Küss mich bitte!

Eigentlich ist Woody Allen der Fachmann für den komödiantischen Umgang mit geschlechterspezifischen Fragen und dem Scheitern in Liebesangelegenheiten auf der Leinwand. Doch auch der Franzose Emmanuel Mouret zeigt in seinem Film, dass die Folgen eines Kusses für wunderbar komische Momente und leisen Slapstick sorgen können.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: Un baiser s’il vous plaît
Frankreich 2007
Regie und Buch: Emmanuel Mouret
Darsteller: Virginie Ledoyen, Emmanuel Mouret, Julie Gayet, Michael Cohën, Frédérique Bel, Stefano Accorsi
Länge: 100 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 7.8.2008

PRESSESTIMMEN:

 

Zwei Paare, die eigentlich keine sind. Eins gerade frisch kennengelernt, das andere dicke Freunde. Dann kommt die Frage in Spiel, ob ein einzelner Kuss dein Leben verändern kann. Und los geht’s mit Emmanuel Mourets luft-romantischer Achterbahnfahrt zwischen Bauch und Kopf, die Eric Rohmer, Woody Allen und Francois Truffaut bei einem rotweinseligen Bistro-Abend ausgeheckt haben könnten.
Stern

…geschliffen, leichtfüßig und vergnüglich.
KulturSPIEGEL

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FILMKRITIK:

Der Kuss ist einer der wichtigsten Momente in der Geschichte des Films, weil er sein Publikum auf so selten schöne und emotionale Weise abholt. Mit einem Kuss haben viele Geschichten ihr gutes Ende, und das Publikum kann in Frieden und seufzend aus dem Kinosaal schlendern, in dem Gewissen, das eine neue Liebe gerade erst begonnen hat. Dass ein Kuss aber nicht nur seine unbeschwerten Seiten hat, erzählt der französische Filmemacher und Schauspieler Emmanel Mouret in seiner vierten Regiearbeit, die auf ganz vortreffliche und amüsante Weise von den ungeahnten Folgen handelt, die so ein romantischer Schmatzer haben kann. 

Emilie (Julie Gayet) lernt auf einer Dienstreise in Nantes zufällig Gabriel (Michael Cohën) kennen. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, obwohl beide in glücklichen Beziehungen leben. Aus einem gemeinsamen Abendessen bei Kerzenlicht wird scheinbar ein romantischer Abend, doch Emilie schreckt vor einem ersten Kuss zurück – denn sie kennt die Geschichte ihrer beiden Freunde Julie (Virginie Ledoyen) und Nicolas (Regisseur Emmanuel Mouret), die sie, über den ganzen Abend gestreckt, Gabriel erzählt. Es ist die Geschichte eines Kusses und seinen Folgen: Julie und Nicolas sind beste Freunde, doch als er von seiner Geliebten verlassen wird, bittet er Julie um einen ganz besonderen Gefallen – sein körperliches Leiden kann nur sie heilen, die Trauer nur sie trösten. Mit einem Kuss und wohl noch ein bisschen mehr. 

Doch Emmanuel Mourets Figuren (die ihn in der Hauptrolle mit einschließen) sind zum Glück gänzlich unerfahren und in allen Belangen unsouverän im Umgang mit ihrem emotionalen Missgeschick. Ihr Scheitern ist die wunderbare Umkehrung des klassisch romantischen Dialogs und führt in seiner bewussten Unbeholfenheit zu der komödiantischen Qualität, die man in dieser Form eigentlich nur aus Woody Allens früheren Filmen kennt. Ein in allen Belangen leiser und erhabener Slapstick, der ohne die lauten Momente auskommt, sondern stattdessen all die Unsicherheit und das Unbehagen zur Sprache bringt, wenn sich zwei Menschen gegenüber stehen und nicht wissen, ob sie sich wirklich küssen wollen. 

Emmanuel Mouret ähnelt mit der gespielten Unsicherheit und der verbalen Direktheit seinem großen Vorbild Pierre Richard („Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“), allerdings ohne die großen tollpatschigen Momente, die dieser Film auch nicht nötig gehabt hätte. So bleibt „Küss mich bitte!“ eine gehobene Komödie, die sich vor allem intellektuell mit der Liebe beschäftigt und zu dem Schluss kommt, dass man fast alles in der Welt logisch ergründen und wissenschaftlich ableiten kann – die Folgen eines Kusses aber in den Bereich des scheinbar Metaphysischen fallen. 

David Siems

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Emilie und Gabriel begegnen sich zufällig. Gabriel erweist der jungen Frau einen Dienst, sie bleiben eine Weile zusammen. Zum Abschied wäre ein harmloser Kuss fällig. Doch ist ein Kuss nicht gefährlich? Und wie gefährlich! Das ergibt sich aus der Geschichte, die Emilie Gabriel nun erzählt:

Julie, die Laborantin, und Claudio, der Apotheker, sind glücklich verheiratet. Julie hat in Nicolas, dem Mathe-Lehrer, einen guten Freund, mit dem sie gelegentlich herumspaziert. Nicolas ist unglücklich. Er findet keine gefühlsmäßige und sexuelle Erfüllung. Mit der Prostituierten Eglantine hat er es probiert, doch es klappte nicht. 

Jetzt fragt er doch tatsächlich Julie, ob sie ihm nicht aushelfen könne. Diese analysiert die Lage nüchtern und willigt ein. Vielleicht kann das Problem sogar mit einem bloßen Kuss gelöst werden. Der kommt zustande, doch dabei bleibt es nicht – so sehr die beiden auch darauf aus sind, lediglich Nicolas’ vorübergehende Seelennot zu kurieren und weder Claudio noch Nicolas’ inzwischen erworbener Freundin Câline weh zu tun. Um letzteres zu erreichen, hecken sie einen raffinierten Plan aus. Doch die Sache geht gründlich schief. Die einzige Gewinnerin scheint Emilie zu sein.

Eine originelle Grundidee mit der Geschichte in der Geschichte, eine geschickte, konsequente Montage, eine sprühende Wortwechsel-Choreographie (die an Eric Rohmer erinnert) und ausgezeichnete Interpreten. Was will man mehr!

Der luftigen, spielerischen, vor allem auch musikalisch erfrischenden Vorstellung wohnt man mit Amüsement bei.

Thomas Engel