Paolo Sorrentino hat es wieder getan – „La Grazia“ ist ein zutiefst befriedigender, auf mehreren Ebenen funktionierender Film, der sich mit den großen Themen des Lebens befasst, mit der Liebe, dem Verlust derselben, mit dem Altern und mit der Frage: „Wem gehören unsere Tage?“ Denn im Mittelpunkt steht der italienische Präsident, der nur noch sechs Monate im Amt ist und mit seinen letzten Entscheidungen hadert.
Über den Film
Originaltitel
La Grazia
Deutscher Titel
La Grazia
Produktionsland
ITA
Filmdauer
133 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Morelli, Annamaria / Sorrentino, Paolo
Regisseur
Sorrentino, Paolo
Verleih
MUBI Deutschland GmbH
Starttermin
19.03.2026
Sechs Monate bleiben Mariano de Santis noch als Präsident der italienischen Republik. Ein halbes Jahr, in dem er ein Sterbehilfegesetz unterschreiben könnte, für das sich seine Tochter starkmacht. Aber auch eine Zeit, in der er noch über zwei Gnadengesuche entscheiden soll. Die Wahl, wer hier begnadigt wird, scheint einfach, aber Mariano macht es sich nie einfach. Er braucht – dafür kennt man ihn – Bedenkzeit. Die verbringt er auch gerne mal auf dem Dach bei einer Zigarette und moderner Musik. Zum Ende seines Lebens hin beschäftigt Mariano aber noch viel anderes. Kennt er seine Kinder wirklich? Kennen sie ihn? Und mit wem hat seine verstorbene Frau vor 40 Jahren eine Affäre gehabt?
Am Anfang klärt der Film auf, welche Pflichten und Rechte der italienische Präsident hat. Dann sieht man ihn und merkt: Dies ist ein etwas anderer Sorrentino. Weniger schwer wie sein vorheriger Film „Parthenope“, leichter in der Erzählweise, vor allem aber auf Humor setzend, der sich aus der Macht der Bilder, aber auch spitzer Dialoge und eindrucksvoller Bilder speist. Wenn der portugiesische Präsident zum Besuch ankommt, dann geht es inhaltlich um nichts, aber die Bilder, die Sorrentino liefert, untermalt von einer Musik, die völlig konträr zum Gezeigten ist, lassen schmunzeln. Überhaupt findet Sorrentino immer wieder surreale Bilder. Er fordert die Realität heraus, könnte man sagen.
So auch mit einem farbigen Papst mit Rastalocken und Ohrring, der mit der Vespa unterwegs ist und als Freund des Präsidenten dessen Seelsorger ist. Er sagt ihm die Wahrheit, für das Lügen seien die Landpfaffen gut, meint er.
Es sind Momente, die absurd anmuten, die aber auch Sorrentinos Bereitschaft zeigen, auszubrechen. Dies ist kein politisches Drama, es ist ein menschliches, das sehr viel über die Liebe, das Leben, das Älterwerden und das Ende eines Weges zu sagen hat. Tiefsinnig ist der Film dabei immer, zugleich aber auch vergnüglich. Sorrentino gelingt das Kunststück, 133 Minuten wie im Flug vergehen zu lassen. Er erzählt unaufgeregt, wozu auch das häufig ausdrucklose Gesicht seines Stars Toni Servillo gehört. Der Präsident hat die Leidenschaft verloren, wie es im Alter wohl immer so ist, aber er findet vielleicht etwas anderes, auf jeden Fall seinen Hang zu moderner Musik und hier insbesondere Rap. Grandios, wie er einen italienischen Rapper mit einer Auszeichnung ehrt.
Brillant ist aber auch die musikalische Untermalung. Klassische Musik geht einher mit Techno, das eine blitzt beim anderen immer wieder auf. Es wirkt fremdartig für die Art Film, die „La Grazia“ ist, aber ist umso passender, weil es Sorrentino gelingt, Bild und Ton zu harmonisieren. Er schafft ein Kunstwerk, das audiovisuell wirkt – und natürlich intellektuell. Denn vor allem ist „La Grazia“ großes Schauspielkino, das in eleganten Bildern erzählt ist.
Peter Osteried







