Kinder der Steine

Sechs Palästinenser um die 30 stehen im Mittelpunkt dieser Dokumentation von Robert Krieg und Monika Nolte. 1989, während der ersten Intifada, gehörten sie zu den berühmt-berüchtigten Steine werfenden Kindern, nun leben sie in beklemmender Situation in Sichtweite der Mauer, die Israel von den Palästinensergebieten trennt. Ein filmisch souveränes Porträt, das politisch aber viele Fragen offen lässt.

Webseite: www.kinder-der-steine.de

Deutschland 2010 – Dokumentation
Regie: Robert Krieg und Monika Nolte
Kamera: Peter Petrides
Musik: Michael Götz
Dokumentation
Länge: 87 Min.
Verleih: w-Film
Kinostart: 24. Februar 2011
 

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Ein schönes Konzept, dass der Fotograf Ralf Emmerich vorgeschlagen und das Dokumentarfilm-Duo Robert Krieg und Monika Nolte umgesetzt hat: 1989, während der ersten Intifada, fotografierte Emmerich sechs Jugendliche, fast noch Kinder, die sich in Bethlehem mit Victory-Zeichen und Siegerpose fotografieren ließen. 20 Jahre später nimmt „Kinder der Steine“ am gleichen Ort seinen Ausgangspunkt: Die sechs Kinder sind inzwischen Erwachsene um die 30 und stellen das Foto von damals nach. Ihr heutiges Leben ist nicht mehr vom Steine werfen geprägt, sondern vom schwierigen Leben in Palästina, in Bethlehem, in Sichtweite Jerusalems und durch die Mauer von der Wunschhauptstadt eines zukünftigen Palästinenserstaat getrennt. Mit Wehmut denken sie an die Zeit zurück, als sie problemlos nach Jerusalem fahren konnten, als Palästinenser ihre Waren in Israel verkaufen konnten, gutes Geld verdienten und insgesamt ein besseres Leben führten als jetzt, da die Mauer und starke israelische Militärpräsenz jede längere Fahrt zu einer aufwändigen Reise macht. Das Leben der sechs Palästinenser ist wenig aufregend, sie halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, manche haben Familien, Kinder, auch ihre politischen Ansichten sind im Laufe der Zeit auseinandergedriftet.

In klassischer Dokumentarfilm-Manier beobachten Krieg und Nolte die Männer, lassen sie erzählen, enthalten sich jeglichen Kommentars und führen dadurch zum Problem nicht nur dieses, sondern so vieler Filme, die sich mit der Nahost-Problematik beschäftigen: Einer oft zwar unintendierten, aber angesichts der Komplexität der Situation kaum vermeidbaren Parteiergreifung. Je nachdem aus welcher Perspektive die Dokumentation erzählt – aus israelischer oder wie hier aus palästinensischer – die Sichtweise der jeweils anderen Seite bleibt fast immer außen vor. Zwar hat man es im Fall der „Kinder der Steine“ nicht mit Fanatikern zu tun, die Ursache für ihre Probleme finden sie dennoch ausschließlich auf Seiten Israels. Sei es der Konflikt zwischen Fatah und Hamas, die durch die Mauer verursachten Einschränkungen oder ihr persönliches Schicksal, stets liegt die Schuld auf der anderen Seite. Das ist fraglos eine legitime, subjektive Perspektive, in Bezug auf den Konflikt als Ganzem greift es jedoch viel zu kurz. Konträren Ansichten eine Plattform zu geben, zu versuchen zu differenzieren, hätte offensichtlich nicht ins Konzept der Filmemacher gepasst, hätte die gewählte Form gesprengt. Dann aber muss man mit dem Vorwurf leben, einen allzu einseitigen Blick auf ein komplexes Problem geworfen zu haben.

Dass es auch anderes und besser geht, hat jüngst zum Beispiel Simone Bitton in ihrer Dokumentation “Rachel“ bewiesen. Auch dort enthält sich die Filmemacherin jeglicher Wertung, lässt aber im Fall einer durch israelische Truppen ums Leben gekommenen Friedensaktivistin beide Seiten zu Wort kommen und ermöglicht dadurch dem Zuschauer, sich selbst ein Urteil zu bilden. Im Fall der „Kinder der Steine“ ist dies leider nicht möglich, was die Dokumentation trotz seiner souveränen Machart doch zu einem weiteren der vielen einseitigen, problematischen Filmen über den Nahost-Konflikt macht.

Michael Meyns

Palästina. Ein altes Foto, das ein halbes Dutzend Jungen zeigt. Es ist das Jahr 1989. Die erste Intifada ist losgebrochen. Die Jungen posieren mit dem Siegeszeichen. Genau können sie in ihrem Alter von acht bis zehn Jahren noch nicht wissen, worum es geht. Aber sie wollen sich mit ihren Eltern solidarisieren.

Das für diesen Dokumentarfilm verantwortliche Filmteam, das schon vor zwanzig Jahren an Ort und Stelle war, ist zurückgekehrt. Aus den Jungen sind Männer geworden. Den Kontakt unter sich haben sie nicht verloren. Der formal einfache Film begleitet sie durch den Alltag in ihrer Stadt (Bethlehem), lässt sich von ihren Familien berichten, schaut ihnen bei der Arbeit – sofern vorhanden – oder in ihrer Freizeit zu, hört, was sie zu sagen haben.

Sie sind Palästinenser und wollen es bleiben: auch wenn ihr Gebiet von einer Mauer umgeben ist, auch wenn sie nicht mehr reisen dürfen, auch wenn die Israelis in ihrer Nähe weiter festungsartige Siedlungen bauen, auch wenn sie nicht nach Jerusalem, Tel Aviv, Jaffa oder Haifa fahren können, auch wenn sie überwacht und kontrolliert werden, auch wenn sie sich wie in einem Gefängnis vorkommen, auch wenn „mit den Steinen, die wir damals nach den Besatzern warfen, nunmehr israelische Häuser errichtet werden“, auch wenn sie keine Arbeit haben, auch wenn sie politisch praktisch entmündigt sind, auch wenn sie fürchten, noch mehr Boden und Heimat zu verlieren.

Der Film wird aus rein palästinensischer Sicht gezeigt und das mit vollem Recht. (Es gibt natürlich auch die angesichts der Gewaltakte extremistischer Moslems ebenso berechtigte jüdische Haltung, leider ebenfalls von Gewalt geprägt. Das ist der Teufelskreis, aus dem bis jetzt niemand ausgebrochen ist.)

Der jüdische Standpunkt wird nicht dargestellt, die fatale Spaltung zwischen der Hamas und der Fatah kaum gestreift.

Aber es ist wichtig, diesen Film zu sehen: um der Welt und sich selbst einmal mehr bewusst zu werden, wie viel Unrecht im Nahen Osten geschieht; wie dringend es wäre, den Baustop einzuhalten und die Zwei-Staaten-Theorie endlich zu verwirklichen; wie sehr die Palästinenser bevormundet werden; in welch zweifelhafter Weise sie rechtlich eingeschränkt sind; wie wenig Hoffnung ihnen anscheinend bleibt; wie bewundernswert es ist, dass sie unter diesen Bedingungen durchhalten.

Filmdokument eines palästinensischen Klageschreis.

Thomas Engel