Leben der Anderen, Das

Gleich mit seinem Debütfilm gelingt dem jungen Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck ein großer Wurf. Angesiedelt in der DDR der 80er Jahre erzählt er von Gewissenskonflikten, schwindendem Vertrauen in das Regime und einer schwierigen Liebe. Allein das Drehbuch lockte zahlreiche renommierte Schauspieler vor die Kamera, ein Platz im Wettbewerb der Berlinale blieb dem Drama – ebenso wie Dominik Grafs thematisch verwandtem Der Rote Kakadu – jedoch unerklärlicherweise versagt.

Webseite: www.das-leben-der-anderen.de

Das FILMHEFT mit Materialien für den Unterricht, zusammengestellt von der Bundeszentrale für politische Bildung, ist hier downloadbar…

Deutschland 2005
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Buch: Florian Henckel von Donnersmarck
Kamera: Hagen Bogdanski
Musik: Gabriel Yared
Schnitt: Patricia Rommel
Darsteller: Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Thomas Thieme, Thomas Arnold, Herbert Knaup
132 Minuten, Format 1:2,35 (Scope)
Verleih: Buena Vista
Kinostart 23. März

PRESSESTIMMEN:

Großes Kino! Ein packendes Politdrama.
Florian Henckel von Donnersmarck, 32, hat den Film gemacht, seine erste große Arbeit. Es ist ein großer Wurf geworden. Er hat nie selbst erleben müssen, was er zusammen mit seinen herausragenden Akteuren gestaltet, aber offensichtlich hat er mehrere Jahre gewissenhaft recherchiert. So gelingt ihm (…) eine unglaublich eindringliche Expedition in eine untergegangene Welt.
Ein eindrücklicher Film… Starke darstellerische Leistungen, die Regie, die Kamera, die Musik, der Schnitt, alles überdurchschnittlich! Eine selte Fülle. Und: ein Medikament gegen Nostalgie.
Was noch bleibt: eine tiefe Wahrheit. Menschen haben eine Wahl.
Joachim Gauck, Ex-Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im STERN
Der ganze Artikel im Stern hier…

Einer der spannendsten deutschen Filme der jüngsten Zeit… Florian Henckel von Donnersmarck erzählt in seinem Regie-Debüt "Das Leben der Anderen" unprätentiös und eindringlich vom Leben und Leiden im Schatten der Stasi.
Nach "Sonnenallee", "Good Bye, Lenin!", "NVA" und "Der rote Kakadu" ist "Das Leben der Anderen" der erste deutsche Spielfilm, der sich durchgehend ernsthaft, ohne Trabi-Nostalgie, Spreewaldgurken-Romantik und anderen folkloristischen Klamauk, mit dem Kern der 1989 untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik auseinandersetzt – der systematischen Einschüchterung, Drangsalierung und Unterdrückung ihrer Bürger im Namen der "Staatssicherheit".
Florian Henckel von Donnersmarck erzählt das alles sehr nah und eindrucksvoll…
Ulrich Mühe (…) spielt den Stasi-Hauptmann Wiesler, der anfangs seinen Studenten an gefilmten Verhörbeispielen zeigt, wie man auch den hartnäckigsten Staatsfeind weich kocht, derart grandios, dass der Rest des Staraufgebots dagegen sogar ein wenig verblasst. Aber nur ein bisschen. Denn auch Ulrich Tukur brilliert als opportunistischer Stasi-Karrierist ohne jede Knallchargerie, und Sebastian Koch ist genau der repräsentative DDR-Staatsschriftsteller, der dem Staat dann doch irgendwann abhanden kommt. Thomas Thieme und Martina Gedeck komplettieren diese schauspielerische Glanzleistungen.
SpiegelOnline

Ein erstklassig recherchiertes Drama um Macht und Ohnmacht des Individuums im totalitären Staat. Florian Henckel von Donnersmarcks sauber recherchierter Blick in Grenzbereiche der Seele verzichtet auf sacharinsüße Ostalgie mit falschen Tönen, trifft immer den richtigen Ton. Er entlarvt die Mechanismen eines monströsen Überwachungssystems, das auf die Zerstörung jeglicher Individualität zielt, demaskiert die Verantwortlichen, die im Dunstkreis von Ideologie ihre persönlichen Ziele verfolgen, zeichnet Brüche in den Biografien, seismografische Erschütterungen im Räderwerk der Macht.
Der Film wirft Fragen auf, die weit über die sozialistische Ideologie hinausgehen, übertragbar sind auf jede Form des Fundamentalismus, sei es in Religion oder Politik. Ausstattung, Visualität, Stilisierung, Ensemble – besser geht’s nicht. Mit Martina Gedeck als psychisch zerbrechliches Objekt der Begierde, Sebastian Koch als visionärem Theatermann, Ulrich Tukur als widerlichem Karrierist. Wenn "Observateur" Ulrich Mühe, eingezwängt im engen Wams, ohne große Gesten oder Worte seinem Selbstzweifel Ausdruck verleiht und sukzessive seine eiskalte Präzision verliert, ist das größte und subtile Schauspielkunst. Eine "Lola" beim Deutschen Filmpreis sollte ihm mehr als sicher sein.
Bayerischer Rundfunk

"‘Das Leben der Anderen’ ist ein ernsthaftes Gewissensdrama und ein spannender Politthriller mit der Creme der deutschen Schauspiel-Elite, die sich hier zu einer sehenswerten Ensemble-Leistung zusammenfindet. Eine der reifsten Debütleistungen des deutschen Films seit langem.”
Filmecho

Im grandiosen Spielfilmdebüt des jungen Regisseurs und Autors Florian Henckel von Donnersmarck gibt es nicht einen falschen Ton. Mit der Präzision eines Seziermessers entlarvt er die Mechanismen eines Überwachungsapparats, demaskiert die Politiker, die ideologisch verbrämt ihre persönlichen Ziele verfolgen. Es geht ebenso um individuelle Verantwortung und Schuld in einem Unrechtssystem wie um die Rolle der Kunst zwischen Anpassung und Verweigerung. Aus dem sowieso schon exzellenten Schauspielensemble ragt einer noch über die anderen hinaus: Ulrich Mühe. Seine Wandlung vom Befehlsausführer zum mitfühlenden Menschen ist allergrößte Kunst.
Brigitte

Der höchst eindringlich inszenierte Film analysiert über die Einzelschicksale hinaus die Mechanik eines Unrechtssystems und beschreibt distanziert dessen Funktionsweise. Herausragend gespielt, leistet er einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte. – Sehenswert.
film-dienst

"Das Leben der Anderen” rückt das Treiben der Staatssicherheit ins Zentrum eines Spielfilms. Damit ist nicht bloß ein Thema entdeckt, damit ist die DDR selbst entdeckt: als Land, in dem Hören und Sehen vergeht. Wo jedes Wort mitgehört, jeder Schritt überwacht wird, gibt es am Ende keine Wirklichkeit mehr, nur noch Matrizen und Protokolle. Dieses Unwirkliche ist den leeren Straßen, den grauen Fassaden und ungesättigten Farben in „Das Leben der anderen” eingeschrieben. Andere Regisseure erreichen diese Geschmackssicherheit in ihrem dritten oder vierten Film, von Donnersmarck hat sie offenbar von zu Hause mitgebracht.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

 

Ein Interview mit Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck führte die Tageszeitung DIE WELT. Der ganze Artikel hier…


FILMKRITIK:

Berlin, 1984. Der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) unterrichtet junge Rekruten in Verhörmethoden und Taktik, als sein Freund und Vorgesetzter Anton Grubitz (Ulrich Tukur), ihn in den aktiven Dienst zurückholt. Das hohe Parteimitglied Bruno Hempf (Thomas Thieme) betraut sie mit einer heiklen, und, wie sich herausstellt, persönlich motivierten Aufgabe: Sie sollen den renommierten Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) überwachen, der von der Partei geschätzt wird und bislang keinerlei Anzeichen machte, dem Staat kritisch gegenüberzustehen. Schnell stellt sich heraus, dass das eigentliche Motiv der Ermittlung ein anderes ist. Hempf führt eine Affäre mit der Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), die mit Dreyman liiert ist. Wiesler beginnt mit der Überwachung und findet sich bald in kaum zu vereinbarenden Konflikten. Einerseits hat Dreyman ganz offensichtlich nichts zu verbergen. Zwar hat er Kontakt zu Regimekritikern, verteidigt einen befreundeten Regisseur, der für seine subversiven Arbeiten mit Arbeitsverbot belegt wurde, aber er selbst bleibt betont neutral. Seine eigenen Defizite als Autor sind ihm wohl bewusst, doch die Privilegien, die er als gefeierter Autor erfährt, genießt er. Andererseits steht Wiesler unter erheblichem Druck Beweise gegen Dreyman zu finden, ja, diese im Notfall auch zu erfinden, um den persönlichen Rachefeldzug seines Vorgesetzten und damit auch seine eigene Karriere nicht zu gefährden. 

Ulrich Mühe spielt Wiesler als biederen Beamten, der ganz in seinem Beruf aufgeht, ein penibler Arbeiter, dessen Privatleben nicht existent ist. Seine Wohnung in einer Plattenbausiedlung ist karg und einsam, zum Essen wird eine Dose geöffnet, soziale Kontakte beschränken sich auf den gelegentlichen Besuch einer Prostituierten. Ganz anders das Leben von Dreyman und Sieland, in das Wiesler immer tiefer eintaucht, das er abhört und akribisch notiert. Seine Sympathien für das Paar wachsen und mit ihnen die Zweifel am Regime, dass offensichtlich unbescholtene Bürger überwacht und ihre Karrieren zerstört. Wie sich nun die Lage zuspitzt, wie Wieslers Versuche Schaden von Dreyman und Sieland abzuwenden, genau das Gegenteil bewirken, entwickelt der Film in überraschend origineller Weise. Zwar sind die Dialoge bisweilen nicht frei von Klischees, doch diese werden durch zahlreiche pointierte Szenen aufgewogen. Mit bemerkenswertem Mut für Größe und Pathos entwickelt der in Köln geborene von Donnersmarck seine Geschichte und schreckt weder vor großen Emotionen noch vor  dramatischen Wendungen zurück. Nach Dominik Grafs Der Rote Kakadu ein weiterer Film, der sich mit der DDR beschäftigt ohne – wie etwa Goodbye, Lenin! oder Leander Haussmanns Filme – in die Ostalgie-Falle zu treten.

 

 

Michael Meyns