Liebeswunsch, Der

In herbem Kontrast zu den Filmen der so genannten Berliner Schule inszeniert Torsten C. Fischer ein Melodram mit großem Stilwillen. Jessica Schwarz spielt die psychisch labile Studentin Anja, deren Sehnsucht nach der großen Liebe zwischen zwei Männer mit unterschiedlichen Vorstellungen von Beziehungen zerrieben wird. Die moralischen Dimensionen des Stoffs sind fraglos interessant, doch irritieren allzu aufgesetzte Situationen und eine Hauptdarstellerin, die wenig mit ihrer komplexen Figur anzufangen weiß.

Webseite: www.nfp.de

Deutschland 2006
Regie: Torsten C. Fischer
Buch: Torsten C. Fischer, nach dem Roman von Dieter Wellershoff
Darsteller: Jessica Schwarz, Barbara Auer, Ulrich Thomsen, Tobias Moretti
110 Minuten, Format 1:2,35 (Scope)
Verleih: NFP
Kinostart: 19. April 2007

PRESSESTIMMEN:

Eine gediegene Literaturverfilmung, die die Wurzeln des Glücks hinterfragt. Filmisch versucht die Inszenierung den Rahmen des Fernsehfilms zu sprengen, was nur bedingt gelingt. Ein großer Fernsehfilm im ansehnlichen Kinoformat, getragen von vier überzeugenden Darstellern.
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FILMKRITIK:

Schon der Beginn verrät den tragischen Ausgang der Geschichte: Der Arzt Jan (der dänische Star Ulrich Thomsen mit nicht immer verständlichem Deutsch) folgt den Spuren seiner Liebe zu Anja (Jessica Schwarz). Doch auch das Zimmer, in dem Anja die letzten Tage ihres Lebens verbracht hat, bevor sie sich vom Balkon stürzte, gibt ihm keine Antwort auf die Frage, was schief gegangen ist. Einige Jahre zuvor ist Jan glücklich mit seiner Kollegin Marlene (Barbara Auer) verheiratet. Der Jahresurlaub steht bevor und die junge Studentin Anja tritt in ihr Leben. Sie soll während der Abwesenheit des Paars das Haus hüten und will ihre Magisterarbeit schreiben. Davon hält sie nicht nur ihr flatterhafter Geist ab, sondern vor allem der steife Anwalt Leonhard (Tobias Moretti), der Anja auf traditionelle Art den Hof macht und sie schließlich um ihre Hand bittet. Worum Anja zustimmt, bleibt ebenso unklar wie so viele Entscheidungen und Motivationen, die die melodramatische Qualität des Films betonen sollen. Die Ehe mit Leonhard ist offensichtlich wenig erfreulich, bald kommt ein Kind, doch ein eigenständiges Leben hat Anja nicht. Die einzigen Freunde sind offenbar Jan und Marlene, mit denen das Paar in den gemeinsamen Urlaub fährt. Dort beginnt die Affäre zwischen Jan und Anja, die letztlich zur Eskalation der Figurenkonstellation führt. Zumal Leonhard sich wie in einem Albtraum fühlt, der sich immer wiederholt: Einst war er mit Marlene zusammen, doch diese lernte Jan kennen – der schon damals mit Leonhard befreundet war – und verliebte sich in ihn.

Der interessanteste Aspekt von Torsten C. Fischers Film ist letztlich der immer wieder angedeutete Unterschied in den Weltanschauungen Leonhards und Jans. Während der Anwalt, ganz dem Glauben an die Bedeutung von festen Gesetzen und verbindlichen Regeln verhaftet, ähnliches auch von Beziehungen verlangt, ist Jan das genaue Gegenteil. Er lebt für den Moment, ist nur dem Lustprinzip verhaftet und macht sich keine Gedanken über die möglichen Konsequenzen seines Handelns. Und diese treffen besonders Anja, die in der Affäre mit Jan das Versprechen auf eine emotional erfüllte Beziehung sieht, das sich nicht erfüllen wird.

Was in Dieter Wellershoff hochgelobtem Roman, der immer wieder zwischen den Perspektiven der vier Protagonisten wechselt, zu einem intensiven Psychogramm wurde, verliert sich in der unfokussierten Verfilmung in oft unzusammenhängende Szenen. Der Fokus liegt viel stärker als im Buch auf Anja, was offenbar auch mit der Faszination des Regisseurs für Jessica Schwarz’ Gesicht und Körper zu tun hat. Doch während es vor allem Dominik Graf in seinen Filmen mit Jessica Schwarz immer wieder schafft, die besondere Qualität der Schauspielerin, die weniger in der Fähigkeit zu subtilem, differenziertem Spiel, als in einer bemerkenswerten emotionalem Authentizität liegt, für seine Zwecke zu benutzen, lässt Torsten C. Fischer ihr viel Freiraum, in dem Jessica Schwarz wie verloren wirkt. So fehlt dem Film das dringend benötigte Zentrum, das die an sich interessante Thematik zusammenhält.

 

Michael Meyns

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Ein Vier-Personen-Stück, basierend auf einem Roman von Dieter Wellershof.

Anja hütet während der Ferienzeit das Haus des befreundeten Ehepaares Jan und Marlene. Jan ist Chirurg, Marlene arbeitet ebenfalls in der Klinik.

Leonhard, Richter von Beruf, der bei Jan und Marlene kurz zu Besuch war, findet Gefallen an der Studentin Anja, die gerade ihre Diplomarbeit schreibt. Er macht Anja Avancen. Es klappt. Die beiden heiraten, und bald ist auch das Kind Daniel da.

Nach außen wird noch eine Zeitlang der schöne Schein gewahrt, doch im Innern stellt sich die Ehe bald als Katastrophe heraus. Leonhard verhält sich sachlich, logisch, systematisch, ordnungsfanatisch. Anja ist leichtlebiger, eine mittelgute Mutter, erotisch ungebundener und in ihrem Wesen etwas oberflächlich-flatterhaft – seelisch belastet auch und zur Depression neigend.

Es stellt sich bald heraus, dass Marlene früher mit Leonhard zusammen war, dass das Verhältnis jedoch auseinander ging, weil Marlene den damals noch in erster Ehe verheirateten Jan begehrte und ihn heiratete.

Jetzt findet Anja während einer gemeinsamen Reise der vier nach Südafrika Gefallen an Jan. Die beiden fangen in einem extra gemieteten Liebesnest eine leidenschaftliche Affäre an. Doch Jan ist bald unschlüssig, schwankt, weiß nicht, wohin alles geht – zumal Marlene die sexuelle Beziehung entdeckt und auch Leonhard davon in Kenntnis setzt. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Wahl- und Seelenverwandtschaft kann es nicht sein, die die vier zusammengeführt hat. Es war wohl der Zufall, das anfängliche Glück, die erotische Anziehungskraft und die langsame Gewöhnung. Zu verschieden sind ihre Persönlichkeiten: Leonhard ist seinem konservativen Ordnungsdenken verhaftet. Anjas Schwäche ist ihre Labilität. Jan ist zwischen den beiden Polen seiner Existenz und seiner Sexualität hin- und her gerissen. Am günstigsten schneidet Marlene ab. Sie ist trotz des Betruges an ihr für Anja wie eine Schwester. Von diesen unterschiedlichen Grundlagen her konnte es zwischen den vieren nicht gut gehen.

Ein pessimistischer, aber auch bis zu einem gewissen Grade wirklichkeitsnaher Film. Dass im Leben immer alles gut geht, trifft eben beileibe nicht zu.

Gespielt werden diese diffizilen Charaktere von Barbara Auer (Marlene), Jessica Schwarz (Anja), Tobias Moretti (Leonhard) und dem Dänen Ulrich Thomsen (Jan) durchweg gut. Allerdings wünschte man sich eine bessere Sprechkultur. Zuviel wird nur genuschelt, vor allem von Jessica Schwarz.

Der hier gepflegte philosophische Small Talk ist eine nette Beigabe. Die formale Seite, die Farben und das Licht vor allem, ist reduziert, nüchtern, dunkel grau – dem Schicksals-, Lebens- und Filmklima des gescheiterten „Liebeswunsches“ angemessen.

Thomas Engel