Life in Stills

Man könnte es als inoffizielles Gedächtnis Israels bezeichnen: Das über 250.000 Negative umfassende Archiv von Rudi und Miriam Weissenstein. Ihr kleiner Laden in Tel Aviv ist über die Grenzen Israels bekannt und steht im Mittelpunkt von Tamar Tals liebevoller Hommage „Life in Stills.“ Ein schöner, kleiner Film, der ganz nebenbei viel über das moderne Israel erzählt.

Webseite: www.lifeinstillsfilm.com

Israel 2011 – Dokumentation
Regie und Buch: Tamar Tal
Länge: 58 Minuten
Verleih: Moviemento
Kinostart: 16. August 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

1910 im heutigen Tschechien geboren, kam Rudi Weissenstein 1936 nach Palästina, wo er bald Miriam Arnstein heiratete, die bis zu seinem Tod 1992 an seiner Seite blieb. Als Fotograf interessierte ihn besonders der Alltag des entstehenden jüdischen Staates, doch es waren andere Bilder, die ihn berühmt machten: Durch Zufall und gute Verbindungen war Weissenstein im Mai 1948 der einzige Fotograf, der dokumentierte, wie David Ben Gurion den unabhängigen jüdischen Staat Israel proklamierte. Fortan war er so etwas wie der Haus und Hof-Fotograf Israels, bekam alle Mächtigen und Berühmten vor die Kamera, blieb aber immer seiner Leidenschaft für das Alltägliche treu. Zusammen mit seiner Frau führte er einen kleinen Laden in der Allenby-Straße in Tel Aviv, unweit des Mittelmeers.

Doch auch in Israel ist ein geschichtsträchtiges Haus nur so viel wert, wie das Grundstück auf dem es steht, und so sah sich der kleine Laden mit Modernisierungsbestrebungen konfrontiert, die wenig Rücksicht auf Tradition nahmen. Wie die greise, aber vor allem geistig noch sehr rege Miriam Weissenstein versucht, ihr Lebenswerk zu beschützen, ist ein Aspekt in Tamar Tals Dokumentation „Life in Stills.“

Schon in ihrem Abschlussfilm „The Iron Lady and the Photohouse“ hatte die junge Regisseurin sich mit Miriam Weissenstein beschäftigt, nun setzt sie diese Arbeit fort. Vielleicht liegt es daran, dass in „Life in Stills“ manche Aspekte des Lebens der Weissensteins etwas zu kurz kommen, man sich des Öfteren wünscht, mehr zu erfahren. Besonders das dramatische Schicksal von Miriams Tochter wird zwar immer wieder angedeutet, aber nie wirklich ausgeführt: 2003 wurde Michal, Miriams Tochter, von ihrem Ehemann ermordet, der anschließend Selbstmord begann. Michals Sohn Ben, der seine Großmutter lange Jahre kaum kannte, ist inzwischen ihr wichtigster Assistent, auch wenn das Verhältnis zwischen den Generationen ein ums andere Mal gespannt erscheint. Nicht immer erzählt Tal hier präzise, bleibt manches allzu vage, doch die Faszination für das bemerkenswerte Leben der Weissensteins und ihrer Arbeit bleibt auch hier erhalten.

In Ausstellungen rund um den Globus werden die Schwarzweiß-Bilder präsentiert, zuletzt etwa auch in Frankfurt, wo Miriam Weissenstein selbst einen ihrer letzten Auftritte hatte. Inzwischen, kurz nach Ende der Dreharbeiten zu „Life in Stills“ und nach dem zwangsweise angeordneten Umzug des Fotogeschäfts, ist auch Miriam Weissenstein mit stolzen 97 Jahren verstorben. Mit ihrer Dokumentation hat Tamar Tal dieser israelischen Institution ein Denkmal gesetzt und gleichzeitig einen Film gedreht, in dem eine andere Seite Israels gezeigt wird. Die politischen Probleme, der Nahost-Konflikt spielen hier keine Rolle, allein das alltägliche Leben der Bewohner Tel Avivs sind Thema – und das ist eine willkommene Abwechslung.

Michael Meyns

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