Lebensansichten eines Huhns

Am Anfang war das Ei. Aus dem Ei entwickelt sich ein Küken, das zur Henne wird, deren Leben der ungarische Regisseur György Pálfi in seinem ungewöhnlichen, bemerkenswerten Film „Lebensansichten eines Huhns“, streng aus Hühnerperspektive erzählt. Was sich wie eine humorvolle Stilübung anhört, entwickelt sich jedoch bald zu einer ethisch komplexen Betrachtung der Parallelen zwischen Tieren und Menschen, zwei Aspekten der Natur.

 

Über den Film

Originaltitel

Κότα

Deutscher Titel

Lebensansichten eines Huhns

Produktionsland

DEU,HUN,GRC

Filmdauer

96 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Karathanos, Thanassis

Regisseur

György, Pálfi

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Starttermin

20.02.2026

 

Die Henne drückt und drückt und schließlich presst sie das Ei heraus. Die ganze Breitwandleinwand nimmt dieses Bild ein, der mindestens ungewöhnliche Beginn eines Films, der noch viele Überraschungen bereithalten wird. Das Ei plumpst auf ein Fließband, bald wird ein Küken geboren, das in der Masse seiner Artgenossen nur deswegen zu erkennen bleibt, da es ein schwarzes Gefieder hat.

Wir befinden uns in einer Hühnerfabrik, in der industriell gezüchtet wird, unter zumindest fragwürdigen Umständen. Unser Huhn jedenfalls wächst heran, soll bald verladen werden, doch seine Farbe, sein Anderssein macht es unbrauchbar. Im Suppentopf eines LKW-Fahrers soll es landen, doch bei einem Halt nimmt das Huhn Reißaus, stolpert durch die griechische Provinz, irgendwo in der Nähe der Küste – und landet schließlich in einem abgelegenen Haus.

Hier lebt ein älterer Mann mit seiner Tochter und deren Kind, genießt das einfache Leben und beobachtet die Aktivitäten des Schwiegersohns mit Argusaugen. Der verdingt sich als Schmuggler, nutzt das abgelegene Haus, um die Ware zwischenzulagern, zu der bald auch Flüchtlinge zählen.

Währenddessen harrt die Henne im Käfig der Dinge, lässt sich vom Hahn begatten und legt jeden Tag ein Ei. Zu erleben, dass aus diesem Ei ein Küken schlüpft ist ihr jedoch nicht vergönnt: Jeden Morgen sammelt der Mann die Eier ein und schlägt sie in die Pfanne.

Es mag sich merkwürdig anhören: Aber wenn das Huhn den Mann durchs Fenster dabei beobachtet, wie er die Eier aufschlägt, das Eigelb kurz im Glas schwimmt, bevor es zerschlagen wird, dann meint man auf dem Gesicht der Henne so etwas wie Trauer zu sehen. Dies ist einerseits dem Kuleschow-Effekt geschuldet, einem Effekt des Filmschnitts, der besagt, dass Zuschauer ein Bild nicht isoliert betrachten, sondern durch die vorhergehenden und folgenden Bilder in ihrer Interpretation beeinflusst werden. Zum anderen dem außerordentlichen Einfallsreichtum des ungarischen Regisseurs György Pálfi, der es gewagt hat, einen Film fast komplett aus Sicht eines Huhns zu erzählen, dabei aber auf Computerbilder verzichtet.

Monatelang wurden die acht Hühner, die gemeinsam die Hauptrolle übernehmen, trainiert, an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt und „agierten“ dann vor der Kamera von Giorgos Karvelas. Manche der Hühner waren besonders gut beim Picken, andere beim Springen, andere überzeugten bei Nahaufnahmen durch geradezu menschliche Emotionen.

Doch was ist menschliches Verhalten, was Tierisches, was einfach Natürliches? Allegorisch stellt Pálfi das Leben eines Huhns und einen Ausschnitt aus der Welt der Menschen nebeneinander, erzählt vom Eingesperrtsein, von Fluchtgedanken, von Migration, von Eltern und ihren Kindern.

Ähnlich wie manch andere Spiel- und Dokumentarfilme jüngerer Vergangenheit, Jerzy Skolimowski’s „EO“ etwa, in dem ein Esel im Mittelpunkt stand, oder Victor Kossakovsky „Gunda“ in dem es um Schweine ging, suggeriert auch György Pálfi nicht einfach, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen und Tieren gibt. Stattdessen wirft er Fragen in den Raum, deutet Ähnlichkeiten an, zeigt, wie fragwürdig wir Menschen uns oft verhalten, wenn wir Tiere einsperren, aber auch andere Menschen.

Was anfangs als amüsanter Tierfilm begann, der harmlos wirkte, entwickelt sich so bald zu einer erstaunlich komplexen, ambivalenten Studie über Tier und Mensch, über die Natur und ethische Fragen, die allzu oft ignoriert werden.

 

Michael Meyns

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