Deutschland kehrt Alina (Cristina Fluter) in ihre Heimat zurück. Allerdings nicht für lange: Sie plant, ihre Freundin Voichita (Cosmina Stratan) abzuholen und mit ihr in den Goldenen Westen zu fahren, um die wirtschaftliche Not ihres Heimatlandes ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Als Kinder wuchsen die beiden jungen Frauen in einem Waisenhaus auf und waren sich auch körperlich sehr nah. Während Alina ihre Freundin immer noch begehrt, hat sich Voichita quasi einem anderen Geliebten hingegeben: Gott.

In einem abgelegenen Kloster auf einem Hügel lebt sie mit einer kleinen Glaubensgemeinschaft orthodoxer Christen, einigen Schwestern und dem Vater bzw. Papa genannten Priester (Valeriu Andriuta), der die atheistische Alina nur skeptisch aufnimmt. Im kargen Klosterleben ohne fließend Wasser und Strom, in ständiger Geldnot und Existenzangst, wirkt Alina wie ein Fremdkörper. Das Leben im Westen hat sie verdorben, meint der Priester, ohne zu begreifen, dass die sich langsam zuspitzenden Probleme andere Ursachen haben.

Hin- und her gerissen zwischen ihrer Liebe zu Gott und ihrer Zuneigung zu Alina bewegt sich Voichita, lässt Annährungsversuche ihrer Freundin ebenso stoisch über sich ergehen, wie sie Alina zum rechten Glauben bekehren will. Doch deren Eifersucht lässt sie zunehmend aggressive Züge annehmen, die in der streng geregelten Welt des Klosters geradezu zwangsläufig zu der einzig möglichen Lösung führt: Einem Exorzismus.

Lose basiert „Jenseits der Hügel“ auf einem wahren Fall eines versuchten und tödlich verlaufenden Exorzismus, der sich 2005 in Rumänien zutrug. Doch im Gegensatz zu etwa einem Film wie Hans-Christian Schmids „Requiem“, geht es Mungiu nur am Rand um die Ereignisse, die schließlich zu Alinas Tod führen. In den für ihn, aber auch für weite Teile des modernen rumänischen Kinos typischen langen Einstellungen schildert Mungiu das Leben im Kloster und der nahe gelegenen Stadt in Szenen, die die Ereignisse zeigen, ohne sie zu werten. Angesichts der umstrittenen Rolle der orthodoxen Kirche in Rumänien hat Mungiu diese neutrale Haltung einige Kritik eingebracht. Doch wie er selbst in „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“, Cristi Puiu in „Der Tod des Herrn Lazarescu“, Corneliu Porumboiu in „Police, Adjective“ oder zuletzt Calin Peter Netzer in seinem Berlinale-Gewinner „Mutter & Sohn“, verbirgt sich auch in „Jenseits der Hügel“ die eigentliche Substanz des Films unter einer oft fast dokumentarisch anmutenden Oberfläche.

Das Aufzeigen von Mängeln des Systems, die Kritik an den Umständen, dem Fehlen von Werten und Moral, ist auch Cristian Mungius Anliegen, das er diesmal allerdings in eine Skandalträchtige Geschichte einbettet, die allzu oft von der eigentlichen Essenz ablenkt. Die Umstände, die Alina und Voichita in die Rollen gebracht, ja geradezu gedrängt haben, die sie nun ausfüllen, bleiben vage. Andeutung von sexuellem Missbrauch im Kinderheim etwa, auch das ungeklärte Verhältnis der Nonnen zum Priester, lassen „Jenseits der Hügel“ oft unbestimmt wirken. Die Dichte, die Spannung und die Brillanz von „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ erreicht Mungui hier nicht. Doch gerade durch die erneute Zusammenarbeit mit dem brillanten Kameramann Oleg Mutu, machen auch „Jenseits der Hügel“ zu einem bemerkenswerten Film von großer stilistischen Qualität.

Michael Meyns