KussKuss

Was als Film über die Hilfe einer algerischen Asylbewerberin beginnt, entwickelt sich in Sören Senns „KussKuss“ zur intimen und komplizierten Dreiecksgeschichte. Geschickt stellt der Nachwuchsregisseur in seinem mehrfach ausgezeichneten Studentenabschlussfilm, den er ohne inszenatorische Schnörkel, aber mit drei hervorragenden Darstellern realisierte, Fragen nach politischer Korrektheit, den Motiven für zivilcouragiertes Handeln und den Missverständnissen, die daraus entstehen können.

Webseite: www.kusskuss-derfilm.de

Deutschland/ Schweiz 2005
Regie: Sören Senn
Darsteller: Carina Wiese (Katja), Axel Schrick (Hendrik), Saïda Jawad (Saïda)
Länge: 95 Minuten
Verleih: novapool pictures
Starttermin: 1. Juni 2006

PRESSESTIMMEN:

"Eine berührende, spannende und auch komische Geschichte über die Liebe."
(Schweriner Volkszeitung)

FILMKRITIK:

Mitten in die Diskussion um Einbürgerungstests, Integration und den Umgang mit Migranten kommt „KussKuss“ in die Kinos. Sören Senns feinfühliger Studentenabschlussfilm, den er an der Potsdamer HFF drehte, greift das Thema auf ungewöhnliche Weise auf: Er beschreibt keine äußeren Umstände über den Alltag von Flüchtlingen in Deutschland, sondern zielt nach innen und stellt anhand einer intimen Ménage-à-Trois Fragen nach politischer Korrektheit und Schuld, Vorurteilen und den Motiven für zivilcouragiertes Handeln.

In die scheinbar intakte Beziehung der Ärztin Katja (Carina Wiese) und dem Geisteswissenschaftler Hendrik (Axel Schrick) stößt eines Tages die Algerierin Saïda (Saïda Jawad). Nach einem Zwischenfall in der Klinik hat Katja beschlossen, die in Deutschland nur noch kurz geduldete Asylbewerberin mit zu sich nach Hause zu nehmen. Sie will der Frau helfen, die sich eigentlich bis zu einem Onkel in Schweden durchschlagen will, und versucht ihr zunächst einen gefälschten Pass zu organisieren. Als das nicht funktioniert, hat sie eine andere Idee: Hendrik soll mit Saïda eine Scheinehe eingehen und ihr so zu einer Aufenthaltsgenehmigung verhelfen.

„KussKuss“ konzentriert sich dabei – bis auf Katjas einsamen, ukrainischen Vater und einen Pförtner im Krankenhaus, der sich in sie verliebt – auf die hervorragend besetzte Beziehungsgeschichte zwischen den drei Hauptfiguren. Sensibel entwickelt Senn seine Figuren und deren Annäherungen und Entfernungen voneinander: Die ewig rotierende Katja verfällt dabei in fast zwanghaften Aktionismus. Algerien setzt sie schließlich gleich mit Folter und widmet sich naiv und mit zum Teil absurder Entschlossenheit ihrem „Rettungsprojekt Saïda“. Dabei entfernt sie sich aber immer weiter von Hendrik, der sich nach ersten Bedenken und Vorurteilen immer mehr zu der sinnlichen Saïda hingezogen fühlt. Die erwidert diese Gefühle und bewegt sich dabei aus ihrer anfänglichen Opferrolle heraus. Nachdem die Liaison zu Hendrik aufgeflogen ist, kämpft sie sogar offensiv um ihn, wobei ihr stets ein Restgeheimnis bleibt und eine Unsicherheit, die noch dadurch verstärkt wird, dass die französische Schauspielerin Saïda Jawad kein Deutsch und kaum Englisch, sondern nur Französisch sprechen kann.

Sein überraschendes Debüt hat Senn ohne inszenatorischen Schnickschnack, sondern subtil und mit visueller Zurückhaltung realisiert. Geschickt gelingt ihm die Balance zwischen tragikomischen Augenblicken und der Melancholie, die über den komplizierten Liebesverwicklungen liegt, während der seine Zuschauer en passant mit eigenen Restvorurteilen konfrontiert. Dabei verzichtet er auf einfache Lösungen, sucht keine Schuldigen und bietet keine eindeutigen Identifikationsmöglichkeiten. Nicht nur das Ende von „KussKuss“ passt sich so keiner Filmdramaturgie an, sondern entwickelt sich vielmehr aus den Unwägbarkeiten des Lebens, traurig und schön.

Sascha Rettig