Labyrinth der Wörter, Das

In der französischen Provinz, wo jeder noch jeden kennt und man sich nach Feierabend wie selbstverständlich in seinem Stammlokal zum Austausch über Gott und die Welt trifft, spielt der neue Film von Jean Becker („Dialog mit meinem Gärtner“), in dem Sprache mehr als nur der Kommunikation dient. Als Beobachter anrührender bis urkomischer Alltagssituationen lässt er darin einen gutmütigen, aber ungebildeten Aushilfsarbeiter die Bekanntschaft einer kultivierten, alten Dame machen. Gérard Depardieu und die 96-jährige Gisèle Casadesus bügeln mit ihrem Charme so manche Schwachstelle des nur bedingt originellen Drehbuchs souverän aus.

Webseite: www.labyrinth-derfilm.de

OT: La tête en friche
F 2010
Regie: Jean Becker
Drehbuch: Jean Becker, Jean-Loup Dabadie
Darsteller: Gérard Depardieu, Gisèle Casadesus, Claire Maurier, Claude Maurane
Laufzeit: 82 Minuten
Kinostart: 6.1.2011
Verleih: Concorde

PRESSESTIMMEN:

Jean Becker macht hier aus einer schlichten Romanvorlage ein Fest der französischen Lebensart. …charmant.
Der Spiegel

Jean Beckers Komödie ist so mild und leicht wie ein Frühlings-Café au Lait auf einem französischen Dorfplatz.
STERN

FILMKRITIK:

Wenn Gérard Depardieu, gekleidet in einen Blaumann, etwas unbeholfen in Jean Beckers „Das Labyrinth der Wörter“ die Straßen eines kleinen, namenlosen Städtchens in der französischen Provinz entlang spaziert, fällt es schwer, spontan nicht an seine Rolle als Obelix zu denken. Depardieu ist das Aushängeschild des französischen Films und überall, wo er auftaucht, ein echter Star. Und er wird nicht müde, in kleinen wie großen Filme mitzuwirken. Auch mit inzwischen 62 Jahren denkt der Liebhaber eines guten Weins offenkundig nicht daran, sein gewaltiges Arbeitspensum herunterzuschrauben. So war und ist er allein dieses Jahr wieder in fünf Hauptrollen zu sehen.

Sein Part in dieser kleinen, heiter-melancholischen Produktion ist die des uneingeschränkten Sympathieträgers. Depardieus Germain hat bislang nicht viel Glück im Leben gehabt und doch ist er keineswegs missmutig oder verbittert. Er erscheint vielmehr wie der Prototyp des sanften, tollpatschigen Riesen, dessen gutes Herz auf seine Umwelt ausstrahlt und das ihn bei allem, was er erlebt, niemals im Stich lässt. Germains Leben spielt sich vornehmlich zwischen Gelegenheitsjobs, seinem Stammlokal und einem zu seinem Zuhause umfunktionierten alten Wohnwagen hat. Im Haus nebenan lebt seine alte Mutter (Claire Maurier), um die er sich nach wie vor kümmert.

Eines Tages begegnet er im Park einer 90-jährigen, sehr zierlichen und eleganten Dame. Margueritte (Gisèle Casadesus) liebt es so sehr wie er, die Tauben zu beobachten. Und sie liebt die Literatur. Germain hingegen besitzt kein einziges Buch. Er ist praktisch Analphabet, was seiner Neugier jedoch keinen Abbruch tut. Als sie ihm einige Passagen aus Albert Camus’ „Die Pest“ vorliest, schließt er plötzlich die Augen, um jedes ihrer Worte ganz genau nachempfinden zu können. Für Germain und Margueritte beginnt mit diesem stillen Moment eine wunderbare, tiefe Freundschaft.

Jean Becker setzt mit dieser leisen Geschichte die lange Tradition seiner ruhigen, beinahe schwerelosen Erzählungen über die Idylle des Landlebens und der einfachen Leute fort. Es passiert nicht viel im Laufe dieser 82 Minuten und obwohl dies so ist, haben Langeweile und Stillstand in „Das Labyrinth der Wörter“ keinen Platz. Wie für eine Geschichte über die Kraft und Poesie unserer Sprache nicht unüblich, spielt sich das Wesentliche in den Köpfen, Gedanken und Vorstellungen der Figuren ab. Es ist ein Film-im-Film, in den sich Germain und – zusammen mit ihm – auch wir uns begeben. Die Freundschaft zu Margueritte verändert ihn, was insofern nicht überrascht, als dass die ganze Anlage des Films auf diesen Wandel von Beginn an ausgerichtet zu sein scheint. Aber selbst die äußerst belesene und gebildete Margueritte kann von ihrer Parkbekanntschaft noch etwas lernen.

Dennoch lässt sich aus der Figurenkonstellation auch eine gewisse kulturelle Überheblichkeit herauslesen. Hier ist jemand, der wie ein kleines Kind eine neue Welt entdeckt und der gleichzeitig seinen begrenzten Erfahrungs- und Bildungshorizont nie als wirklich einengend oder gar ungerecht erlebt hat. Erst der Bildungsbürger macht ihn auf das, was er verpasst hat, aufmerksam – in Form eines Nachschlagewerks der französischen Sprache. Dass diese Schieflage am Ende nicht stärker ins Gewicht fällt, hat man weniger Beckers konventioneller Regie als den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Depardieu ist für die Rolle des gutmütigen Germain vermutlich schon aufgrund seiner Physiognomie die Idealbesetzung. Zusammen mit seiner Filmpartnerin, der 96-jährigen (!) Gisèle Casadesus, verleiht er Beckers bisweilen etwas geschwätzigem Film eine Seele, deren aufrichtige, ehrliche Wärme ganz intuitiv und ohne große Worte verstanden werden dürfte.

Marcus Wessel

Endlich wieder ein Film von Jean Becker. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Man sollte ihn nicht verpassen.

Ein französisches Dorf. Germain lebt dort, schwergewichtig, ein wenig einfältig. Er ist meist mit Hilfsarbeiten beschäftigt. Von seinen Freunden und Kollegen wird er reichlich gefoppt. Doch eines ist sicher: Innerlich ist er mehr als intakt.

Auf der Dorfbank ruht er sich aus, wenn seine Zeit es erlaubt. Möglichst jeden Tag. Die Tauben, denen er allen einen Namen gab, bilden seine Gesellschaft. Germain dürfte um die 50 sein.

Der Dorfbank stattet oft auch Margueritte einen Besuch ab. Sie ist betagt, dünn, hat beste Manieren.

Die beiden kommen ins Gespräch, freunden sich an. Von nun an begegnen sie sich so oft wie möglich.

Margueritte ist nie ohne Buch zu sehen. Jetzt liest sie Germain vor. Der Text: „Die Pest“ von Camus. Germain eignet sich einen Wortschatz an, über den seine Freunde nur staunen können.

Eine erfreuliche und menschlich beglückte Begegnung.

Mit der Zeit bekommt Margueritte eine Sehschwäche. Außerdem muss sie ins Altersheim, weil sie die Miete für ihre bisherige Wohnung nicht mehr bezahlen kann.

Als Germain, der ein wenig Geld besitzt, dies bemerkt, holt er als erstes seine Freundin wieder vom Senioren-Abstellgleis. Jetzt ist er es, der ihr vorliest.

Eine wunderbare Geschichte: still, unaufgeregt, voll menschlicher Wärme, erfreulich in jeder Beziehung, diskret aber perfekt inszeniert. Selten hat man Gérard Depardieu in
derartiger Hochform gesehen. Und das gilt in gleichem Maße für Gisèle Casadesus, die die Margueritte spielt.

Am Fall einer außergewöhnlichen Freundschaft ein klassisches Beispiel von Humanismus.

Thomas Engel