So liberal unsere westlichen Gesellschaften auch wirken, eins scheint nicht in Frage zu stehen: Dass es für eine Frau das wunderbarste ist, Mutter zu werden, ein Kind groß zu ziehen. Was passiert, wenn diese gesellschaftliche Erwartung nicht erfüllt wird, zeigt Anna Cazenave Cambet in ihrem Drama „Love Me Tender“, in dem Vicki Krieps in fast jeder Szene zu sehen ist und einmal mehr brilliert.
Über den Film
Originaltitel
Love Me Tender
Deutscher Titel
Love Me Tender
Produktionsland
FRA, LUX
Filmdauer
134 min
Produktionsjahr
2025
Produzent
Débauche, Raphaëlle / Danfaute, Nicolas
Regisseur
Cambet, Anna Cazenave
Verleih
Salzgeber & Co. Medien GmbH
Starttermin
07.05.2026
Seit einigen Jahren lebt Clémence (Vicky Krieps) getrennt von ihrem Mann Laurent (Antonie Renartz), ihre freie Zeit nutzt sie, um zu schreiben, gemeinschaftlich kümmert man sich um den Sohn Paul (Viggo Ferreira-Redier). Eine ganz normale Patchwork-Famile im frühen 21 Jahrhundert scheint es, doch dann beginnt Clémence mit Frauen auszugehen. Keine große Sache, möchte man meinen, doch Laurent reagiert irritiert auf die Nachricht, dass sein aktueller „Nachfolger“ kein Mann, sondern eine Frau ist.
Und der Staat gibt ihm Recht: Eine andere Frau als Partnerin bringt offenbar das Gleichgewicht einer heteronormativen Familie durcheinander, weswegen es für Clémence immer schwieriger wird, Zeit mit Paul zu verbringen. Ein schier endloser Kampf gegen die Bürokratie beginnt, bei dem sich Clémence immer wieder fragt, ob er es wert ist, gekämpft zu werden.
Denn so wichtig ist ihr ihr Sohn auch nicht, er ist zwar Teil ihrs Lebens, aber er bestimmt es nicht. Eine Haltung, die von einem Großteil der Bevölkerung nicht toleriert wird, denn was könnte es wichtigeres geben als ein Kind? So einiges, denkt Clémence und stößt damit auf fundamentale Widerstände.
Ein Film, wie gemacht für Vicki Krieps. In praktisch jeder Szene ist die Luxemburgerin zu sehen, ihre Ausstrahlung bestimmt den Film, von ihrer Präsenz lebt ihre ambivalent angelegte Figur, die auf den ersten Blick so gar nicht dem entspricht, was viele Menschen von einer Frau, einer Mutter erwarten. Nicht, dass Clémence ihr Kind nicht liebt, im Gegenteil, sie genießt die Stunden mit Paul, verbringt gerne Zeit mit ihm, aber ebenso gerne verbringt sie Zeil allein, oder mit ihren wechselnden Partnerinnen. Dass die scheinbar so freie, liberale Gesellschaft ihr dies nicht zugesteht, sie geradezu dafür bestraft, dass Clémence mit einer Frau zusammen ist, dadurch nicht dem klassischen Modell einer Kleinfamilie entspricht, ist der Dreh eines Films, der auf unterschwellige Weise schwierige Fragen anreißt.
Muss eine Frau sich entscheiden? Kann es nur die Liebe zu einem Kind oder die Liebe zu einer Frau geben? Man sollte meinen, dass solche Fragen im 21. Jahrhundert in einer liberalen, westlichen Gesellschaft längst überwunden sind, doch wie Anna Cazenave Cambet in ihrem mitreißenden Melodram „Love me Tender“ andeutet, ist das noch keineswegs der Fall.
So offen und liberal, so feministisch Laurent auf den ersten Blick auch wirkt, sobald er erfährt, dass Clémence sich mit Frauen trifft und nicht mit Männern, verändert sich sein Wesen. Das Rechtssystem, das sonst oft die Frau, die Mutter bevorteilt, versagt in diesem Fall, hat die Möglichkeit, dass eine lesbische Mutter sich um ihr Kind kümmert, scheinbar nicht vorgesehen.
Am Ende, nach langem Kampf um das Sorgerecht, steht Clémence vor einer schwierigen Entscheidung, vor der Wahl zwischen sich selbst und ihrem Kind, eine Entscheidung, die ihr eine Gesellschaft aufgezwungen hat, die oft liberaler tut, als sie in Wirklichkeit ist.
Michael Meyns







