Le Passé

Nach dem Goldenen Bären und dem Oscar für „Nader und Simin – Eine Trennung“ bleibt der iranische Ausnahmeregisseur Asghar Farhadi seinem Thema treu, Schauplatz des neuen Beziehungsdramas ist diesmal nicht Teheran, sondern Paris. Dort will der Held Ahmad nach vier Jahren Trennung endlich die Scheidungspapiere unterschreiben. Dass seine Frau längst einen neuen Liebhaber hat, sorgt indes für alte Eifersucht – und das ist erst der Anfang einer überaus raffiniert konstruierten Gefühlsachterbahn. Einmal mehr überzeugt Farhadi mit exzellenter Dramaturgie, eindrucksvollen Bildern, dem empathischen Blick auf seine funkelnden Figuren sowie einem exquisiten Ensemble. Bérénice Bejo („The Artist“) wurde für ihre Leistung in Cannes mit einer Palme prämiert. Großartiges Erzählkino der Extraklasse!

Webseite: www.camino-film.com

Frankreich 2013
Regie: Asghar Farhadi
Darsteller: Ali Mosaffa, Bérénice Bejo, Tahar Rahim, Pauline Burlet
Filmlänge: 130 Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 25. Dezember 2013

PRESSESTIMMEN:

"…ein großartiges Familiendrama. …so bewegend."
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Eigentlich nur ein Routinebesuch. Vier Jahre nach der Trennung reist der Iraner Ahmad (Ali Mosaffa) von Teheran nach Paris, um endlich die Scheidung von seiner französischen Frau Noch-Ehefrau Marie (Bérénice Bejo) offiziell zu besiegeln. Schon auf der gemeinsamen Fahrt vom Flughafen fliegen freilich die Fetzen. Dass seine künftige Ex mit dem attraktiven Wäscherei-Besitzer Samir längst einen neuen Liebhaber hat, missfällt dem überraschten Gatten. Noch ärgerlicher reagiert er auf ihre aktuelle Schwangerschaft. Aller Frustration zum Trotz entpuppt Ahmad sich alsbald als erstaunlich einfühlsamer Gast in Maries baufälligem Häuschen in der Vorstadtsiedlung. Rührend kümmert er sich dort um seine aufsässige Stieftochter Lucie sowie um rebellischen Fouad, den kleinen Sohn aus Samirs erster Ehe. Der neue Mann in Maries Leben ist gleichfalls wenig begeistert von der Ankunft des potenziellen Rivalen und er scheint obendrein allerlei Geheimnisse zu hüten, die (ohne zuviel zu verraten!) von eifersüchtigen Intrigen über verschmähte Liebe und verhängnisvolle Affären bis zum tragischen Suizidversuch reichen. Klingt kompliziert, konstruiert und überladen? Erweist sich jedoch als das genaue Gegenteil!

Mit enormer Eleganz und souveräner Leichtigkeit präsentiert Farhadi dieses raffiniert konstruierte Beziehungspuzzle im Stil eines spannenden, vergnüglich Haken schlagenden Whodunit-Liebeskrimis. Der Zuschauer wird zum Ermittler und Komplizen gleichermaßen, denn jede dieser Figuren fällt mit all ihrer Macken und Widersprüchen überzeugend stimmig aus und verführt mit dieser Wahrhaftigkeit schnell zum Mitfiebern mit diesen Akteuren. Sensibilität statt Sentimentalität heißt das dramaturgische Zauberwort des iranischen Regisseurs, mit dem er sein Beziehungsdrama vor genreüblichen Klischee- und Kitschgefahren sowie gängiger Vorhersehbarkeit bewahrt. „Alles ist nur ein Missverständnis“ sagt der empathische Held Ahmad einmal und gibt damit das Thema um vermeintliche und echte Schuldgefühle dieser Vergangenheitsbewältigung vor.

Stolze zwei Monate hat Farhadi seinem Ensemble für die Proben Zeit gegeben, ein Luxus à la Haneke, der sich auf der Leinwand nun auszahlt. Punktgenau präsentieren die Schauspieler ihre komplexen Rollen mit perfekter Präzision. Da fällt kein falscher Satz, jede Geste stimmt: Intensität ohne Übertreibung. Ähnlich überzeugend wirkt die unaufdringlich einfallsreiche Inszenierung, die diese mehr als zweistündigen Szenen einer vergangenen und kommenden Ehe keine Minute langweilig erscheinen lässt.

Wie in „Nader und Simin – Eine Trennung“ erweist Asghar Farhadi sich einmal mehr als großartiger Geschichtenerzähler, der komplexe Themen unglaublich spannend präsentiert und famos mit feinsinnigem Gespür für seine Figuren fasziniert.

Dieter Oßwald