John Irving und wie er die Welt sieht

Weniger eine Dokumentation über den gerade in Deutschland sehr beliebten Bestseller-Autor John Irving, ist dieser Film von André Schäfer eher eine huldigende Annährung an Motive und Entstehung des Irvingschen Erzählkosmos. Trotz der interessanten Anlage des Films ist „John Irving und wie er die Welt sieht“ damit in erster Linie ein Film für Irving-Leser.

Webseite: www.irving.wfilm.de

Deutschland 2011
Regie: André Schäfer
Buch: Claudia E. Kraszkiewicz und Hartmut Kasper
Dokumentation
Länge: 93 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 1. März 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wie so viele Künstler redet auch John Irving, Autor von Bestsellern wie „Owen Meany“, „Das Hotel New Hampshire“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, nur ungern über die Entstehung seiner Kunst. Warum auch, schließlich steht das, was er zu sagen hat, in seinen Romanen, vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, aber für aufmerksame Leser spätestens zwischen den Zeilen erkennbar. Wie soll man also eine Dokumentation über den künstlerischen Prozess drehen, wenn man nicht in schlichtes Abhaken der Lebensstation des betreffenden Künstlers und mehr oder weniger kritische Kommentare von Zeitgenossen und Freunden verfallen will?

Zusammen mit seinen Autoren Claudia E. Kraszkiewicz und Hartmut Kasper wählt Regisseur André Schäfer einen anderen Ansatz. Zwar besuchten die Filmemacher Irving augenscheinlich in seinem Wohnsitz im amerikanischen Vermont, sprachen mit ihm über sein Werk, beobachteten ihn beim Fitnesstraining und kosteten von Irvings selbst zubereiteter Pizza. Was Irving von seiner Kunst verrät, beschränkt sich vor allem auf Technisches, die Art des Papiers, auf dem er Einfälle notiert, vor allem aber seine ausgiebigen Recherchen. Und hier bricht der Film auf sehr interessante Weise aus dem auf Irving beschränkten Blick aus. Unter anderem in Wien und Amsterdam trifft man auf Ärztinnen, Tattoo-Künstler oder Orgelspieler, die Irving auf seinen Recherchereisen besucht hat und die mal mehr, mal weniger verklausuliert Eingang in seine Romane gefunden haben.

Die sehr vielen aus dem Off vorgelesenen Romanstellen verleihen dem Film zwar eine etwas mäandernde Atmosphäre, unterstreichen bisweilen aber, wie Irving die Realität für seine künstlerischen Zwecke umformt. Eine Passage über Orgelspiel in Amsterdam, unweit des Rotlichtviertels aus „Bis ich dich finde“, wird etwa mit Bildern eben jener Kirchenorgel unterlegt, die Irving während seiner Recherche in Amsterdam besuchte. So präzise wie die geographischen Begebenheiten eines Ortes übernommen werden, finden Menschen meist nicht Eingang in Irvings Werk. Dass er während eines Gesprächs mit einem Tattoo-Künstler etwa zufällig erfuhr, dass Menschen mit Ganzkörpertattoo bei großer Hitze oft frieren, war eine Information, die Irving einfach zur Kenntnis nahm, abspeicherte und Jahre später wieder aus dem Gedächtnis kramte, künstlerisch verfremdete und für einen Roman benutzte.

Unterlegt mit einer melancholischen Klaviermusik, die sicherlich als typisch für die oft nostalgisch auf vergangene Zeiten zurückblickende Irvingsche Romanwelt bezeichnet werden darf, beschränkt sich „John Irving und wie er die Welt sieht“ darauf, seinem Subjekt mit vielen Anekdoten nahe zu kommen. Fans von Irvings Romanen dürften angesichts der vielen kleinen, interessanten Informationen, der bisweilen überraschenden Inspirationsquellen für einzelne Figuren oder Situationen der Romane voll auf ihre Kosten kommen.

Michael Meyns

John Irving, ein weltbekannter Schriftsteller, wird oder ist 70, und es war von Regisseur André Schäfer eine ausgezeichnete Idee, ihn aus diesem Anlass in einem Dokumentarfilm nicht nur als Schreiber („Garp und wie er die Welt sah“, „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Witwe für ein Jahr“, „Bis ich dich finde“, „Das Hotel New Hampshire, „Letzte Nacht in Twisted River“ usw.) vorzustellen, sondern auch als Mensch.

Sympathie zeichnet Irving sofort aus, wenn man ihn sieht. Er ist nicht hochnäsig, ihm scheint der Erfolg nicht in den Kopf gestiegen zu sein. Er wirkt bei denen, mit denen er zu tun hat, umgänglich, wie ein Freund, wie ein „Handwerker“. Ganz früher war er Ringer.

Mehrere Jahre kann ihn ein neuer Roman kosten. Er arbeitet systematisch, schreibt um, ergänzt, strukturiert seine Geschichten genau – und zwar nicht von vorn nach hinten, sondern von hinten nach vorn. Der letzte Satz ist das erste, was er schreibt.

Ob in Toronto oder in Zürich, ob in Wien oder Amsterdam, er sucht die handelnden Romanpersonen bzw. deren tatsächliche Vorbilder auf und informiert sich genau über sie und ihre Tätigkeit. Ob es sich um Orgelspieler oder Huren, um Ärzte oder Tätowierer handelt, ist egal. Allerdings erkennen diese sich in den Büchern dann nicht ohne weiteres wieder, denn Irving dichtet um, lässt seiner Phantasie freien Lauf, versetzt sie ins Fiktive. Es ist faszinierend, wie Realität und Erzählerisches sich ablösen und sich ergänzen.

Mit seiner zweiten Frau ist er seit vielen Jahren verheiratet – nur seinen leiblichen Vater, einen Kampfpiloten des Zweiten Weltkriegs, hat er nie zu Gesicht bekommen. Die Mutter verhinderte es.

Der Film ist geschickt montiert. Irvings Gespräche, Passagen aus den Romanen sowie Reisen und Erkundungsbesuche wechseln sich ständig ab. Nie entsteht Leerlauf. Man könnte noch viel länger zusehen und zuhören als die 96 Minuten, die der Film dauert.

Dokumentarisches Lebensbild eines ebenso berühmten wie sympathischen Schriftstellers, in dessen Werken sich Wirklichkeit und Phantasie klug ergänzen.

Thomas Engel