Liebe in mir, Die

Hollywoods Topverdiener Adam Sandler bewegt sich immer weiter weg vom früheren Komödieneinerlei. In Mike Binders sensiblem Drama "Die Liebe in mir" erbringt er endgültig den Beweis, dass er auch anderen Rollen und Geschichten gewachsen ist. Mehr noch: Zusammen mit Co-Star Don Cheadle ist er es, der maßgeblich zum Gelingen dieser tragikomischen Betrachtung New Yorker Schicksale beiträgt. Gedreht an Originalschauplätzen atmet Binders Film die für die Metropole am Hudson River so typische Mischung aus hektischer Betriebsamkeit und melancholischer Stille.

Webseite: www.die-liebe-in-mir.de

OT: Reign over me
USA 2007
Regie & Drehbuch: Mike Binder
Produktion: Jack Binder, Michael Rotenberg
Mit Adam Sandler, Don Cheadle, Jada Pinkett Smith, Liv Tyler, Saffron Burrows, Donald Sutherland
124 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 16.8.07

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Die Anschläge des 11. Septembers haben der Weltmacht USA schlagartig und auf grausamste Art ihre eigene Verletzlichkeit bewusst gemacht. Vor allem für die weltoffenen und kosmopolitischen New Yorker waren die einstürzenden Türme des World Trade Center ein geradezu traumatischer Einschnitt in ihr Leben. Ganz gleich, ob sie dabei Angehörige oder Freunde verloren oder nur die Bilder von Ground Zero in den Nachrichten zu sehen bekamen. 9/11 hat die Menschen verändert. Einer von ihnen ist der einst erfolgreiche Zahnarzt Charles Fineman (Adam Sandler). Seitdem bei den Anschlägen seine Frau und Kinder starben, scheint er in einer eigenen Welt zu leben, in der er seine Umgebung kaum mehr wahrnimmt. Den Tag verbringt er vorwiegend vor der Videokonsole. Wenn er dann doch einmal aus dem Haus geht, fährt er auf seinem Roller zumeist ziellos und gedankenverloren durch die nächtlichen Straßen New Yorks.

 

Ein Zufall soll ihn auf Alan Johnson (Don Cheadle), seinen alten Kumpel aus College-Zeiten, treffen lassen. An einer Straßenecke in Manhattan entdeckt dieser ihn, nachdem sich beide zuvor jahrelang aus den Augen verloren hatten. Während Charlie offen unter dem Verlust seiner Familie leidet, fühlt sich auch Alan insgeheim unwohl mit dem Leben, das er führt. Obwohl er als Zahnarzt erfolgreich ist, eine vermeintlich perfekte Ehe führt und stolz auf seine Kinder sein kann, spürt er, dass ihn das alles manchmal einengt und überfordert. Erst in der Gegenwart von Charles wird ihm bewusst, dass ihm ein Freund fehlte, mit dem er über all diese Dinge offen reden kann.

Regisseur und Autor Mike Binder thematisierte bereits in seinen früheren Werken wie An Deiner Schulter den Umgang mit Verlust, Trauer und unterschiedlich gearteten familiären Ausnahmesituationen. Obwohl Charlie sicherlich stellvertretend für nicht wenige Hinterbliebene des 11. Septembers steht, die sich mit ihrem Schicksal allein gelassen fühlen, lässt sich Binders neuer Film nicht auf den Aspekt der Nachwirkungen von 9/11 reduzieren. Dafür ist die Geschichte zu universell, sind die Charaktere in ihren Zweifeln, Sorgen und Ängsten zu nahe an dem, was jeder von uns schon einmal erlebt hat, sei es bei sich selber oder bei anderen.

Die Entscheidung, weitestgehend auf Studio-Aufnahmen zu verzichten und stattdessen an Original-Schauplätzen zu drehen – abseits der bekannten Touristenmotive – evoziert ein ganz spezielles New York-Gefühl, das wie in den früheren Filmen Woody Allens oder Spike Lees authentisch den Mood und Rhythmus dieser Metropole wiedergibt. Vor dieser Kulisse erzählt Binder eine zwischen entwaffnend komischen und dramatischen Momenten fein ausbalancierte Geschichte. Schnell wird deutlich, wieviel Wert der ebenfalls in einer Nebenrolle agierende Regisseur auf die Ausarbeitung der einzelnen Charaktere legt. Über Charlies karge Wohnung, in der sein altes Leben unter Laken und in Kisten versteckt zu sein scheint, erhält man einen ersten Einblick, wie es höchst wahrscheinlich in ihm aussieht. Dass er sich in Situationen, in denen der Schmerz zu groß wird, in die Musik seiner Jugend flüchtet und Songs wie „Love Reign O’er Me“ von The Who hört, drückt die Sehnsucht nach einem heilsamen Vergessen aus.

Trotz aller von Mike Binder zu verantwortenden Qualitäten, ohne Adam Sandler wäre Die Liebe in mir nicht derselbe Erfolg gewiss. Sämtliche Zweifel, ob Charlies Rolle zuweilen nicht dem durch Rain Man verzerrten Bild des autistischen Sonderlings zu sehr ähnelt, macht der einstige Spaßvogel über sein zurückhaltendes Spiel wieder vergessen. Sandler muss sich nach seinen Auftritten in Punch Drunk Love und Spanglish nichts mehr beweisen, vielmehr ist er wie sein Kollege Jim Carrey längst dem Klamauk-Kino Hollywoods entwachsen. Mit dem distinguierten Don Cheadle bildet er ein ungewöhnliches Tandem, das gemeinsam Roller fährt und Videospiele zockt, während jeder für sich auf die großen Fragen des Lebens nach einer Antwort sucht.

Marcus Wessel

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New York. Charlie Fineman hat ein schreckliches Los getroffen. In dem Flugzeug, das einen der beiden Türme des World Trade Center am 11. September 2001 zerstörte, saßen seine Frau und seine drei kleinen Töchter. Der entsetzliche Terroranschlag hat in Charlie tiefe Spuren hinterlassen. Das Trauma verfolgt ihn, er hat zeitweise seinen Verstand verloren, er kann kein normales Leben mehr führen. Er hätte Zahnarzt werden sollen, aber das ist jetzt unmöglich.

Da läuft Charlie seinem alten Studienkollegen Alan Johnson über den Weg. Der schaltet sofort, besinnt sich, ist willens, dem unglücklichen ehemaligen Zimmergenossen zu helfen. Das Vorhaben stellt sich als schwierig heraus, so schwierig, dass Alans Ehe darunter zu leiden beginnt. 

Doch er gibt nicht auf: trotz Charlies krankhafter Zornesausbrüche, Anfälle, Launen, Unberechenbarkeiten. Immer wieder versucht Alan es aufs Neue: in Gesprächen, bei einem Drink, indem er ihn einer Therapeutin zuführt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Es ist eine Sisyphus-Arbeit. Alan verliert dabei im Gegensatz zu Charlie nie den guten Willen und die gute Laune. Und er rettet Charlie vor der geschlossenen Anstalt, auch wenn es eine endgültige Heilung schwerlich wird geben können.

Es war klar, dass ein Geschehen wie dasjenige vom 11. September Filme nach sich ziehen würde. Einige hat es schon gegeben. „Die Liebe in mir“ von Mike Binder ist ein besonders schönes Exemplar. Psychologisch stimmig, in ruhigem Tempo, gefühlvoll, ein Hohelied auf die Freundschaft.

Realistisch ist auch das Milieu, in dem sich alles abspielt. Mit der größte Trumpf aber wurde, wem Produzent und Regisseur die beiden tragenden Männerrollen anvertraut haben. Besser als Adam Sandler (Charlie) und Don Cheadle (Alan) kann man das nicht spielen. Alle Achtung! Der Film ist ein künstlerisch schönes und menschlich berührendes Erlebnis.

Thomas Engel