Summen der Insekten, Das

DAS SUMMEN DER INSEKTEN ist die Inszenierung eines literarischen Textes, der in Anregung an eine wahre Begebenheit entstanden ist. In MY DEAR MUMMY schildert der japanische Autor Masahiko Shimada in Tagebuchform die letzten Tage eines unbekannten 40-jährigen Mannes, der sich in den Wald zurückgezogen hat, um dort zu verhungern. Der Schweizer Regisseur Peter Liechti hat den Text als universelle Auseinandersetzung mit dem Tod behandelt und in einen europäischen Wald verlegt. Die Text-Klang-Bild Collage, die Auszüge aus dem Tagebuch, eine experimentelle Tonspur aus Musik und Geräuschen und assoziative Bilder verbindet, kommt ohne Hauptdarsteller aus, der Selbstmörder ist nie zu sehen.

Webseite: www.filmkinotext.de

Schweiz 2009
Regie: Peter Liechti
Drehbuch: Peter Liechti, Masahiko Shimada
Kamera: Matthias Kälin, Peter Liechti
Schnitt: Tania Stöcklin
Musik: Christoph Homberger, Norbert Möslang, Martin Schütz
Originaltitel: The Sound of Insects – Record of a Mummy
Länge: 88 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 6.5.2010
 

PRESSESTIMMEN:

 

Das Summen der Insekten‘ ist ein Glücksfall … Kino, das uns vor offene Fragen stellt.
FAZ

Ein großes Wagnis, ein cineastisches Juwel!
Filmecho

Herausragend. "Das Summen der Insekten" ist kein bisschen eklig, sondern Schönheit pur, und paradoxerweise ein Plädoyer für das Leben.
Der Tagesspiegel Berlin

Ein irritierendes und faszinierendes Meisterstück, zu Recht ausgezeichnet mit dem Europäischen Filmpreis PRIX ARTE für den besten Dokumentarfilm. Die meisterhafte Thematisierung eines Tabus. Der Tod als Rückzug aus der Leistungsgesellschaft, ein Akt radikaler Verweigerung – der Schweizer Peter Liechti nähert sich dem Tabu-Thema in einer Mischung aus Essay, Literaturverfilmung und Experimentalfilm. Nach der auf einer wahren Geschichte beruhenden Novelle "miira ni narumade" des Japaners Masahiko Shimada verbindet er das bewusste Verlassen dieser Welt mit einer Kritik am Materialismus und einem Manifest für das Leben.
Kino Kino BR Online

FILMKRITIK:

Es ist still. In einem verschneiten Wald sieht man aus einiger Entfernung ein Rettungsteam arbeiten. Eine Bahre wird weggetragen und beim Anblick der Decke die den schmalen Körper ganz verhüllt, weiß man, dass es sich um einen Toten handelt. Die Erzählerin aus dem Off klingt nüchtern und dennoch poetisch. Sie erzählt, dass ein Hasenjäger die Leiche eines Mannes im Wald gefunden hat. Der Leiche war mumifiziert, der Mann musste also schon vor seinem Tod extrem ausgezehrt gewesen sein. Über seinen Namen und seine Herkunft ist nichts bekannt, aber er hat ein Tagebuch hinterlassen, in dem er von seinem Entschluss berichtet, zu verhungern und den Prozess Tag für Tag beschreibt.

Die Erzählstimme wechselt. Jetzt ist es ein Mann, der das Tagebuch vorliest. Es sind knappe sachliche Einträge, in denen der mysteriöse Tote von seinen Reisevorbereitungen, dem Errichten eines Zeltes aus Plastikplanen im Wald oder dem Wetter berichtet. Er bleibt dabei strikt in der Gegenwart. Über sein Leben vor der Tat erfährt man nichts und zu seiner Motivation für den Selbstmord heisst es nur: Mein Leben war sinnlos.
Die Texte sind überaus schlicht, fast schon banal, und sehr distanziert. Der Tote schreibt von sich, wie von einem Fremden, den er nur beobachtet. Wenn er gegen Ende der langen zwei Monate, die sein Sterben dauert, von schrecklichen Schmerzen schreibt, dann sind diese Schmerzen in den Worten kaum zu spüren. Lediglich als er befürchtet, dass die Batterien seines Radios versagen und er in der Dunkelheit keinen Gefährten mehr haben wird, spürt man einen Hauch von Angst in seinen Worten. Ansonsten überwiegen Gelassenheit und Neugier. Nüchtern überlegt der Autor zum Beispiel, ob er lieber Verhungern (dauert länger) oder Verdursten (ist qualvoller) möchte und entscheidet sich dann für das Verhungern.

Da der Film keine Erklärungen liefert, ist der Zuschauer auf sein eigenes Verhältnis zu Leben, Tod und Sterben zurück geworfen. Die große Ruhe, mit der der Mann im Wald sein Vorhaben, bei dem es bis ganz zum Schluss jederzeit die Möglichkeit gibt abzubrechen, durchzieht, ist ebenso erschütternd wie beeindruckend. Sie scheint von der Größe der Einsamkeit zu erzählen, die dieser Ruhe vorangegangen sein muss. Zugleich geht von der Entschlossenheit des Selbstmörders eine große Kraft aus. In seinem Entschluss zu sterben scheint der Mann lebendiger zu sein, als im Leben. Endlich hat er ein Ziel, auf das er sich gelassen, aufmerksam beobachtend, hinbewegt. Dabei tut er seinem lebenswilligen Körper ungeheure Gewalt an. Bis zum Schluss hofft man – wie auch in HUNGER oder INTO THE WILD – gegen besseres Wissen, dass jemand kommen und der Zerstörung Einhalt gebieten möge.

Den klaren poetischen Worten des Erzählers ist wenig hinzuzufügen und so beschränkt sich Peter Liechti auf Bilder, die bewusst offen bleiben. Neben verfremdeten Aufnahmen, die vage Assoziationen von großstädtischer Einsamkeit, komplexer Sexualität und orientierungslosen Nächten hervorrufen, hat Liechti vor allem Natur gefilmt. Immer wieder ist dieselbe Waldlichtung zu sehen und immer wieder der Blick gen Himmel durch eine dicke durchsichtige Plastikplane, die das Dach des Sterbelagers darstellen könnte. Mit der Zeit bilden die Blätter und Nadeln, die auf die Plane fallen, ein abstraktes Gebilde. Es ist ein schönes Symbol für die Dauer des Sterbens und eines der wenigen Bilder, die den ungeheuer starken Text wirklich bereichern können.

Obwohl das dokumentarische Element in DAS SUMMEN DER INSEKTEN verschwindend gering ist, ist der Film u.a. mit dem europäischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet worden. Vielleicht weil es für diesen eigenwilligen Essay keine geeignete Kategorie gab.

Hendrike Bake

Der Film beruht auf zwei Fakten: einer wahren Begebenheit und einer japanischen Novelle.

Kein Film wie andere.

Ein etwa 40jähriger Mann, von der irdischen Welt enttäuscht, vom Leben gelangweilt, von der Gesellschaft und ihrem Materialismus abgestoßen, beschließt, sich das Leben zu nehmen. Der Selbstmord soll jedoch nicht abrupt geschehen, etwa durch Erhängen oder Erschießen, sondern bewusst, langsam. Durch Verhungern.

Er stellt das Nötigste zusammen: etwas Wasser, Kerzen, ein Radio, Bücher. Im tiefsten, unzugänglichen Wald baut er sich aus Kunststoffplanen einen Unterschlupf.

Das Sterben kann beginnen. 60 Tage wird es dauern. Minutiös hält er in einem Tagebuch alles fest: seine Gedanken; seinen Abschied vom Leben; seine Neugierde auf die Zeit danach; seine Bach-Musik aus dem Radio; seine Lektüre der Göttlichen Komödie von Dante; seine tiefsten und seine banalsten Ideen; die Wahrnehmung des ihn umgebenden Waldes, des Regens, des Mondes; „das Summen der Insekten“; das Starren auf die ihn umgebende Plastikhülle; seine Träume; seine Halluzinationen; seine Bewusstlosigkeit; das langsame Austrocknen; die Schmerzen; das Schrumpfen des Körpers; das Ende.

Ein Jäger findet den mumifizierten Mann. Durch das Tagebuch wird dieser Tod aufgeklärt.

Die Meinungen zu diesem Film dürften gehörig auseinandergehen. Die einen werden ihn finster, monströs, der Perversion nahe finden, die anderen großartig, tiefsinnig, todesnah. Eines ist er auf jeden Fall: etwas Besonderes. Ein Mensch, der sich der Existenz und der Nichtexistenz stellt; der es leid ist, nach dem Sinn des weltlichen Lebens zu fragen; der weitergehen und weitersehen will; der den Tod nicht schnell erlebt, sondern in allen Phasen.

Während des Verlesens des Tagebuchs schiebt Regisseur Peter Liechti zahlreiche metaphorisch und symbolhaft intendierte Bilder ein – und immer wieder die den Todgeweihten umgebende Natur.

Ein Aufsehen erweckender Wurf dieser Film. Aber für manche auch ein Monstrum.

Arthouse-verdächtig. Arthouse-würdig.

Thomas Engel