Eine echte Popmusikerin, die eine ausgebrannte, sich bei ihrer Mutter verkriechende Popmusikerin spielt: Das ist die Prämisse von Eivind Landsviks abendfüllendem Kinodebüt „Low Expectations“, das 2026 in Cannes seine Weltpremiere feierte. Hauptdarstellerin Marie Ulven, bekannt unter ihrem Künstlernamen Girl in Red, brilliert in einem feinfühligen Psychodrama mit erstaunlich vielen humorvollen Momenten.
Über den Film
Originaltitel
Lave forventninger
Deutscher Titel
Low Expectations
Produktionsland
DK, NO
Filmdauer
105 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Synnøve Hørsdal, Lotte Sandbu
Regisseur
Eivind Landsvik
Verleih
Pandora Film Medien GmbH
Starttermin
01.01.1972
Wer im Leben an einen Punkt gelangt, an dem alle Akkus aufgebraucht sind und jegliche Freude verflogen ist, besinnt sich nicht selten auf seine Wurzeln, kehrt dorthin zurück, wo alles einmal begann. Auch das norwegisch-dänische Drama „Low Expectations“, uraufgeführt bei den Filmfestspielen von Cannes 2026, wählt diese Richtung. Hauptfigur Maja (Popstar Marie Ulven alias Girl in Red in ihrer ersten Leinwandrolle) hat es in der Musikwelt zu einiger Berühmtheit gebracht, wurde dann aber von einem Zusammenbruch inklusive Drogeneskapaden heftig erwischt. Leer und ausgepumpt kommt sie bei ihrer als Lehrerin arbeitenden Mutter Astrid (Tone Mostraum) unter, die Maja einen Aushilfsjob an ihrer Schule organisiert.
Nicht nur den Bezug zur Musik hat die Künstlerin verloren. Überhaupt wirkt sie seltsam isoliert von der Welt. Mit meistens ausdrucksloser Miene geht die blasse junge Frau ihrer neuen Arbeit nach, beaufsichtigt Schüler bei ihren Klassenarbeiten und springt ein, wo es gerade brennt. Großes Interesse an der Prominenten zeigt vor allem die Teenagerin Aida (Embla Berntsen mit einem starken Schauspieleinstand), die sich, ähnlich wie Maja, in ihrer Umgebung seltsam fremd vorkommt.
Ulvens unprätentiöse, auf exaltierte Schmerzgesten verzichtende, in sich gekehrte Performance verleiht „Low Expectations“ enorme Wucht. Generell eröffnet die Besetzung der Hauptrolle mit einer echten, inzwischen auch international bekannten Sängerin und Songwriterin dem Film eine spannende, zusätzliche Ebene. Regisseur und Drehbuchautor Eivind Landsvik, der hier seine erste abendfüllende Arbeit abliefert, betont zwar mit Nachdruck, dass die Musikerin Maja nicht mit ihrer Darstellerin und deren Schaffen gleichzusetzen sei. Dennoch ist es gut denkbar, dass Marie Ulven eigene Erfahrungen, Zweifel und Ängste in ihren Part einfließen ließ. Zu einer Vermischung von Realität und Fiktion kommt es auf jeden Fall in den Videoausschnitten von Majas Auftritten, die Aida sich auf ihrem Handy anschaut. Zu sehen sind extra für den Film gedrehte Szenen, aber auch Schnipsel aus Girl-in-Red-Konzerten.
Statt eine dramaturgisch klassisch aufgebaute Comeback-Geschichte zu erzählen, entfaltet „Low Expectations“ seine Handlung in einer mäandernden Form. Aufgebauschte Wendungen gibt es nicht. Dafür durchlebt Maja ein permanentes Wechselbad der Gefühle. Mal hat es den Anschein, als befinde sie sich auf dem Weg der Besserung. Dann wieder nehmen Leere und Traurigkeit überhand. Große Weisheiten braucht es dabei nicht. Vielmehr entsteht aus zahlreichen gut beobachteten Alltagssituationen eine unerwartete Kraft. Momente wie die Unterhaltungen zwischen der ausgebrannten Sängerin und ihrem Schulkollegen Johannes (Anders Danielsen Lie), der sich aufrichtig für ihre Probleme interessiert, zeugen von erstaunlicher Wahrhaftigkeit.
Was aber am meisten überrascht: Wie gut es Landsvik gelingt, Humor in sein im Kern ernstes, bedrückendes Debütwerk einzuflechten. Inmitten der Verlorenheit und Sinnsuche brechen immer wieder zum Lachen einladende Augenblicke hervor, wobei die Palette von schlichten Mutterwitzen bis zu feinen Absurditäten reicht. Etwa, wenn sich Maja und Johannes ein Gespräch unter Jugendlichen ausmalen, das sie vom Fenster aus beobachten. Oder als die Sängerin in einem Bekleidungsgeschäft irrwitzige Verrenkungen unternimmt, nur um einem alten Bekannten nicht aufzufallen. Tragik und Komik liegen oft näher beieinander, als man meint. Das veranschaulicht „Low Expectations“ auf überzeugende Weise.
Apropos überzeugend: Auch in der Gestaltung trifft der Regisseur viele stimmige, zum Thema und zur Verfassung der Protagonistin passende Entscheidungen. Majas fehlende Orientierung, ihre verzweifelte Suche nach Halt kommt in harten Schnitten, einer flirrenden Musik und markanten Abkoppelungen zwischen Ton und Bild zum Tragen. Hier ist offenkundig etwas gewaltig aus den Fugen geraten, was sich nur langsam kitten lässt.
Christopher Diekhaus







