Liebe

Erst großer Beifall bei der Pressevorführung, dann Standing Ovations bei der offiziellen Weltpremiere in Cannes und schließlich die Goldene Palme – ein neuer Coup des österreichischen Maestros Michael Haneke. Vor drei Jahren stand er für „Das Weiße Band“ bereits auf dem Siegertreppchen ganz oben. Sein Thema diesmal: der Tod. Die Machart: Ein Kammerspiel mit 3 Personen. Reines Kinogift, möchte man meinen. Weit gefehlt! Ein Triumph der Filmkunst und der Humanität wird man danach feststellen. Großartig gespielt, fesselnd inszeniert und bereits jetzt ein heißer Oscar-Kandidat. Euphorische Kritiken und Palme dürfte dem Publikum die Schwellenangst nehmen, die Mund-zu-Mund-Propaganda noch viel mehr. Das Filmkunst-Ereignis des Jahres!

Webseite: www.x-verlehi.de

OT: Amour
Frankreich, Deutschland, Österreich 2012
Regie und Drehbuch: Michael Haneke
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud
Filmlänge: 127 Minuten
Verleih: X-Verleih/Warner Bros
Kinostart: 20.9.2012

PRESSESTIMMEN:

Schonungslos, unendlich zärtlich, zum Sterben schön.
KulturSpiegel

FILMKRITIK:

Die Feuerwehr bricht eine Wohnung auf, hinter der mit Klebeband versiegelten Tür liegt eine tote Frau auf dem Bett, wie aufgebahrt und umgeben von Blumen. Die alte Dame scheint schon mumifiziert, die Retter öffnen fast panisch die Fenster. Derart drastisch beginnt das neue Werk des Österreichers Michael Haneke, dessen dramatisches Ende damit gleich zu Anfang verraten wird. Wie es dazu gekommen ist, enthüllt sich freilich erst ganz allmählich in diesem perfekt inszenierten Kammerspiel über die Liebe und den Tod, das bis auf eine Szene ausschließlich in einer Pariser Altbauwohnung spielt.

Frankreichs Film-Ikonen Emmanuelle Riva („Hiroshima mon amour“) und Jean-Louis Trintignant („Das wilde Schaf“), beide weit über 80, bieten als zärtliches Ehepaar die wohl beste Leistung ihrer langen Karriere. Wie bei jedem Haneke heißen die Liebenden Georges und Anne. Diesmal ist es ein pensioniertes Musiklehrer-Paar, das auch im hohen Alter eine große Zuneigung und Aufmerksamkeit verbindet. Kleine Kompliment gehören zum Alltag, für winzige Missverständnisse wird sich sofort und selbstverständlich entschuldigt. Doch dann, plötzlich beim Frühstück, kommt dieses Räderwerk der Harmonie unvermittelt ins Stocken. Die Frau hat einen geistigen Aussetzer, nur wenige Minuten zwar, doch Grund genug zur Sorge. Die folgende Operation ist eigentlich Routine mit 95 Prozent Erfolgsquote – doch irgendjemanden muss dieses Restrisiko nun einmal treffen, so will es die statistische Unerbittlichkeit.

Halbseitig gelähmt kehrt Anne zurück in die Wohnung, sie nie wieder in ein Krankenhaus zu bringen, muss der verzweifelte Mann ihr versprechen. Der Zustand verschlechtert sich so dramatisch, dass Anne dieses hoffnungslose Elend nicht länger ertragen möchte. Trotz Hilfe von Pflegekräften ist George mit dem praktischen Alltag zunehmend überfordert, von seinen psychischen Qualen ganz zu schweigen. Wenig Hilfe hat die Tochter (Isabelle Huppert) zu bieten, die ihre ohnmächtige Wut mit Vorwürfen verdrängt.

Als Vorlage für die einzige Kulisse, abgewetzt und doch gediegen, hat Haneke die Wohnung seiner Eltern nachbauen lassen. In langen Einstellungen und mit noch längeren Dialogen entfaltet sich das Drama mit unheimlicher Sogkraft. Es bedarf schon eines Meisterregisseurs, dass dabei keine Minute Langeweile aufkommt. Nichts überlässt der Perfektionist dem Zufall, jene minutenkurze Sequenz mit einer Taube etwa, wurde zwei Tage lang gedreht. Mit gewohnter Präzision und eiskalter Beobachtung schildert Haneke den schleichenden Verfall, die Ohnmacht und Verzweiflung, die der plötzliche Schicksalsschlag auslöst. Alles wirkt ergreifend und echt, absolut nichts sentimental.

Riva und Trintignant ziehen sämtliche Register ihres langjährigen Könnens. Sie, die Starke, die so nicht weiter leben möchte. Er, der Ohnmächtige, hinter dessen scheinbar gelassener Fassade ein emotionaler Vulkan zu implodieren droht. Ein Thema, das jeder gerne verdrängt und mit dem fast alle irgendwann einmal konfrontiert werden – Haneke bringt es mit großartiger Wahrhaftigkeit auf die Leinwand. Das Filmkunst-Ereignis des Jahres!

Dieter Oßwald

Georges und Anne sind alt geworden. Früher war Anne Pianistin und Klavierlehrerin, er Musikwissenschaftler. Auch Eva, die Tochter, ist Musikerin. Beide haben die 80 überschritten. Da bleiben gesundheitliche Beschränkungen selten aus.

Anne erleidet einen Schlaganfall. Die Lähmung ist rechtsseitig. Sie bedarf totaler Hilfe. Krankenhaus, Pflegeheim, Altersheim?

Die beiden lieben sich, das steht fest. Georges ist es, der jetzt in Aktion tritt. Krankenhaus? Ausgeschlossen. Anne will ihre gewohnte, ihre eigene Umgebung. Georges füttert sie, wäscht sie, bettet sie, stützt sie körperlich und seelisch, tröstet sie. Schwere Tage sind das, die nur langsam vergehen. Mit Annes Gesundheit geht es bergab.

Eva schaltet sich mehrmals ein, will die Dinge ändern. Ausrichten kann sie nichts. Die beiden Alten wollen in Ruhe gelassen werden.

Georges’ Liebe und Aufopferung fehlt nie. Trotzdem möchte Anne sterben. Noch ein Schlaganfall.

Und wieder kann es nur die pure Liebe sein, wenn er schließlich dafür sorgt, dass sie stirbt. Mag sein, dass auch der Verlust der eigenen Kraft mitwirkt. Doch hergeben tut er Anne deshalb noch lange nicht.

2012 Goldene Palme in Cannes. Man vollzieht das gerne nach. Denn Hanekes Inszenierung ist so angelegt, dass man diese quälende Lebensperiode, die Schwere und Leere, die Unfähigkeit etwas ändern zu können, das langsame Vergehen, die unerbittliche Todesnähe im Kino die ganze Zeit fast körperlich spürt.

Dann natürlich der ethische, der humane Aspekt. Auch wenn es oft nicht so aussieht – die Liebe existiert noch. Hier ist es erlebbar.

Schließlich die Schauspielergarde. Totale darstellerische Reife und Perfektion von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle

Riva. Trintignant, der immerhin eine beachtliche Karriere vorzuzeigen hat, war nie besser. Ein alter aber entschlossener, aufrechter, liebender Mann. Emmanuelle Riva hat die diffizilere Rolle, meistert sie aber mit Bravour. Als Gast (Eva) fungiert Isabelle Huppert. Sie hat nur einen kleinen Part, doch über ihre Darstellungskunst braucht nichts mehr gesagt zu werden.

Die Liebe als Todesdrama.

Thomas Engel