Krieg des Charlie Wilson

Der Boom der politisierten Hollywood-Filme geht mit Mike Nichols „Der Krieg des Charlie Wilsons“ weiter. Das Thema ist diesmal zwar kein unmittelbar aktuelles, die Auswirkungen des ersten Afghanistan-Krieges sind jedoch bis heute zu spüren. Vor allem das hinter den Entscheidungen stehende Selbstverständnis macht den Film auch für die heutige Zeit relevant. Allerdings gibt es eine überbordende Geschichte, die in wenig mehr als 90 Minuten ein Übermaß an nuancierten Informationen beinhaltet.

Webseite: www.der-krieg-des-charlie-wilson.de

OT: Charle Wilson’s War
USA 2007
Regie: Mike Nichols
Buch: Aaron Sorkin
Darsteller: Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Emily Blunt, Terry Bozeman
97 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Universal
Kinostart: 7. Februar 2008
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im April 1980 ist Charlie Wilson (Tom Hanks) einer von vielen Abgeordneten. Sein texanischer Regierungsbezirk ist frei von Sorgen, solange nicht die Steuern erhöht und die Waffengesetze verschärft werden. Diese Freiheit nutzt Wilson, um sich mit Prostituierten und Drogen zu vergnügen, vor allem aber, um sich mit Freundschaftsdiensten viele offene Gefallen zu erarbeiten. Und die braucht er, um den von der texanischen Millionärin Joanne Herring (Julia Roberts) initiierten Plan in die Tat umzusetzen. Herring hat ihr Herz für die Pakistaner entdeckt, die von Flüchtlingen aus dem benachbarten Afghanistan überrannt werden. Sie nötigt Wilson zu einem Treffen mit dem pakistanischen Ministerpräsidenten und einem Besuch in den Flüchtlingslagern. Angesichts der verstümmelten Kinder und der himmelschreienden Armut wird die menschliche Seite Wilsons geweckt. Und als echter Amerikaner ist Wilson ein Mann der Tat. Er beschließt, die afghanischen Mudschaheddin-Krieger mit Waffen zu versorgen, mit denen sie die russischen Helikopter abschießen können. Ganz nebenbei würde damit – man befindet sich schließlich mitten im Kalten Krieg – der große Gegner, die Sowjetunion, geschwächt werden. Kurz entschlossen bestellt er einen CIA-Mann in sein Büro und trifft auf Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman). Zusammen sorgen sie mit windigen Methoden für eine sukzessive Erhöhung des Etats für geheime Operationen und beginnen, den größten geheimen Krieg aller Zeiten zu führen.

Dass alles wäre Stoff für einen epischen Politthriller, doch statt dessen hetzt Mike Nichols Film von Szene zu Szene und findet nie zur Ruhe. Zwar sind die Dialoge bisweilen außerordentlich geschliffen, angesichts der enormen Fülle an Details und Verweisen fällt es jedoch schnell schwer, den Überblick zu behalten. Dass ist umso bedauerlicher, als der Film in seinen beiden Hauptfiguren zwei Typen gegenüberstellt, die für gegensätzliche Ansätze der Politik stehen. Denn während Wilson der Tatmensch ist, der ein Problem, einen Missstand vehement angeht, ohne an die Konsequenzen zu denken, ist Avrakotos der nachdenkliche Typ. Ihm ist sehr bewusst, dass das, was heute noch als richtig erscheint, morgen falsch sein kann. Dass die Seite, die man heute unterstützt, morgen der Gegner sein kann. Womit das Grundproblem amerikanischer Außenpolitik benannt ist. Und so endet der Film mit Wilsons Erkenntnis, dass er zwar geholfen hat, Afghanistan von der Sowjetunion zu befreien, damit aber den Weg für die Herrschaft einer anderen Gruppe geebnet hat, deren Name gar nicht genannt werden muss.

So findet „Der Krieg des Charlie Wilsons“ zu großer Relevanz für die Gegenwart, verliert angesichts seines Realismus allerdings endgültig jeglichen Anspruch, eine Satire zu sein. Ähnlich wie der in Serbien angesiedelte „The Hunting Party“ bewegt sich auch Nichols Film auf unbefriedigende Weise zwischen Genres hin und her. Was er nun eigentlich sein möchte, ob Satire, Drama, Politfilm, bleibt offen, zum Schaden des großen Ganzen. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen.

Michael Meyns

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Afghanistan. Doch nicht das heutige, sondern dasjenige der späten 70er und der beginnenden 80er Jahre, als die Russen das Land besetzt hielten bzw. es besetzen wollten. Denn der Widerstand der einheimischen Mudschaheddin, der Freiheitskämpfer, war erbittert. Doch die Afghanen waren im Nachteil. Die Sowjets setzten Hubschrauber, Panzer und schweres Gerät ein, die Einheimischen hatten dem nur alte Gewehre entgegenzusetzen. Was tun?

Der texanische Abgeordnete, Ex-CIA-Agent und Playboy Charlie Wilson (Tom Hanks) wurde vor allem durch seine religiös motivierte christliche Freundin Joanne Herring (Julia Roberts) auf das Problem aufmerksam: auf die Not Hunderttausender von Flüchtlingen, auf die brutale Zerstörung des Landes, auf die mangelnde Bewaffnung der Mudschaheddin.

Er startete mit seinem Berater und späteren Freund Gust (Philip Seymour Hoffman) streng geheim eine bis dahin nie da gewesene Kalter-Kriegs-Aktion gegen die Russen. Mit List und Tücke trommelte er im Washingtoner Capitol Geld zusammen, und zwar von fünf Millionen auf nicht weniger als eine Milliarde Dollar gesteigert. Er spannte Israelis, Pakistanis und Ägypter ein, gleichgültig ob Politiker oder Waffenhändler. Und damit gelang es ihm, die afghanischen Widerstandskämpfer so auszurüsten, dass sie in wenigen Jahren Dutzende von sowjetischen Hubschraubern abschießen und Panzer erledigen konnten.

Am Ende stand der „Sieg“, nämlich das Genfer Abkommen und der Abzug der Sowjets aus Afghanistan.

Eine außergewöhnliche Geschichte, die den Vorteil hat, dass sie auf Tatsachen beruht. Natürlich ist der Film kinomäßig gepusht, doch das macht nichts aus, die geschichtlichen Bezüge sind da. Dass Regisseur Mike Nichols sein Handwerk versteht, weiß man, und tatsächlich ist der Streifen in großen Teilen ein Feuerwerk geworden, vor allem was die geheimdienstlichen Schliche und die Dialoge betrifft. Tom Hanks und Philip Seymour Hoffman spielen sich die Bälle zu, dass es eine Freude ist. Julia Roberts hat eine kleinere, aber nicht unbedeutende Rolle, die sie mit ihrem bewährten Charme handhabt.

Ein wie gesagt auf filmische Hollywood-Perfektion und –Routine getrimmte Produktion, aber ein historisch relevantes in seiner Machart höchst sehenswertes Kinostück.

Thomas Engel