Klass

Das Schulmassaker von Littleton inspirierte schon einige Filme, besonders Gus van Sants „Elephant“ blieb in Erinnerung. In „Klass“ wählt der estnische Regisseur Ilmar Raag einen völlig anderen Ansatz: Er zeigt in großer Ausführlichkeit die Vorgeschichte des Massakers, wodurch die Tat geradezu nachvollziehbar erscheint. Ein moralisch interessanter Ansatz in einem harten, sehenswerten Film.

Webseite: www.mfa-film.de

Estland 2007
Regie, Buch: Ilmar Raag
Darsteller: Vallo Kirs, Pärt Uusberg, Lauri Pedaja, Paula Solvak, Mikk Mägi, Riina Ries, Joonas Paas, Kadi Metsla
Länge: 106 Min.
Verleih: MFA
Kinostart: 15. Oktober 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auch in Estland schlug die Nachricht vom Schulmassaker in Littleton Wellen. So wie Regisseure in aller Welt war auch der Este Ilmar Raag erschüttert von der scheinbar willkürlichen Tat, bei der zwei Schüler mit einem ganzen Waffenarsenal töteten. Sein Ansatz einer filmischen Aufarbeitung dieser Tat ist einfach: Er schildert das Schicksal von Joosep, dem Außenseiter seiner Klasse, dem Fußabtreter für alle anderen, sowohl Jungs als auch Mädchen. Anfangs ist auch Kaspar dabei wenn es darum geht, Joosep zu erniedrigen, ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Ein Moment der Schwäche (bzw. Stärke, je nach Sichtweise) ausgelöst durch einen Blick des Mädchens, in das er verliebt ist, wird für Kaspar zum Katalysator, zum Anfang vom Ende. Er weicht zurück, macht für einen Moment nicht mit beim Drangsalieren Jooseps und findet sich sofort in die Ecke gedrängt. Der Klassenrowdy Anders, selbsternannter Rädelsführer, duldet keinen Abweichler. Mehr und mehr sieht sich Kaspar in die Rolle des Verteidiger Kaspars gedrängt. Erst widerwillig und bald zunehmend aktiv setzt er sich für ihn ein und macht sich in der unerbittlichen Logik des Klassenkampfes selbst zur Zielscheibe von Erniedrigungen.

Auf perfide, aber vollkommen nachvollziehbare Weise zeigt der Film, wie Kaspar sich immer tiefer in seine Rolle verstrickt. Wenn er Joosep beschützt, schwärzen ihn die Mitschüler als denjenigen an, der Joosep aufzieht, wenn er mit ihnen kämpft, bekommt ausschließlich er Ärger mit der Schulleitung. Manchmal wirkt die Unausweichlichkeit der Geschichte zwar etwas forciert, fragt man sich, warum nicht ein Lehrer in den Gängen der Schule zu sehen ist, der die offensichtlichsten Quälereien verhindert. Auch das Jooseps Vater sehr offensiv seine Waffen zeigt, damit deren Herkunft motiviert erscheint, wirkt nicht unbedingt natürlich. Auch in diesen Szenen zeigt sehr sich Raags Ansatz von dem van Sants unterscheidet.

Während in „Elephant“ dezidiert keine Antworten gegeben werden, die Ursachen des Massakers im Dunkeln bleiben, baut Klass eine geradezu unausweichliche Kette von Kausalitäten auf. Angesichts dessen, was Kaspar und Joosep erdulden müssen, von Schlägen bis zu sexuellen Erniedrigungen inklusive ins Internet gestellter Bilder, macht ihre Tat am Ende erschreckend nachvollziehbar. Dass sie beim „Einmarsch“ in die Schule einige Mitschüler, die sich nicht an den Quälereien beteiligt haben, laufen lassen, verleiht ihrer Tat eine Überlegung, die nicht unproblematisch ist.

Wie weit das Verständnis geht, dass der Regisseur den beiden Tätern entgegenbringt, sei dahingestellt. In erster Linie geht es „Klass“ fraglos darum aufzurütteln, die zunehmend verrohenden Zustände in Schulen anzuprangern und auf eindringliche, bisweilen schwer erträgliche Weise zu zeigen, wie aus ganz normalen Schülern Amokläufer werden können.

Michael Meyns

Jugend-Mobbing, Jugendkriminalität, Jugendrivalität ist das Thema, das dieser Film aus Estland aufgreift – also ein Phänomen, das heute nicht mehr ignoriert werden kann und dessen Auswirkungen noch schlimmer werden könnten.

Joosep ist in seiner Klasse nicht gerne gelitten – warum genau weiß niemand. Paul ist der Anführer derer, die ihn mobben, geringschätzen, missachten und verprügeln. Immer wieder. Der einzige, der sich mit Joosep den Schlägern in den Weg stellt, ist Kaspar. Dessen Freundin Thea dagegen gehört leider zu denen, die sich ducken, die feige sind.

Joosep und Kaspar werden an den Strand gelockt und müssen ihren Widerstand schwer büßen.

Jetzt sieht Joosep keinen anderen Ausweg mehr als tödliche Rache. Er beschafft sich die nötige Waffe, und der Amoklauf beginnt. Er schießt lange und wie wild um sich. Das traurige Ergebnis: Auf dem Schulflur sieht man mehrere tote Schüler liegen.

Die jungen Darsteller werden schauspielerisch ihrer Sache durchaus gerecht. Ansonsten ist der Film thematisch eindimensional und formal absolut minimalistisch. Was nicht heißen soll, dass er zu ignorieren wäre. Denn er behandelt ein Problem, mit dem in jüngster Zeit auch unser Land schmerzliche Erfahrungen machen musste. Die Amokläufe von Erfurt, Winenden und Ansbach sind Beweise dafür.

Vielleicht eignet sich „Klass“ sogar zur Vorführung durch Schulen.

Thomas Engel