kleine Zimmer, Das

Unaufdringlich erzählen die beiden Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond in ihrem berührenden Spielfilmdebüt „Das kleine Zimmer“ vom Dialog zwischen den Generationen. Ihr sensibles Kammerstück über Leben und Sterben, einem alten Mann, der sich am Ende seines Lebens nicht bevormunden lassen will und einer jungen Frau, die wieder Lebensfreude findet, besticht durch seine emotionale Stärke und eine zurückhaltende, präzise Inszenierung. Mit ihrem preisgekröntem Drama gelingt den beiden jungen Schweizerinnen ein Plädoyer für mehr Mitgefühl über Altersgrenzen hinweg.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Schweiz / Luxemburg 2010
Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond
Drehbuch: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond
Kamera: Pierre Milon
Länge: 87 Minuten
Darsteller: Michel Bouquet, Florence Loiret-Caille, Eric Caravaca, Joël Delsaut, Valérie Bodson, Fabienne Barraud
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 29.9.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Lebensanfang und Lebensende, Verlust und Trauer. Für ihr Spielfilmdebüt hat sich das Schweizer Regie-Duo Stéphanie Chuat und Véronique Reymond einiges vorgenommen. Doch Filme, die sich mit der Selbstbestimmung im Alter auseinandersetzen und das Thema würdevolles Sterben reflektieren, scheinen einen Nerv zu treffen. Dennoch geht es in ihrem berührenden Drama weniger ums Sterben, als um die zaghafte Annäherung zweier verwundeter Seelen, wiedergefundenen Lebensmut und die emotionale Beziehung zwischen den Generationen.

Der eigenbrötlerische Edmond (Michel Bouquet) will seine Eigenständigkeit auch im Alter bewahren. Sein Sohn Jaques (freilich möchte den zuckerkranken Witwer ins Altersheim verfrachten. Denn für ihn steht ein Karriereschritt an. Er will in die USA. Stur wehrt sich Edmond. In seinem Refugium aus Grünpflanzen, Erinnerungsfotos und klassischer Musik fühlt sich der Pensionär heimisch. Die täglichen Hausbesuche seiner jungen Pflegerin Rose (Florence Loiret-Caille) duldet er gerade noch. Ironisch nennt er sie „Frau Krankenschwester“ und macht es ihr nicht leicht, sich um ihn zu kümmern. Uneinsichtig ernährt sich der Pensionär von Junkfood wie Fertigmenüs und Chips.

Allerdings läuft auch für Rose nicht alles glatt. Die junge Frau kämpft mit den Dämonen ihrer Vergangenheit. Die lauern für sie in einem kleinen hellblau tapezierten Zimmer. Denn sie kann den Verlust ihres totgeborenen kleinen Sohnes einfach nicht überwinden. Auch nach einem halben Jahr ist der Raum tabu. Wie in einem Schrein verwahrt sie in dem ehemaligen Kinderzimmer Babykleider, Spielsachen und die neue Wickelkommode. Mehr und mehr droht ihre unverarbeitete Trauer die Beziehung zu ihrem Mann Marc (Éric Caravaca) zu zerstören.

Eines Tages jedoch stürzt Edmond beim Gießen seiner Pflanzen von der Leiter. Die aufgekratzte Rose findet ihn und bringt ihn ins Spital. Das Krankenhaus, in dem er sich entmündigt fühlt, möchte der resolute alte Herr jedoch so schnell wie möglich wieder verlassen. Doch sein Sohn hat inzwischen, hinter seinem Rücken, seine Wohnung leergeräumt. Kurzerhand quartiert Rose ihn bei sich zuhause ein. Behutsam kommen sich die beiden Dickschädel in ihrer emotionalen Notgemeinschaft näher, beginnen sich zu akzeptieren und sogar voneinander zu lernen.

Das Zusammenpiel der beiden widerspenstigen Protagonisten ist Autorenkino vom Feinsten. Herausragend ihre kleinen Gesten und Blicke, die scheinbar zufälligen Berührungen und Zurückweisungen. Besonders der 85jährige Altmeister Michel Bouquet zeigt mit seiner subtilen Darstellung eines spröden, gleichzeitig sehr verletzlichen alten Mannes, sein ganzes Können.

Zudem lässt das Drehbuch der beiden talentierten Filmemacherinnen Raum für Unausgesprochenes und Atmosphärisches. Nichts wird zerredet. Trotz konventioneller linear erzählter Geschichte und einem fast zu exemplarischen Ende funktioniert ihr einfühlsames Kammerspiel. Das liegt nicht zuletzt an der präzisen, sorgfältigen Inszenierung. Dass manche Zuschauer vielleicht mit Edmonds letzter Entscheidung hadern könnten, ist verständlich. Denn nicht jeder sieht in diesem Schritt die Alternative zur wenig reizvollen Perspektive auf ein Ende im Altersheim. Der Umgang mit Tabuthemen, die in der heutigen Gesellschaft immer noch verdrängt werden, sah Mitte der Siebziger Jahre in Bernd Sinkels gelungener Komödie „Lina Brake“, die sich für die Rechte alter Menschen stark machte, auch schon einmal anders aus.

Luitgard Koch

Edmond (Michel Bouquet) ist alt geworden. Seine Frau lebt schon lange nicht mehr. Offenbar ist sie, die Bergsteigerin, verunglückt. Edmond muss sich allein durchschlagen. Das Verhältnis zu seinem Sohn ist denkbar schlecht. Der will seinen Geschäften nachgehen und sähe den Vater am liebsten im Altersheim. Aber Edmond wehrt sich mit Händen und Füßen. Und da er mürrisch, selbstbewusst und eigensinnig ist auch mit Erfolg.

Rose ist seine Krankenpflegerin. Sie kommt jeden Tag kurz. Allerdings geht es ihr noch schlechter als Edmond. Denn Sie hat ein Kind tot geboren. Ihr Schmerz ist grenzenlos, die Anfälle manchmal so schrecklich, dass es Marc, ihrem Mann, angst und bange wird. Oft macht sie ihre Arbeit rein mechanisch.

So geht das lange. Mit der Zeit wird die Beziehung zwischen Rose und Edmond wärmer. Sie freunden sich sogar an. Zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen leiden, scheinen im Schmerz eine Gemeinsamkeit zu finden. So sehr, dass Rose Edmond, der es im Altersheim oder Krankenhaus nicht aushält, sogar versteckt. Die beiden schützen sich und wehren sich gegen außen.

Edmonds Leben nähert sich dem Ende. Er will noch einmal hinauf in die Berge, wo sich seine Frau so gerne aufhielt. Auch Rose beginnt wieder zu leben. Marc wird es zwar am Anfang noch schwer haben, aber der Neubeginn lässt sich gut an.

An sich haben die Probleme von Edmond und Rose nichts miteinander zu tun. Aber das Leid schweißt sie zusammen.

Die beiden Regisseurinnen haben diese Schicksale mit einer dramaturgischen Subtilität und einem Feingefühl beschrieben und in Szene gesetzt, die bewegen. Ein schöner, anrührender Film.

Michel Bouquet, der große Theaterschauspieler, als Edmond und Florence Loiret Caille als Rose spielen ihre Rollen durchgehend so echt und lebendig, dass man von einem beachtlichen künstlerischen Rang sprechen kann.

Thomas Engel