Liebe in den Zeiten der Cholera

Dass gerade Klassiker der Weltliteratur nicht unbedingt gehaltvolle Filme nach sich ziehen, beweist diese Verfilmung des Bestsellers von Gabriel Garcia Marquez. In überaus bedächtigem Tonfall entfaltet sich die Geschichte, schwelgerisch gefilmt, aber letztlich blutleer. Allein Hauptdarsteller Javier Bardem weiß wirklich zu überzeugen in einem Film, der in erster Linie Liebhabern der Romanvorlage gefallen dürfte.

Webseite: www.dieliebeindenzeitendercholera.de

USA 2007
Regie: Mike Newell
Buch: Ronald Harwood, nach dem Roman von Gabriel Garcia Marquez
Musik: Antonio Pinto
Darsteller: Javier Bardem, Unax Ugalde, Giovanna Mezzogiorno, Benjamin Bratt, John Leguizamo, Catalina Sandino Moreno, Hector Elizondo, Liev Schreiber
138 Minuten, Format 1:2,35 (Scope)
Verleih: Tobis
Kinostart: 21. Februar 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Will man einen Roman verfilmen, der mehrere Jahrzehnte umspannt, steht man vor kaum lösbaren Problemen. Mehrere Schauspieler die verschiedenen Stadien einer Figur spielen zu lassen, ist meist ebenso wenig überzeugend wie einen Schauspieler mit viel Make Up künstlich alt oder jung erscheinen zu lassen. Der Brite Mike Newell, wählte für diese amerikanische Produktion, die in Kolumbien spielt, in der alle Schauspieler aber englisch sprechen, eine wenig befriedigende Mischlösung. Die Rolle des Florentinos wird von zwei Schauspielern gespielt: Den Jugendlichen Florentino spielt Unax Ugalde, später übernimmt Javier Bardem den Part, erst auf jung geschminkt, später auf alt. Während Bardem diese Aufgabe einmal mehr zu einer überzeugenden Darstellung nutzt, die Dekaden überdauernde Liebe Florentinos zu Fermina mit all ihren Zärtlichkeiten und Obsessionen wiedergibt, kann man ähnliches von der Hauptdarstellerin nicht behaupten. Giovanna Mezzogiorno bleibt als Fermina als junges Mädchen aber auch als alte Frau blass und weiß nur selten zu vermitteln, warum Florentinos Liebe zu ihr all die Jahrzehnte und Hindernisse überdauert.

Womit wir beim zweiten großen Problem dieser Literaturverfilmung wären: Nach einem ausführlicheren Beginn, der dem Kennenlernen der beiden Liebenden gewidmet ist, deren zarte Beziehung von Ferminas Prestige bewusstem Vater Lorenzo (John Leguizamo) im Keim erstickt wird, hangelt sich der Film über weite Strecken an Episoden entlang. Dieses langsame Erzählen, bei dem mal Florentinos Entscheidung, seinen Schmerz mit unzähligen unbedeutenden Affären zu ersticken, dann wieder Ferminas unbefriedigende Heirat mit dem Arzt Juvenal (Benjamin Bratt) geschildert werden, funktioniert als Literatur. Als Film aber verliert sich solch eine Erzählform schnell im Episodischen. Die sind für sich genommen zwar hübsch, haben aber oft etwas anekdotisches, dass vom großen Ganzen oft weit weg führt. Dass sich der Auftragsregisseur Mike Newell und sein Kameramann Affonso Beato auch noch für eine überaus bedächtige, sehr gediegene, schwelgerische visuelle Umsetzung entschieden haben tut ihr übriges.

„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist bemüht großes Weltkino, eine allzu internationale Produktion, die allzu viele Temperamente und Einflüsse zusammen bringt, sich zwecks crossmedialer Ausnutzung auch nicht davor scheut mitten, im Film einen Song der Popsängerin Shakira einzusetzen, der so gar nicht in die dargestellte Zeit passt. Das Ergebnis ist keineswegs ein schlechter Film, technisch überzeugend und gerade was Javier Bardem angeht stark gespielt. Letztlich fragt man sich aber, ob man nicht doch lieber noch mal das Buch lesen sollte.

 

Michael Meyns

—————————————————————————————————————

Der Film beruht auf dem berühmten gleichnamigen Roman des Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez.

Ende des 19. Jahrhunderts in Kolumbien. Die Hafenstadt Cartagena besitzt eine Kathedrale und einen belebten Marktplatz. Die Häuser sind ortstypisch, die Gassen verwinkelt. Geschäftiges Treiben herrscht vor. Dort lebt der junge Telegrammbote Florentino Ariza. Eines Tages sieht er die schöne Fermina Daza, Tochter eines reichen Mauleselhändlers mit teilweise dunklen Geschäften. Um Florentino ist es sofort geschehen. Er weiß, dass er keine andere Frau will. Und Fermina ist durchaus empfänglich für das Werben des jungen Mannes. Allerdings muss alles heimlich geschehen. Die beiden schreiben sich Liebesbriefe und Telegramme.

Als es zum Schwur kommt, reagiert Ferminas Vater entsetzt. Er will für sein geliebtes Kind eine bessere Partie. Das Mädchen muss Cartagena für ein Jahr verlassen. Florentino ist untröstlich. 

Als Fermina zurückkehrt, ist alles anders. Sie heiratet einen angesehenen Arzt und scheint mit ihm keineswegs unglücklich zu sein. Florentino ist jetzt zwar zur Passivität verurteilt, den Anspruch auf Fermina aber hat er keineswegs aufgegeben.

Er arbeitet sich vom einfachen Angestellten zum Direktor der Schifffahrtsgesellschaft seines Onkels hoch, hat Hunderte von sexuellen Erlebnissen, „manche lustig, manche traurig, manche schwer, manche leicht“ – und doch ist die Liebe zu Fermina für ihn keinen Tag lang tabu.

Als deren Mann stirbt, sind über 50 Jahre vergangen. Florentino wird sofort vorstellig. Die Witwe ist entsetzt. Doch wer weiß, ob sich nicht alles doch noch einrenken lässt.

Die Fülle der Ereignisse: die Jahrzehnte, die Generationen, die sexuellen Erlebnisse, die Kriege, die Cholera-Epidemien, die nicht weniger als 96 Schauspieler, die 83 Locations – das alles zu komprimieren und dramatisieren war alles andere als einfach. Das gleiche gilt für die psychologischen Nuancen, für die Gefühle, für Florentinos Träume und Verzweiflung, für Ferminas unergründliches Verhalten, für die Intensität und den Reichtum der literarischen Vorlage, die die universelle menschliche Erfahrung zum Inhalt hat.

Regisseur Mike Newell hat es gleichwohl geschafft, mit seinem Team, den Schauspielern vor allem – und da ist insbesondere Javier Bardem als Florentino zu nennen – ein großes anschauliches und ansehnliches Gesellschafts- und Epochengemälde zu entwerfen, ein bilder- und szenenreiches Hohelied auf die Sehnsucht und Treue trotz aller Widrigkeiten.

Das Problem war, dass wegen des Romanumfanges und der Fülle der Situationen oft zu sehr gerafft werden musste und dass dies dem Ganzen unzweifelhaft schadete.

Thomas Engel