London Boulevard

Für sein Drehbuch zu Martin Scorseses „The Departed“ erhielt William Monahan den Oscar, nun hat der Autor selbst Regie geführt. Sein Gangsterfilm „London Boulevard“ weist mit Colin Farrelll und Keira Knightley eine beeindruckende Besetzung auf, vermag es aber nur selten, aus seinen für sich genommen oft schönen Szenen ein funktionierendes Ganzes zu formen.

Webseite: www.londonboulevard-film.de

Großbritannien 2010
Regie: William Monahan
Buch: William Monahan, nach dem Roman von Ken Bruen
Darsteller: Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Ben Chaplin, Ray Winstone, Stephen Graham
Länge: 103 Minuten
Verleih: Wild Bunch/ Central
Kinostart: 1. Dezember 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Klassischer kann eine Gangstergeschichte kaum sein: Der Berufsgauner Mitchel (Colin Farrell) wird aus dem Gefängnis entlassen und will fortan ein ehrbares Leben führen. Doch seine alten Unterweltkumpel ziehen ihn unausweichlich zurück auf die schiefe Bahn, die in auswegloser Konsequenz Mitchells Untergang bedeuten. Soweit so bekannt, was fraglos auch dem Drehbuchautor William Monahan bewusst war, als er sich diesen Stoff für sein Regiedebüt aussuchte. Die größte Überraschung der Geschichte ist, dass Mitchell quasi als Nebenjob Bodyguard bei der Schauspielerin Charlotte (Keira Knigthley) wird, die sich nach privaten Katastrophen in die Isolation zurückgezogen hat und von Paparazzi belagert wird. Zusammen mit ihrem ständig kiffenden Assistenten Jordan (David Thewlis) lebt sie in einem riesigen Haus mitten in London. Mit ihrem Reichtum und ihrer Eleganz verkörpert Charlotte eine Welt, die nicht weiter von den Kreisen entfernt sein könnte, in denen sich Mitchell sonst bewegt: Finstere Gassen, schummrige Bars, in denen jedes falsche Wort eine Schlägerei provozieren kann, eine Welt geprägt von Gewalt und Waffen. Hier herrscht der Gangsterboss Gant (Ray Winstone), der Mitchell mit alten Gefälligkeiten und dem Pochen auf der Ganovenehre in seine Fänge zieht. Zu allem Überfluss ist da auch noch Mitchells nymphomane Schwester, die mit ihrer zügellosen Haltung ein ständiger Auslöser von Problemen ist.

Prinzipiell sind Figuren, Schauplatz und Geschichte von „London Boulevard“ kaum von den Stereotypen zahlloser britischer Gangsterfilme zu unterscheiden, wie man sie früher in diversen Michael Caine-Filmen fand und in jüngster Zeit in Filmen von Guy Ritchie oder Matthew Vaughn. Das Interesse mehr oder weniger gebildeter Personen aus der Filmindustrie an der mehr oder weniger rohen, brutalen Unterwelt ist zwar nicht typisch britisch, aber kaum woanders so ausgeprägt wie auf der Insel. Mit großer Freude suhlt man sich in für den Außenstehenden kaum verständlichen Akzenten, in bierseliger Stimmung, markanten, oft vernarbten Visagen und beiläufiger Gewalt. Und so hält es auch William Monahan. Immer wieder sieht man also Colin Farrell in coolen Anzügen in coolen Autos durch die neonbeleuchteten Straßen Londons kurven, während auf dem Soundtrack coole Musik spielt. Daran ist zwar prinzipiell nichts verkehrt, aber als Regisseur erreicht Monahan hier nur selten die beiläufige Lässigkeit, mit der etwa ein Martin Scorsese (für den Monahan das Drehbuch zu „The Departed“ schrieb) in seinen besten Filmen die Unterwelt gleichzeitig verherrlicht und distanziert betrachtet. Denn das ist das größte Defizit von „London Boulevard“: Es gelingt nicht, eine Haltung zu entwickeln. Allzu disparat laufen die zahllosen Handlungsstränge ab, losgelöst von Konsequenzen agieren die Figuren, die zwar fast ausnahmslos den Tod finden, aber doch zu schematisch bleiben, um zu berühren. Trotz gelungener Einzelteile, etlicher prägnanter Szenen und einer ganzen Riege toller Schauspieler, bleibt „London Boulevard“ am Ende nur die Aneinanderreihung seiner durchaus Genre-tauglichen Teile, schafft es aber nicht, diese zu einem größeren Ganzen zu formen.

Michael Meyns

.