Master of the Universe

Bankenkrise, Schulden, Griechenland? Kann und will man das noch hören? In diesem Fall sollte man es unbedingt: Wer ein bisschen Einblick in diesen undurchdringlichen Finanz-Dschungel haben will, darf diese kurzweilige Lehrstunde auf keinen Fall verpassen. „Banken für Dummies“ könnte diese Doku heißen, in der ein einstiger Top-Banker eindrucksvoll aus dem Nähkästchen plaudert. Wie Finanzhaie ticken, wie Gier gewinnt, erfährt man dabei ebenso wie die Spielregeln der Zocker, die Ursachen der Krise – und warum Privatanleger immer die Dummen sind. Spannende Doku zum Staunen, Kino mit Mehrwert!

Webseite: www.arsenalfilm.de

D 2013
Regie: Marc Bauder
Darsteller: Rainer Voss
Filmlänge: 88 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 7. November

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Wie im ‚Raumschiff Enterprise’“ beschreibt der der ehemalige Investment-Banker Rainer Voss das Gefühl der Macht, wenn man in den Großraumbüros der Banken per Mausklick die Millionen hin- und herschiebt. Groß wie Fußballfelder seien die Arbeitsräume, in den größten Banken hätten diese gar bis zu 1.000 Händler beherbergt. Wo Voss heute steht, gibt es keinen einzigen Schreibtisch mehr. Schauplatz dieser Doku des studierten Wirtschaftswissenschaftlers Marc Bauder ist eine leere Büroetage mitten im Frankfurter Bankenviertel. Beste Lage, bester Blick auf die Bürotürme der Geldinstitute von nebenan. Etwas unbeholfen wirkt Voss dort mit seinem dicken Schal in dieser gespenstischen Kulisse. Der erste Eindruck täuscht. Der Mann gehörte einst zu den führenden Investmentbankern des Landes, nun packt er zum ersten Mal aus über das Innenleben der Finanzwelt – und er tut das mit viel Sachverstand und sehr verständlichen Worten. Gefunden hat ihn der Regisseur mit einem Inserat in der „FAZ“.

„Masters of the Universe", so nannten sich die Top-Broker der Branche einst gerne selbst. Mit dicken Monatsgehältern und noch fetteren Boni entwickelt man Allmachtsfantasien und Größenwahn, erst recht wenn man täglich mit astronomischen Summen jongliert. Mit immer raffinierteren Methoden hat sich das Finanzsystem neue Profitquellen geschaffen „Nach dem Krieg betrug die durchschnittliche Besitzdauer einer Aktie 4 Jahre, heute sind es 22 Sekunden“, berichtet Voss oder er erzählt, wie ahnungslose Kommunen mit dubiosen Zinswetten auf schnelle Einnahmen hofften und über den Tisch gezogen wurden. Auch die Geburtsstunde der Mega-Gier kann der Manager recht genau benennen: „1986 haben Thatcher und Reagan die Privatisierung der Banken losgetreten. In Deutschland war das zuvor ein kuscheliger Kapitalmarkt-Zoo, auf dem alles durchreguliert war.“ Danach wären plötzlich „Menschen mit seltsamen Hosenträgern“ auf der Matte gestanden und hätten den hiesigen Finanzleuten die große Welt der ganz großen Profit-Möglichkeiten erklärt, erinnert sich der Banker.

Als entscheidende Ursache der Verschuldungsprobleme macht Voss die Verschuldung der privaten Haushalte aus und wundert sich, wie die staatlichen Rettungsaktionen maroder Banken ausfallen. Mit Filzstift kritzelt der Banker die Namen der Bad Banks samt ihrer Schulden und Schuldner ans Fenster. Wenn er zwischendurch lässig erklärt, wie leicht Finanzhaie mit griechischen Aktien bis heute Millionengewinne machen können, gerät selbst Regisseur Bauder ins Staunen. Sein Verdienst liegt darin, dass er die richtigen Fragen stellt und damit eindrucksvolle Auskünfte über das Innenleben der Banken erhält. Mehr noch: Dank diesem Insider aus der Top-Etage bekommt man ein Gespür für den psychologischen Faktor und dafür, wie Gier das Denken von Investment-Bankern bestimmt. Auch zu familiären Dingen wird Voss befragt, doch da will er nicht so recht erzählen und bricht dann schon mal ab.

Was zum drögen Vortrag über ein zähes Thema geraten werden könnte, entwickelt sich dank cleverer Dramaturgie sowie dem überzeugenden Akteur, der mit fast heiterer Stimme vom Finanzwahnsinn erzählt, zur spannenden Dokumentation über ein höchst brisantes Thema. Beim Filmfest Locarno gab es dafür den Hauptpreis in der „Semaine de la critique“.

Fünf Jahre nach dem Lehman-Brothers-Fiasko ist die Gefahr längst nicht gebannt, ganz im Gegenteil: „Das fliegt uns irgendwann um die Ohren“, meint Voss nüchtern. Er selbst kann seine Hände mittlerweile in Unschuld waschen. Mit knapp über 50 wurde er, branchenüblich offenbar, von seinem Arbeitgeber aufs Altenteil geschickt. Natürlich mit großzügiger Abfindung – standesgemäß für einen „Master of the Universe“.

Dieter Oßwald