Junge im gestreiften Pyjama, Der

In der Romanverfilmung „Der Junge im gestreiften Pyjama“ trifft kindliche Unschuld auf die Schrecken des Holocaust. Durch die Augen des achtjährigen Bruno schildert das zurückhaltende Drama von Regisseur Mark Herman die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Der Film findet eindrucksvolle Bilder und Metaphern für den Horror des Nazi-Terrors, der die Freundschaft zwischen Bruno und dem gleichaltrigen jüdischen Jungen Schmuel überschattet. Beide begegnen sich am Stacheldrahtzaun eines Konzentrationslagers – auf unterschiedlichen Seiten.

Webseite: www.disney.de

OT: The Boy in the Striped Pyjamas
USA/GB 2008
Regie: Mark Herman
Drehbuch: Mark Herman nach einem Roman von John Boyen
Mit Asa Butterfield, David Thewlis, Vera Farmiga, Jack Scanlon, David Hayman, Amber Beattie, Rupert Friend
Laufzeit 93 Minuten
Kinostart: 7.5.2009
Verleih: Walt Disney

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es ist Krieg, doch davon bekommt der achtjährige Bruno (Asa Butterfield) zunächst nicht viel mit. Als Sohn eines hochrangigen Nazi-Offiziers (David Thewlis) verlebt er mit seinen Freunden in der Reichshauptstadt Berlin eine nahezu unbeschwerte Kindheit. Die Front und der Tod scheinen im Sommer des Jahres 1940 noch weit weg zu sein. Daran ändert sich erst etwas, als der Vater eine Versetzung erhält und die Familie gezwungen ist, aufs Land zu ziehen. 

Die neue Idylle inmitten der grünen Natur erweist sich schon bald als trügerisch. Ganz in der Nähe befindet sich ein Konzentrationslager, das Bruno für eine Farm hält und die Häftlinge für Arbeiter, die aus ihm unerklärlichen Gründen auch tagsüber ihre gestreiften Pyjamas tragen. Obwohl seine Mutter (Vera Farmiga) ihm verbindet, dorthin zu gehen, schleicht sich Bruno am nächsten Tag wieder zu der vermeintlichen Farm. Auf der anderen Seite des Stacheldrahtzaunes entdeckt er Shmuel (Jack Scanlon). Wie Bruno ist auch er acht Jahre alt. Zwischen den beiden Jungen entwickelt sich schon bald eine echte Freundschaft, die Bruno vor seinen Eltern geheim zu halten versucht.

Obgleich die Geschichte, die „Der Junge im gestreiften Pyjama“ erzählt, der Fiktion entsprungen ist, könnte sie sich doch so oder in ähnlicher Weise tatsächlich zugetragen haben. Lediglich die praktisch nicht vorhandene Absicherung des Lagers mit einem spartanischen Stacheldrahtzahn erscheint reichlich unglaubwürdig. Dass der Film die Gräueltaten anfangs ausblendet und ähnlich wie Roberto Benignis Tragikomödie „Das Leben ist schön“ den Horror eher subtil andeutet, hat ihm einiges an teils harscher Kritik eingebracht. Der Film betreibe eine unerträgliche Romantisierung der Bedingungen in den Arbeits- und Konzentrationslager, sogar eine Verharmlosung und Banalisierung des Holocaust warf man Regisseur Mark Herman vor. 

Letztlich laufen all diese Kritikpunkte ins Leere. So resultiert der naive, unschuldige Blick auf das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts aus der besonderen Erzählperspektive. Der Zuschauer sieht die Welt und damit auch die Ereignisse rund um das Lager durch die Augen eines achtjährigen Kindes. Wie soll Bruno verstehen, was er da sieht, wenn selbst Erwachsene die Vernichtungsmaschinerie der Nazis lange Zeit für unvorstellbar hielten? 

Eigentlich ist es genau umgekehrt. Gerade weil die Geschichte den Holocaust nicht für manipulative Gesten instrumentalisiert, lässt einen Shmuels Schicksal nicht unberührt. Ohnehin ist der Horror auch in den scheinbar unbeschwerten Momenten stets präsent. Wenn plötzlich der zur Küchenarbeit abkommandierte Lagerhäftling Pavel (David Hayman) verschwunden ist oder schwarzer Rauch aus den Schornsteinen des Lagers in den blauen Sommerhimmel entweicht, weiß jeder außer Bruno, welch unermessliches Leid sich hinter diesen auf den ersten Blick unscheinbaren Bildern verbirgt.

Herman belässt es zumeist bei Andeutungen, die allesamt unmissverständlich sind. Erst zum Ende, als die Geschichte eine dramatische Wendung nimmt, werden die Bilder expliziter. Insbesondere die letzten Minuten sind in ihrer bitteren Konsequenz nur schwer zu ertragen und der Grund, weshalb „Der Junge im gestreiften Pyjama“ nur älteren Kindern zuzumuten ist. Aber auch diese sollten sich nur in Begleitung eines Erwachsenen den Film ansehen. Mit dem letzten Bild, das langsam in eine Schwarzblende übergeht, bringt Herman das für viele seinerzeit Unvorstellbare in eine verständliche Form. 

Marcus Wessel

Berlin, Anfang der 40er Jahre. In einer feudalen Villa leben der Vater, die Mutter, die Tochter Gretl und Sohn Bruno. Der Vater ist hoher SS-Offizier.

Die Familie muss umziehen, denn der Vater wurde befördert – zum KZ-Kommandanten. Jetzt wohnen sie, ebenso feudal wie zuvor, in der Provinz. Das Lager ist in der Nähe.

Der Vater hat einen Eid geschworen, dass er über seine „Arbeit“ niemandem etwas verrät. Also sind weder die Mutter noch die Kinder über die furchtbare Realität der Gaskammern unterrichtet.

Nach längerer Zeit unternimmt der achtjährige Bruno, bis jetzt streng ans Haus gebunden, eine Erforschungstour. Schon länger hat ihn der in der Nähe gelegene „Bauernhof“ und der aus den Schornsteinen quellende Rauch neugierig gemacht.

Der Achtjährige durchstreift den Wald bis er vor dem Stacheldrahtzaun des Lagers steht. Dahinter ist der ebenfalls acht Jahre alte jüdische Bub Shmuel mit Schuttabladen beschäftigt. Die beiden beäugen sich, sprechen schüchtern miteinander, fragen sich aus – freunden sich an. Jetzt kommt Bruno jeden Tag an den Zaun, bringt Shmuel Essen oder Spielzeug. Bis – ja, bis Bruno seinen neuen Freund eines Tages feige verleugnet. Shmuel kommt nun lange nicht mehr.

Doch die Freundschaft ist stärker. Bruno und Shmuel verstecken sich, verkleiden sich und versuchen, den seit drei Tagen vermissten Vater Shmuels zu finden. Da geschieht das Schreckliche. 

Keine realitätsnahe, sondern eine absichtlich fiktive, aber gleichnishaft gültige Geschichte. Sie wird aus der Sicht der Buben erzählt. Da dominiert zuerst das Nichtwissen, das Nichtverstehen, die Neugier – bis der Massenmord über sie hereinbricht. (Dass, auf die Erwachsenenwelt bezogen, ein Teil der Bevölkerung damals nicht wusste, was Furchtbares geschah, ändert nichts an den Tatsachen, an einem der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.)

Die kindliche Perspektive ist eine der stärksten Seiten dieses Films. Um die Jungen herum gruppiert sind Figuren, die dem Klischeehaften nicht entkamen: der linientreue gehorsame Vater, die spät aufgeklärte und dann verzweifelte Mutter, die von einem Lehrer NS-ideologisch infizierte Tochter, der brutale, einen jüdischen Gefangenen schwer misshandelnde Adjutant des Vaters.

Der Stil des Films ist vom Schluss abgesehen undramatisch. Das Spiel der Buben überzeugt.

Dem Ganzen wohnt eine grausame, sinnbildliche Logik inne. Das heißt: Durch den Tod seines Kindes erhält der Vater, was er verdient. Die erklärte Intention der Macher: den Holocaust nie vergessen. 

Ein schmerzlicher Film mit Schwächen.

Thomas Engel