Wendy und Lucy

Auch in ihrem dritten Film erweist sich die junge amerikanische Regisseurin Kelly Reichardt als große Minimalistin. Mit Michelle Williams stellt sie eine ausdrucksstarke Schauspielerin in den Mittelpunkt ihres Films, die in einer kargen Welt versucht ein würdevolles Leben zu führen. Ein starker Vertreter des neuen amerikanischen Independent Kinos.

Webseite: www.peripherfilm.de

Wendy and Lucy
USA 2008
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jonathan Raymond, Kelly Reichardt
Musik: Will Oldham
Darsteller: Michelle Williams, Wally Dalton, John Robinson, John Breen, Will Oldham, Will Patton, Larry Fessenden
Länge: 80 Min.
Verleih: peripher
Kinostart: 22. Oktober 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In den letzten Jahren erlebt das amerikanische Kino, jenseits von Hollywood und vor allem auch jenseits des in eigenen Klischees und Formeln ertrinkenden, oft nur so genannten unabhängigen Kinos, eine Welle interessanter Filme. Wenige der Filme von Ramin Bahrani, Lance Hammer, So Yong Kim oder eben Kelly Reichardt fanden bislang den Weg in die deutschen Kinos und auch in Amerika sind es eher Off-Off-Filme. Manche Kritiker sprechen schon von einem Neo-Neo-Realismus, da verbindendes Element dieser Filme oft ein harscher, eben realistischer Blick auf die Unterschicht Amerikas ist.

Kelly Reichardts „Wendy & Lucy“ reiht sich da nahtlos ein. Im Mittelpunkt steht die von Michelle Williams gespielte Wendy, eine Frau Mitte 20, hübsch, aber schlicht gekleidet, im Auto von offensichtlich wenig Geld lebend. Mit ihrem Hund Lucy ist sie auf dem Weg nach Alaska, wie man in einer etwas aufgesetzten Expositionsszene erfährt. Die eigentliche Geschichte beginnt, als Wendy in ein Kaff in Oregon kommt und beim Ladendiebstahl erwischt wird. Als sie von der Polizei laufengelassen wird, ist ihr Hund verschwunden, ihr einziger Begleiter durch eine von sozialer Kälte geprägten Welt. Zunehmend verzweifelt, macht sie sich auf die Suche, schläft in ihrem Auto, im Wald, und muss schließlich eine schwere Entscheidung treffen.

Keinen Moment lässt die Kamera Wendy aus den Augen, blickt oft ganz nah in ihr ungeschminktes Gesicht, dass die zunehmende Verzweiflung zu verbergen sucht. Wie genau Wendy in diese Situation geraten ist, erfährt man nicht. Ein Telefonat mit ihrem Schwager bleibt einziger Hinweis auf eine Familie, auf ein Leben vor dem Schritt, in Alaska ein neues Leben zu suchen. Die soziale Realität Amerikas schwingt unterschwellig mit, der Verlust von Arbeitsplätzen in der Kleinstadt, die schleichende Verwahrlosung, die mit dem Verlust der Industrie einhergeht, die Not, die Menschen erleiden, wenn sie aus dem sozialen Raster fallen.

In seinem zurückgenommenen, fast kargen Stil erinnert „Wendy & Lucy“ bisweilen an manche Filme der so genannten „Berliner Schule“, die mit ähnlichen Mitteln erzählen. So tief auf der sozialen Leiter begeben sich die deutschen Regisseure zwar nicht, aber die Ähnlichkeiten in Stil und Erzählweise bleiben. Abseits des Mainstreamkinos versuchen sich hier wie dort Regisseure an unspektakulären Geschichten über einfache Menschen mit alltäglichen Sorgen. Inwieweit ein Film wie „Wendy & Lucy“ auch eine Reaktion auf die globale Finanzkrise ist, sei dahingestellt, in jedem Fall ist Kelly Reichardt eine eindrucksvolle, unsentimentale Charakterstudie gelungen.

Michael Meyns

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