London Nights

In der Tradition der Nouvelle Vague erzählt Alexis Dos Santos von verträumten und vertrunkenen Nächten in Londons europäischer Underground-Szene. Axl ist aus Madrid nach London gekommen, um seinen Vater zu finden. Die Belgierin Vera hängt ihrer letzten Liebe nach und trifft einen Fremden. Mike träumt vom Fliegen. Eine Matratze wird umgetragen. Tage und Nächte, große Gefühle und kleine Begebenheiten, Menschen und Kleider – alles fließt ineinander in Dos Santos atmosphärischem Porträt eines Lebensgefühls zwischen Leichtigkeit und Melancholie.

Webseite: www.koolfilm.de

Originaltitel: Unmade Beds
Großbritannien 2009
Regie: Alexis Dos Santos
Darsteller: Richard Lintern, Iddo Goldberg, Déborah François, Al Weaver, Fernando Tielve, Tim Plester, Michiel Huisman, Alexis Dos Santos
FSK: 12
Verleih: Kool Filmdistribution
Kinostart neu: 12.8.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Mit Leichtigkeit erzählt, tolle Musik, überraschend sympathisch.
Kultur-Spiegel

FILMKRITIK:

LONDON NIGHTS beschreibt ein Lebensgefühl. Die Protagonisten des Films sind Anfang zwanzig, vage auf der Suche nach irgendetwas, aber noch nicht besonders in Eile, es auch finden zu müssen. Aus ganz Europa hat es sie in London angeschwemmt. Immer sind sie entweder dabei, an langen Abenden abzustürzen, oder verkatert in einen neuen Tag zu finden, der zuende ist, bevor sie dort angekommen sind. Dann ist wieder Nacht in den Indie-Kneipen und Clubs und in dem „Squat“, in dem die Twens ein Zuhause gefunden haben, und das ebenso wie sie selbst ständig seine Konturen verändert.

Zwei von Ihnen folgt der Film auf ihren verschlungenen Wegen durch verpeilte Londoner Wochen. Der erste ist Axl. Er ist aus Madrid nach London gekommen, um seinen Vater zu finden, der die Familie verlassen hat, als Axl drei Jahre alt war. Axl kann sich an die Zeit mit seinem Vater nicht erinnern. Er kann sich auch am nächsten Morgen nach einer Party nie erinnern, wen er getroffen hat, was er erlebt hat und wie er in das Bett gekommen ist, in dem er aufwacht. Irgendwie fehlt der Zusammenhang, den – vielleicht – der Vater wieder herstellen könnte. Unter dem Vorwand, eine Wohnung zu suchen, trifft sich Axl mit dem geradlinigen Immobilienmakler und Anzugträger, der sich gewissenhaft um eine neue Familie kümmert. Aber irgendwie erscheint dessen ordentliche Wirklichkeit um Einiges weniger real als die träumerischen Nächte von Axl und seinen Freunden.

Die zweite der Nachtgestalten ist eine junge Belgierin. Vera hat Liebeskummer, denkt viel nach und an besonders melancholischen Orten macht sie ein Polaroidfoto. Sie jobbt in einem Buchladen und findet, dass es gut ist, Bücher auch mal falsch einzusortieren – wie soll man sonst Überraschungen erleben? Eines Abends trifft sie einen jungen Mann, den sie tatsächlich mag. Statt am nächsten Tag Telefonnummern und Namen zu tauschen verabreden sich die beiden und überlassen den Rest dem Zufall. Das Risiko, sich in der Großstadt auf immer zu verlieren, nehmen sie in Kauf. Finden und verlieren, finden und verlieren, immer aufs Neue.

LONDON NIGHTS macht viele Dinge, die Debütfilme (es ist Dos Santos zweiter Langfilm) so machen: ein episodischer Plot, Polaroidfotos, dicke Metaphern. Der Indie-Soundtrack ist zugleich träumerisch und obercool und die Bilder erinnern an Wong Kar-Wais frühe Filme FALLEN ANGELS und HAPPY TOGETHER. Bei Dos Santos finden diese vertrauten Elemente zu einem überzeugenden Ganzen zusammen. Das Ergebnis ist weniger das Porträt einer Generation als das eines Gefühls. LONDON NIGHTS zelebriert einen Schwebezustand zwischen Leichtigkeit, Sehnsucht und Melancholie, in dem Tage, Tätigkeiten und Menschen absichtslos ineinander fließen. In Zeiten, in denen es auch im Film meistens darum geht, möglichst effektiv erwachsen zu werden, ist das fast schon eine Utopie.

Hendrike Bake

Das Londoner East End ist so etwas wie ein Katalysator eines Teils der jungen Welt von heute. Alles tummelt sich dort: Studenten, Künstler, Musiker, Gescheiterte. In diesem vielfältigen, lauten, interessanten und auch originellen Milieu spielt der Film.

Vera, die junge Belgierin, packt die Fotos ihres Verflossenen, Lucas, ein. Es ist vorbei. Sie wird in London ein neues Leben beginnen. Selbst wenn sie fürs erste von der Liebe genug hätte, ausweichen kann sie ihr doch nicht.

Sie trifft den mysteriösen „Röntgen-Mann“, einen jungen anziehend wirkenden Kerl. Beider Begegnungen und sexuelle Kontakte sind sporadisch, keiner will vom anderen genaueres wissen. Der eine sagt wann, der andere wo sie sich treffen. Aber dann klappt es einmal nicht. Was wird jetzt aus Vera werden?

Axl ist in der gleichen billigen („Künstler“-)Bleibe untergekommen wie Vera. Er ist Spanier, 20 Jahre alt. Schon lange sucht er seinen Vater, von dem er und seine Mutter verlassen wurden, als Axl noch ganz klein war. Der Vater ist längst wieder verheiratet, hat Kinder.

Doch Axl, der Verschlossene – obwohl er sehr oft (mit allen Konsequenzen) in einem anderen Bett schläft; 21 sind es bis jetzt – wird letzten Endes dem fremden Mann nicht sagen, dass er sein Sohn ist.

Mike ist ebenfalls mit von der Partie. Er ist so etwas wie der Quartiergeber und ruhende Pol, einer, der anderen unter die Arme greift, wenn Not am Mann ist.

Diese jungen Menschen stellen sich noch Fragen, suchen noch ihren Weg, Sie tun dies aber nicht in einer ruhigen meditativen Weise, sondern in einer lauten, bunten, vielschichtigen Welt – was das Finden des richtigen Weges nicht immer erleichtert.

Aber so wie dieses Leben ist, ist auch Alexis Dos Santos’ Filmstil: improvisiert, stückhaft, krachend, verrückt, suchend, originell. Die Rockmusik spielt dabei eine herausragende Rolle. Der Regisseur holte sich die neuesten Trends und Bands.

Fernando Tielve (Axl), Deborah François (Vera) Michiez Huisman („Röntgen-Mann“) und Iddo Goldberg (Mike) machen den Rollen entsprechend ihre Sache sehr gut.

Insgesamt ein durchaus typisches Zeitbild und ein nicht einmal imaginärer, sondern realer wenn auch kleinerer filmischer Gesellschaftsausschnitt, der einem vorwiegend jugendlichen Kinopublikum gefallen könnte.

Thomas Engel