Lost Town

Eine Don Quijote-Geschichte im Architekturbetrieb: Zwei junge Architekten gewinnen einen Wettbewerb, doch der Kampf ihr Projekt auch zu realisieren, zieht sich über Jahre. Jörg Adolphs sehenswerte Langzeitdokumentation „Lost Town“ handelt von Träumen, Visionen, Idealismus und den Auswirkungen der Finanzkrise.

Webseite: www.losttown.net

Land 2009
Regie, Buch: Jörg Adolph
Kamera: Jörg Adolph, Luigi Falorni, Josef Mayerhofer, Daniel Schönauer
Schnitt: Anja Pohl
Musik: Console, The Notwist
Dokumentation
Länge: 89 Min.
Verleih: Caligari Filmproduktion
Kinostart: 22. April 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es dürfte der Traum jedes Architekturstudenten sein: Gerade das Diplom in der Tasche und schon Gewinner eines prestigeträchtigen internatonalen Wettbewerbs. So geht es Anne Niemann und Johannes Ingrish, die sich an der Universität in München kennen gelernt haben und als kreatives Team zusammen arbeiten. Anfang 2004, kurz nach Ende ihres Studiums, wurden sie von der EEDA, der East of England Development Agency mit dem ersten Preis eines Wettbewerbs prämiert, der nach einem Wahrzeichen für die strukturschwache Region an der englischen Ostküste gesucht hat. Ihr Entwurf begeisterte die Jury und ist so einfach wie prägnant: Lange Stahlstangen sollen vor der Küste ins Meer gerammt werden, genau an den Stellen, an denen sich einst Kirchen befanden, die durch die immer weiter voran schreitende Küstenerosion im Meer versunken sind. Die Stangen verschiedener Länge sollen die Form der Kirchen andeuten und wären – fast verborgen im Küstennebel, je nach Tageszeit in unterschiedlichen Lichtstimmungen glänzend – wohl ein gleichermaßen eindrucksvolles wie geisterhaftes Monument geworden. Wären, denn der Gewinn des Wettbewerbs sieht keineswegs eine sofortige Umsetzung des Projekts vor, sondern beinhaltet nicht mehr als eine Machbarkeitsstudie.

Die gehen die jungen, noch etwas unsicheren Architekten mit Verve an, doch schon bald stoßen sie auf die ersten Hindernisse. Der geplante Ort des Monuments ist das englische Dunwich, inzwischen kaum mehr als eine Ansammlung von ein paar Häusern. Gerade mal 114 Einwohner zählt das Nest noch, vorwiegend ältere Herrschaften, die so gar kein Interesse an Veränderung haben. Sehr direkt müssen Niemann und Ingrish erfahren, dass die Gemeindeversammlung ihr Konzept rundheraus ablehnt. Hier, nach gut einer halben Stunde könnte der Traum und damit der Film vorbei sein, doch für Niemann und Ingrish geht es erst richtig los. Und das bedeutet einen jahrelangen Gang durch die Instanzen, eine Umarbeitung des Konzeptes, immer neue Besprechungen, Hoffnungen, die sich zerschlagen, bürokratische Hindernisse und schließlich die Finanzkrise, die eine mögliche Finanzierung im letzten Moment verhindert.

Und neben dem Versuch, den Entwurf doch noch zu realisieren, gilt es für Niemann und Ingrish ihr „normales“ Leben zu führen, Geld zu verdienen. Irgendwann taucht bei Ingrish ein Baby auf, die Veränderung zeigt sich vor allem in wechselnden Haar- und Bartlängen. Wirklich viel vom Leben der beiden Architekten bekommt man nicht zu sehen, der langen Produktionszeit zum Trotz. Kurze Einblendungen der Jahreszeiten deuten die vergangene Zeit an, immer wieder fassen etwas gestellt wirkende Szenen zwischen Niemann und Ingrish den Stand der Dinge zusammen, der letztlich ein Traum bleibt. Das aus dem Projekt (zumindest bislang) nichts wurde, mag aus dramaturgischer Sicht bedauerlich sein, als Sinnbild für das Scheitern von ambitionierten, auch kontroversen Kunstprojekten in einer sich zwar ständig verändernden Zeit, die aber dennoch wenig neues wagt, funktioniert es perfekt. So ist „Lost Town“ trotz einiger Längen ein bemerkenswert zeitgemäßer Film.

Michael Meyns

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