letzte Schweigen, Das

Die Innenwelt dominiert die Außenwelt: In seiner Verfilmung des preisgekrönten Romans von Jan Costin Wagner um einen Mädchenmord und eine paralysierte Kleinstadt zeigt Baran bo Odar Schockzustände und Seelenabgründe, Triebstau und Schuld in einer reduzierten Bildsprache. Seine nicht leicht konsumierbare psychologische Anordnung verliert wie die Buchvorlage den Fokus und zeigt einige eindrucksvolle Skizzen.

Webseite: www.dasletzteschweigen-derfilm.de

D 2010
R+B: Baran bo Odar
D: Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe
L: 120 Min.
Verleih: NFP
Start: 19. August 2010

 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Grollende Basstöne kündigen gleich am Anfang die Tat an. Zwei Männer in einem roten Auto verfolgen auf einem Feldweg ein fahrradfahrendes, elfähriges Mädchen. Der eine drängt sie ins Feld, vergewaltigt und erwürgt sie, der andere schaut unschlüssig zu. Wenige Worte fallen, die Tat selbst ist kaum zu sehen, nur die Verwirrtheit der Männer. Es ist der 8. Juli 1986.

Zeiten und Ereignisse verschwimmen: Der 8. Juli, 23 Jahre später. Die zwölfjährige Sinikka streitet sich mit ihren Eltern und radelt davon. Am nächsten Tag findet die Polizei ihr Rad an genau der Stelle, an der vor 23 Jahren die kleine Pia starb.

Eine lähmende Anspannung erfasst Sininkkas Eltern, die namenlose Ortschaft und den ganzen Film. Trotz weiter sommerlicher Landschaften scheinen alle Inhaftierte zu sein, eingeschlossen in ihren Ängsten und Erinnerungen.
Die Polizei verheddert sich in Kompetenzrangeleien. Zum Ärger von Kommissar Grimmer (Oliver Stokowski) will sein eigensinniger pensionierter Kollege Krischan (Burghart Klaußner), der damals den Mörder der kleinen Pia nicht finden konnte, in dieser Wiederholungstat ermitteln. Ihm zur Seite steht der debile Polizist David (Sebastian Blomberg), der ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau noch unter Schock steht.

Paralysiert ist auch ein anderer: Architekt Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring), ein heimlich pädophiler Familienvater, der vor 23 Jahren die Tat mitansah und nicht eingriff. Er sucht seinen Freund von damals auf. Peer Sommmer (Ulrich Thomson), der Mörder von Pia, strahlt als allseits geschätzter Hausmeister gutmütiges Selbstvertrauen aus. Jetzt lädt er Timo zum gemeinsamen Anschauen von Pädophilen-Filmen ein. Timo reagiert immer verstockter und verhaltensauffälliger. Seine Verwirrung trägt ihn zu Elena Lange (Kathrin Sass), Mutter der ermordeten Pia, deren Kinderzimmer Elena seit 23 Jahre im unveränderten Zustand konserviert hat. Elena erahnt, dass der höfliche Besucher etwas verbirgt.

Auch andere stille, bedrängte Menschen verlieren langsam die Kontrolle. Haupt- und Nebenhandlungen verwischen, die Erzählhierarchien lösen sich auf. Ebenso diffus ist die geographische Zuordung. Der Roman spielt in Finnland, hier wurden die finnischen Namen eingedeutscht, der Handlungsort in irgendeiner nordeuropäischen Seenlandschaft angesiedelt. Ein obsessiver, schwerer Klangteppich streckt die einfach komponierten Szenerien förmlich nieder.

„Das letzte Schweigen“ könnte auch eine weitere Version von Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“ sein, der bisher sechsmal verfilmt wurde (zuletzt von Sean Penn mit Jack Nicholson). Es geht um das gleiche Verbrechen, die gleiche Verkennung des Täters und wieder um einen besessenen, verlotterten Kommissar im Ruhestand. Aber hier häufen sich die stilistischen Unstimmigkeiten. Die nüchterne Oberfläche wird mal durch turbulent verwackelte Mystery-Einlagen, mal durch theatrale Slapstickszenen in der Weise Christoph Marthalers aufgebrochen. Ein absurder Höhepunkt sind die blonden Strubbelperücken, die die zwei Täter um 23 Jahre verjüngen sollen. In Baran bo Odars Kinodebüt ruht die Geschichte nicht auf Charakteren, sondern auf Stimmungsträgern. Die psychischen Prozesse schwirren frei durch den Raum.

Dorothee Tackmann

Sinikka will mit dem Fahrrad zum Tennis fahren. Auf einem Feldweg wird sie von zwei Kerlen im Auto angehalten und festgehalten. Vergewaltigung durch den einen. Ermordung.

23 Jahre zuvor etwa zur gleichen Sommerzeit war an der gleichen Stelle ebenfalls schon die junge Pia ermordet worden. Besteht ein Zusammenhang?

Involviert sind die Mutter des vor einem Vierteljahrhundert getöteten Mädchens, die an der Mordstelle regelmäßig Blumen niederlegt; ein pensionierter Polizeikommissar, der damals – vergeblich – die Ermittlungen führte; zwei junge Kommissare, ein Mann und eine Frau; sowie die beiden Verbrecher, von denen der jüngere sich ganz einfach nur passiv verhielt, dadurch aber mitschuldig wurde.

Dem pensionierten Polizisten lässt sowohl der alte wie der neue Mord keine Ruhe. Er recherchiert tagelang. Wird seine Arbeit zum Ziel führen?

Das Leben des jüngeren der beiden Mörder scheint langsam an der Tat kaputt zu gehen. Er sucht nach den vielen Jahren seinen gut versteckt lebenden Kumpan auf, erreicht aber nichts. Schließlich setzt er mit seinem Selbstmord ein endgültiges Zeichen – eines, das zur Verurteilung des zurückgebliebenen Schuldigen führen könnte.

Der Film folgt, mit Verlaub, der „Tatort“-Formel, allerdings der guten. Dass eine schwere Schuld psychisch nicht untergeht und dass jede Mühe aufgewendet werden muss, um sie zu sühnen, wird hier eindringlich deutlich. Die Regie: ohne Fehl und Tadel.

Mit Burghart Klaußner (Polizeikommissar), Katrin Sass (Mutter von Pia), Wotan Wilke Möhring (der jüngere der beiden Verbrecher), dazu Karoline Eichhorn, Ulrich Thomsen oder Claudia Michelsen ist der Film zudem außerordentlich gut besetzt.

Thomas Engel