Kleine wahre Lügen

Eine Clique bürgerlicher Großstädter durchlebt im gemeinsamen Sommerurlaub ein Wechselbad der Gefühle. Gefangen in kleinen und größeren Lebenslügen diskutieren die Protagonisten in Guillaume Canets („Kein Sterbenswort“) ziemlich französischer Version eines Beziehungsfilms ihre Probleme und Lebensentwürfe. So schön das Meer und die Strände an der südfranzösischen Atlantikküste auch anzusehen sind, verteilt auf zweieinhalb Stunden stellt sich schon bald ein gewisser Leerlauf ein.

Webseite: www.kleinewahreluegen.de

OT: Les petits mouchoirs
F 2010
Regie & Drehbuch: Guillaume Canet
Produktion: Alain Attal
Darsteller: François Cluzet, Benoît Magimel, Marion Cotillard, Laurent Lafitte, Jean Dujardin, Gilles Lellouche, Valérie Bonneton
Laufzeit: 154 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 7.7.2011

PRESSESTIMMEN:

…unverschämt unterhaltsames Sommerkino, das sich sicher zwischen Urlaubsspaß und melodram bewegt.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Wie jedes Jahr treffen sich der erfolgreiche Gastronom Max (François Cluzet), seine Familie und engsten Freunde auch diesen Sommer im schicken Ferienhaus am malerischen Cap Ferret. Und doch ist dieses Jahr etwas anders. Denn einer von ihnen kann nicht dabei sein. Während Ludo (Jean Dujardin) nach einem schweren Unfall mit zahlreichen Verletzungen auf der Intensivstation eines Pariser Krankenhauses liegt, versuchen seine Freunde, in der mediterranen Idylle der Gironde den schrecklichen Vorfall zumindest zeitweilig zu vergessen.

Aber es ist nicht allein Ludos Schicksal, das den Urlauber nicht mehr aus dem Kopf geht. Fast jeder von ihnen trägt ein Geheimnis oder – im Sinne des Filmtitels – Lüge mit sich herum. So hat sich der stolze Familienvater Vincent (Benoît Magimel) in Max verliebt. Marie (Marion Cotillard) wiederum glaubt, ihre Bindungsängste mit wechselnden Affären therapieren zu können, und Frauenheld Éric (Gilles Lellouche) hofft, das Aus seiner Beziehung vorerst vor den Anderen geheim halten zu können.

Knapp ein Dutzend Charaktere mit doch recht ähnlichen Problemen beobachtet Guillaume Canet in seiner dritten Regiearbeit. Sein nach eigenen Angaben persönlichster Film, zu dem er auch das Drehbuch schrieb, ist im Kern eine lange Sommerepisode vor traumhafter Kulisse, die – von gelegentlichen Einschüben einmal abgesehen – das Ferienhaus am Cap Ferret nie verlässt. Zunächst erstaunt, dass Canet für eine derart intime und im Grunde doch recht unspektakuläre Geschichte zweieinhalb Stunden benötigt. Die meiste Zeit erleben wir schließlich, wie gut situierte Mittdreißiger bis Mittvierziger miteinander über ihre Beziehungen diskutieren, die Sonne genießen und dabei gutes Essen und reichlich Wein konsumieren. Viel mehr passiert in diesem durch und durch französischen Film eigentlich nicht.

Die Überlänge ist vielleicht das sichtbarste, mitnichten jedoch das einzige Problem einer ziemlich in sich verliebten Geschichte. Canet zelebriert den Lebensstil einer nur bedingt sympathischen Intellektuellen-Clique, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist und deren Konflikte bei aller Allgemeingültigkeit nicht selten herbeigeschrieben und konstruiert erscheinen. So sehr der Film auch darum bemüht ist, eine Nähe zu den Figuren aufzubauen, man mag weder für den cholerischen Max noch für den von Selbstmitleid geplagten Antoine (Laurent Lafitte) wirkliches Interesse aufbringen. Letzterer rennt wie ein Besessener seiner alten Liebe hinterher – ein Aufwand, der sich in der Logik von Canets Film natürlich am Ende für ihn auszahlen muss.

„Kleine wahre Lügen“ ist wohl das, was man gemeinhin einen netten, französischen Beziehungsfilm nennt. Nett deshalb, weil Canet die Ebene eines recht unverbindlichen Ensemblestücks zu keiner Zeit wirklich verlässt. Immer wenn es ungemütlich werden könnte, wenn tatsächlich einmal für kurze Zeit an alten, verdeckten Wunden gekratzt wird, macht sein Film einen Rückzieher. Auch der eingestreute Humor – Max’ Homophobie ist der Running Gag – dient hauptsächlich dazu, eine gewisse Leichtigkeit und Balance herzustellen. Statt mutig auch die dunklen Seiten seiner zumeist männlichen Protagonisten auszuleuchten, verharrt Canet lieber in Postkartenaufnahmen einer mediterranen Urlaubsidylle. Schöne Menschen an schönen Orten abzufilmen ist für 154 Minuten allerdings ein nur bedingt tragfähiges Konzept.

Marcus Wessel

Ein Film über Freundschaft, Feste, Lebensenttäuschungen, Selbstlüge, Tod und Hoffnungsstrahlen.

Max, Marie, Vincent, Eric, Antoine, Véronique, Isabelle, Ludo und einige andere sind eng befreundet. Sie beschließen, Paris zu verlassen und die Sommerferien gemeinsam am Meer zu verbringen. Max, der begüterte Restaurantbesitzer, hat alle eingeladen.

Ludo verunglückt schwer. Soll jetzt der Urlaub aufgegeben werden? Man beschließt, ihn zu verkürzen und dann Ludo, derzeit auf der Intensivstation, zur Verfügung zu stehen. Marie war einst Ludos Geliebte.

In Maxens Villa stehen Feiern, Bootsfahrten, Ruhepausen, freundschaftliche Gespräche bevor.

Max allerdings ist irritiert. Kurz zuvor hatte ihm nämlich Vincent, verheiratet und Vater zweier Kinder, so etwas wie einen homosexuellen Antrag gemacht.

Maxens Frau Véronique sucht ihren ständig aufgeregten Mann zu beruhigen.

Vincents Frau Isabelle spürt, dass ihr Mann sich immer mehr von ihr entfernt.

Eric, der Schauspieler, ist ein höchst sympathischer Kerl, aber untreu. Deshalb hat seine Freundin beschlossen, in Paris zu bleiben. Auch eine Kurzfahrt Erics (mit Antoine) zurück nach Paris bleibt erfolglos.

Antoine ist dabei, seine Freundin zu verlieren. Verzweifelt unternimmt er eines Nachts (während der Kurzfahrt mit Eric) einen ultimativen Versuch. Es gelingt ihm, die Beziehung zu retten.

Äußerlich sieht das also wie große Ferien aus. Doch unter der Oberfläche brodelt es: bei dem narzistisch-zornigen Max, bei den unglücklich verliebten Eric und Antoine, bei der vernachlässigten Véronique, bei dem gefühlsverlorenen Vincent, bei der unschlüssigen bisexuellen Marie.

Deshalb bei aller Gemütlichkeit, bei allen Ausflügen, bei allen Trinkgelagen, bei allen Sentimentalitätsanwandlungen auch immer wieder Streit, Streit, Streit.

Wenigstens bringt sie der Austernzüchter Jean Louis, bei dem sie oft einkehren und der ihnen die Leviten liest, wieder zur Vernunft.

Ein Kaleidoskop menschlicher Betragensformen und Lebenssituationen, von Guillaume Canet naturalistisch empfunden, verfasst und in Szene gesetzt. Natürlich ist alles dramaturgisch verdichtet, aber doch wahrheitsähnlich und betrachterbewegend, so dass von einem bemerkenswerten Opus die Rede sein kann.

Gute Regiearbeit und lebendige, temporeiche Montage.

Etwa acht Hauptrollen tragen diesen Film, und tatsächlich ist einer der Akteure besser als der andere (über fünf Millionen Zuschauer in Frankreich).

Thomas Engel