Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso

In mehr als 25 Jahren seiner Auseinandersetzung mit der bundesrepublikanischen Kulturlandschaft hat Christoph Schlingensief nichts ausgelassen, womit er Presse, Publikum, Geldgeber und Kritiker provozieren konnte. Durch seine Krebskrankheit wurde der Filmemacher und Theaterregisseur Schlingensief zum Philosophen – und vor allem zum idealistischen Kämpfer für sein größtes Projekt.
Der Film spielt vor allem in Afrika und begleitet Christoph Schlingensief und seine Vision vom Operndorf. Die kleine Dokumentation ist sicherlich für Schlingensief-Fans interessant, aber auch für alle, denen ungewöhnliche Hilfsprojekte und deren Umsetzung am Herzen liegen.

Webseite: www.filmgalerie451.de

Deutschland 2012 – Dokumentation
Buch und Regie: Sibylle Dahrendorf
106 Minuten
Verleih: Filmgalerie 451
Kinostart: 7. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein lebendiger Ort, an dem Kultur, Bildung und Leben vereint sind, mitten in Afrika – das war Christoph Schlingensiefs Traum. Und so sollte es aussehen, das Operndorf in der Savanne bei Ougadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso: Ein Theater in Form eines Schneckenhauses sollte das Zentrum bilden, doch zuerst sollte das Schulgebäude entstehen, dann Wohnhäuser, eine komplette Infrastruktur mit Restaurants, Fußballplatz, Krankenstation – alles angelehnt an die einheimische, ökologisch und ökonomisch erprobte Bautradition und erbaut von den späteren Bewohnern. Für dieses ehrgeizige Projekt hatte Schlingensief den renommierten Architekten Francis Kéré gewonnen, der selbst aus Burkina Faso stammt. Kéré verband mit Schlingensief mehr als der gemeinsame Glaube an die Realisierung eines unmöglich scheinenden Traumes, nämlich ein offenbar hemmungsloser Optimismus und das Vertrauen in den Sieg einer guten Sache.

Ob Christoph Schlingensief krank werden musste, um sich auf dieses Projekt zu stürzen, ist eine naheliegende Spekulation. Aber seine Krankheit ist nicht Gegenstand des Films. Schlingensief thematisiert sie selten. Das muss er auch nicht, denn sie reist ohnehin immer mit, steht in seinen Augen und spricht aus seinen Worten, auch ohne dass er darüber redet. Er wird ungeduldiger, je schlechter es ihm geht. Er will Fortschritte sehen, solange er noch dabei sein kann. Manchmal wirkt er eitel, dann wieder sachlich, dann überkommt ihn, beinahe wie früher, die überschäumende Kreativität, die genauso zu ihm gehört wie die beiläufige Missbilligung, mit der er mal eben alles in Frage stellt, was er gerade selbst gesagt hat. Der Berufsprovokateur, das ewige Enfant terrible …

Mit dem Operndorf konnte er nicht polarisieren, er wollte Gutes tun, und zwar mit ganzer Kraft. So wurde aus dem wilden Jungen ein disziplinierter Kämpfer, einer, der herumhüpft wie ein Schachtelteufel, der sich darüber ärgert, dass er nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann. Er habe keine Lust mehr auf Gespräche, die nichts bringen, sagt er, keine Lust mehr darauf, Schauspielern drei Stunden lang dabei zuzusehen, wie sie auf der Probe langsam ihren Rausch vom Vorabend loswerden. Man versteht ihn: Wenn man weiß, dass man nicht mehr viel Zeit hat, wird sie kostbar.

Der Film zeigt Schlingensief, Kéré und ihre Gefährten, darunter Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz, die im Oktober 2011 den ersten Bauabschnitt des Operndorfs eröffnen kann. Die Filmemacherin Sibylle Dahrendorf ist immer dabei – bei den ersten Gesprächen und Besichtigungen in Burkina Faso, bei Theaterproben zu Schlingensiefs Afrika-Projekt „Via Intolleranza“. Sie zeigt lediglich, kommentiert und interpretiert nicht, sondern sie bleibt meist Schlingensief dicht auf den Fersen, fängt seine Worte ein, was der große Selbstdarsteller manchmal regelrecht zu genießen scheint. Das ist gelegentlich anstrengend und wirkt ermüdend – die Bilder sind oftmals ähnlich, auch wenn Monate dazwischenliegen. Glücklicherweise ist der Film nicht streng chronologisch aufgebaut, so dass einige Zeitsprünge die Dramaturgie auflockern. Ein wenig Rührung kommt zwischendurch auf, wenn über Christoph Schlingensief gesprochen wird und wenn man merkt: Jetzt ist er nicht mehr da, und sie vermissen ihn wirklich. Nicht so wie einen, der ein Projekt realisiert hat, sondern so wie einen, den man geliebt hat.

Sibylle Dahrendorfs Arbeitsweise lässt kaum Platz für Gefühle und Gefühligkeiten; sie stellt das Projekt und seinen Schöpfer in den Vordergrund. Selten kommt so etwas wie Heldenverehrung auf oder Trauer. Vielmehr will sie zeigen, wie wichtig es ist, dass es weitergeht im Operndorf und dass Schlingensiefs Vision eines Tages Wirklichkeit wird. So ist denn auch der Schluss das beste und wirkungsvollste an diesem Film, der ansonsten nur selten einprägsame Kinobilder zeigt, die ein etwas größeres Publikum aktivieren könnten.

Am Ende übernehmen die Kinder aus dem Dorf die Kamera, spielen mit ihr und über das Spielerische werden sie immer sicherer. Das ist sehr schön und anrührend, und hier wird schließlich ganz und gar deutlich, wie Christoph Schlingensief sich seine neue Welt vorgestellt haben könnte: als Ort der Möglichkeiten, des Lachens und des Lernens.

Gaby Sikorski

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