Workingman’s Death

Fünf Jahre haben Michael Glawogger und sein Team an dieser Dokumentation über das Fortleben der Schwerstarbeit in den globalisierten Welt gearbeitet. Mit der Verbindung von Dokumentar- und Kunstfilm knüpft der österreichische Regisseur dort an, wo er mit „Megacities“ aus dem Jahre 1998 aufgehört hat. Die Bilder beeindrucken durch einen drastischen Realismus und haben zugleich eine poetische, manchmal nahezu surreale Schönheit. – Eine Spannung, die provoziert.

Webseite: www.workingmansdeath.com

Dokumentarfilm Österreich/Deutschland 2005, 122 Min.
Regie: Michael Glawogger
Kamera und Licht: Wolfgang Thaler
Musik: John Zorn
Schnitt: Mona Willi, Ilse Buchelt
Verleih: Real Fiction
Start: 18. Mai 2006

PRESSESTIMMEN:

Dieser Film löst eine Art Staunen aus, die selten geworden ist in unsren Kinos, in unserem Leben.
Der Spiegel

Arbeitslose ukrainische Bergarbeiter kriechen in 40 Zentimeter niedrige Flöze. Indonesische Kulis füllen ihre Kiepen mit den Schwefelablagerungen aus einem Vulkan und schleppen die 100 Kilo schwere Last an den staunenden Augen der Touristen vorbei ins Tal. Kühe und Ziegen werden in Nigeria geschächtet, in einem Inferno aus Rauch und Blut auf brennenden Gummireifen geröstet. In Pakistan verschrotten Arbeiter unter Lebensgefahr Öltankerwracks. Es sind kraftvolle Bilder, die schockieren und irritieren. Sie lenken den Blick auf eine Welt der Ausbeutung, Ressourcenvergeudung und Ungerechtigkeit. Weil aber ein Leben ohne Arbeit noch trostloser ist, sind die Menschen in Michael Glawoggers Episodenfilm stolz auf das, was sie tun. "Workingman’s Death" wurde soeben auf dem San Fransisco Film Festival mit dem Golden Gate Award ausgezeichnet.
ARD-Kulturmagazin TitelThesenTemperamente

Michael Glawoggers grandioser filmischer Essay über körperliche Arbeit, den Pepe Danquart produziert hat. Glawoggers Epos ist nachdenklicher, vielschichtiger, künstlerischer gestaltet als We Feed The World. Er macht einen existenziellen Aspekt des Lebens sichtbar, von dessen Härte in fernen Teilen der Weltgesellschaft Dienstleistungs-Werktätige ebenso weit wie von der Herstellung ihrer Lebensmittel entfremdet sind, und führt an Orte, wo die körperliche Arbeit die Menschen täglich gefährdet.
Die Zeit

In fünf Bildern und einem Epilog unternimmt der essayistische Dokumentarfilm den Versuch, dem allmählichen Verschwinden schwerer körperlicher Arbeit aus dem Lebenskontext der Moderne auf die Spur zu kommen. In ausgesuchten bildmächtigen Einstellungen werden Bergarbeiter in der Ukraine porträtiert, die auf eigene Faust Kohle abbauen, indonesische Kulis, die Zentner schwere Kiepen voller Schwefel ins Tal schleppen, das blutige Treiben auf einem Schlachthof in Nigeria, die lebensgefährliche Verschrottung von Öltankern in Pakistan, Stahlarbeiter in China. Die mitunter fast circensischen Schauwerte des Gesehenen werden durch ein ausgeklügeltes Sound-Arrangement, die betörende Musik des Avantgarde-Künstlers John Zorn und durch den O-Ton des Films ebenso klug wie assoziationsreich unterstützt. Ein irritierend-visionäre Film, der nicht nur nach der Veränderungen moderner Arbeitswelten fragt.
film-dienst

"Der Film stellt sich sehr bewusst dem Erbe des pathetischen Industriefilms, wenn er in einer neuerlichen Weltreise Helden einer anderen Art von Schwerstarbeit sucht. … Kongenial vertont vom Free-Jazzer John Zorn, erreicht Glawoggers Film eine Verbindung von Kunst und Dokumentarfilm wie sie einmal Avantgardisten wie Walter Ruttmann vorschwebte. Daraus wurde der totalitäre Kultur- und Denkmalfilm, ein Erbe, das Glawogger hier kunstvoll dekonstruiert."
(Frankfurter Rundschau)

"Das Proletariat singt nicht mehr."
(Leipziger Volkszeitung)

"’Workingman’s Death’ ist als Weiterentwicklung jener Erzählweisen zu verstehen, die Glawogger in ‘Megacities’ (1998) entworfen hat: als Studie des Zusammenhangs von Körper, Ökonomie und Tod, als provokante Kreuzung aus Schaulust und Aufklärung."
(profil)

"Besonders eindrucksvoll, wie der Dokumentarfilm "Workingman`s Death" des Österreichers Michael Glawogger in einer Reise rund um die Welt den Begriff der Arbeit reflektiert und gewissermaßen neu definiert."
(Neue Zürcher Zeitung)

"Wohl sortierte Beispiele aus aller Welt schockieren mit drastischem Realismus, grandiose Kameraarbeit des genialen Wolfgang Thaler. Unvergessliche Szenen an den Grenzen des Erträglichen … lösen beim Zuschauer fast körperliche Reaktionen aus."
(Kurier)

FILMKRITIK:

Man sagt, dass ein Sterbender vor dem Tod noch einmal Fragmente seines Lebens halluziniert, quasi die Vergangenheit wie ein Film vorüberzieht. In „Workingman’s Death“ sind es Szenen aus einem sowjetischen Proletarierepos der dreißiger Jahre, in denen der Kohlearbeiter Aleksej Stachanow als Held der Arbeit gefeiert wurde und das Industriezeitalter im Morgenrot einer besseren Zukunft erstrahlte. Wieder in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts angekommen erzählt der Österreicher Michael Glawogger in fünf Kapiteln nicht vom Aussterben harter, körperlicher Arbeit in einer vermeintlich postindustriellen globalisierten Gesellschaft, sondern vom Ende der Hoffnung auf ein glückliches Leben, das einstmals der Schwerarbeit heroischen Glanz und Würde verlieh. 

In der Ukraine, wohin die erste Reise führt, sind die staatlichen Kohlebergwerke längst geschlossen, doch weil es keine andere Arbeit gibt, bauen die Kumpel auf eigene Faust weiter Kohle ab. Kameramann Wolfgang Thaler kriecht mit den Bergleuten in den Schacht hinein, wo der Boden die erste horizontale Achse vorgibt, die Decke die zweite und die klaustrophobische Enge dazwischen – schwach ausgeleuchtet von fahlen Gleißen der Helmlampen und dem Schillern der Kohlebrocken – die suggestiven Bilder strukturiert. Dabei kommt Thaler den Protagonisten so nahe, dass man die schweißtreibende Anstrengung und die Angst vor dem jederzeit drohenden Einsturz des Tunnels fast körperlich spürt.

Während in dieser ersten Episode das Tellurische die Anmutung von Schwarzweißbildern besitzt, führt die zweite in die bizarre, in Gelbtönen schillernde Vulkanlandschaft Indonesiens, wo die flexible Steadycam-Kamera den Füssen von Trägern folgt, die auf ihren Schultern um Hundert Kilo schwere Schwefelbrocken ins Tal transportieren. Das Quietschen der beladenen Weidenkörbe und das schwere Armen der Träger gibt den Rhythmus des Films vor, unterbrochen nur von den staunenden Touristen, die am Wegrand stehen und Photos schießen.

Das mittlere Segment des fünfteiligen Filmgemäldes – nach Glawoggers  Selbsteinschätzung „der beste Teil von ‚Workingman’s Death’“ – führt Bilder eines nigerianischen Freiluft-Schlachthofs vor Augen, die an die apokalyptischen Szenerien eines Hieronymus Bosch erinnern und durch die Jazz-Klänge des Saxophonisten John Zorn zusätzlich eine akustische Sogwirkung erlangen. Penibel werden die Schlachtungen auf Zelluloid gebannt und die aufgeschnittenen Kehlen der verendenden Tiere in die Kamera gehalten. Die Intensität der Bilder, aber auch der schonungslose Voyeurismus dieses drastischen Realismus erreichen hier einen Höhepunkt. Gawogger sucht in jeder dieser Aufnahmen nach der spektakulärsten Einstellung: Da werden abgeschlagene, noch blutende Kuhköpfe quer über den  Platz getragen und auf einen riesigen Schädelberg geworfen, ein Arbeiter ritzt mit einem Messer die Initialen des Besitzers in den Kopf, der dann im offenen Feuer geröstet wird, ein anderer schrubbt den ganzen Tag lang mit einer Bürste das Blut von geköpften Ziegenleibern. Dunkle Rauschschwaden liegen über den zahllosen Feuern, auf denen die Kadaver geröstet werden, während die Kamera am Ende dieser Episode in den Himmel steigt und das infernalische Treiben aus der Vogelperspektive zeigt.

Auch in dem darauf folgenden Portrait pakistanischer Arbeiter, die dreihundert Tage im Jahr damit verbringen, gigantische Schiffswracks auseinanderzuschweißen, legt Glawogger viel Wert auf Farben, Licht und Geräusche, etwa wenn eine tonnenschwere Stahlwand nach der anderen vom Rumpf abgelöst wird und hundert Meter tief in den Ozean fällt. Doch hier und in den übrigen Kapiteln werden nicht nur beeindruckende Impressionen von Arbeitswelten geliefert, die einem urbanen Kinopublikum längst fremd geworden sind, sondern auch das Schicksal der Billiglöhner in den Entwicklungsländern nahe gebracht. Die Schweißer haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgegeben und erwarten gleichgültig den Tod, der omnipräsent ist, weil Dämpfe und chemische Gemische oder herabfallende Stahlplatten jeden Moment zu einer Katastrophe führen können. 

Als Kontrast dazu zeigt uns „Wokingman’s Death“ auf seiner letzten Station Bilder von optimistisch in die Zukunft blickenden chinesischen Stahlarbeitern und in einem Epilog den zum bunten Freizeitpark umgewandelten Hüttenpark Duisburg-Meiderich, in dem sich nachts jugendliche Paare im Küssen üben.

Michael Glawoggers Dokumentarfilm ist so aufregend inszeniert, beeindruckt durch eine Bildgewalt, dass er den Vergleich mit den spannendsten Spielfilmen nicht zu scheuen braucht.

Ralph Winkle