Lulu & Jimi

Als Hommage an sein großes filmisches Vorbild David Lynch versteht Oskar Roehler seinen neuesten Film, der ein kaum verhohlenes Remake von Lynchs „Wild at Heart“ ist. Doch den Vergleich, den Rohler heraufbeschwört, kann er nicht gewinnen und so überzeugt „Lulu & Jimi“ vor allem dann, wenn er sich von seinem Vorbild entfernt und sich traut, eine eigenständige Satire über die Absurditäten der 50er Jahre zu sein.

Webseite: www.x-verleih.de

Deutschland 2008
Regie: Oskar Roehler
Buch: Oskar Roehler
Kamera: Wedigo von Schultzendorff
Schnitt: Bettina Böhler
Musik: Martin Todscharow
Darsteller: Jennifer Decker, Ray Fearon, Katrin Sass, Rolf Zacher, Udo Kier, Bastian Pastewka, Ulrich Tohmsen, Alexander Beyer
Länge: 94 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: X Verleih
Kinostart: 22. Januar 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Thanks to David L.“ heißt es gleich zu Beginn von Oskar Roehlers neuem Film „Lulu & Jimi“ – und da beginnt man schon zu ahnen, dass man es hier nicht mit einer weiteren Version von Wedekinds „Lulu“ zu tun hat, sondern mit einer Anspielung an den deutschen Untertitel von David Lynchs „Wild at Heart“: „Die Geschichte von Sailor und Lula.“ Teilweise wortwörtlich folgt Roehler Lynch, übernimmt ganze Szenen, Dialoge, ja selbst Kameraeinstellungen. Lula heißt hier also Lulu, aus Sailor wurde Jimi, ein schwarzer US-Amerikaner, der auf einem Rummelplatz arbeitet, der Ende der 50er Jahre in die deutsche Provinz kommt, genauer gesagt nach Schweinfurt. Dort lebt Lulu in gutbürgerlichem Elternhaus mit ihrer Mutter Gertrud (Katrin Sass) und einem rosa Pudel in einem knallbunten Kitschhaus. Der Vater, auch bekannt als Dady Cool (Rolf Zacher, übrigens die Synchronstimme von Nicolas Cage in der deutschen Fassung von „Wild at Heart“) vegetiert vor sich hin, nachdem er von seiner Frau und ihrem Liebhaber, dem Chauffeur Schultz (Udo Kier), einer unschönen Operation unterzogen wurde. Lulu soll den Fabrikanten Ernst (Bastian Bastewka) heiraten, macht sich aber mit dem viel cooleren Jimi aus dem Staub. Doch bevor die Liebe siegen darf, wollen noch einige Hindernisse überwunden werden, nicht zuletzt der manische Auftragskiller Harry Hass (Ulrich Thomsen).

Nicht zuletzt diese Figur wirft die Frage auf, warum Roehler seinem Vorbild so detailgetreu nacheifern wollte. In „Agnes und seine Brüder“ war der Bezug zu Fassbinders „In einem Jahr mit 13 Monden“ noch subtil und nicht mehr als ein kleiner Verweis. Hier jedoch stellt er ganze Szenen aus „Wild at Heart“ nach, was trotz der poppigbunten Ästhetik und der Breitwandkamera meist wie eine billige Kopie wirkt. Selbst der eigentlich starke Ulrich Thomsen, der hier in die Fussstapfen von Willem Dafoe und der unvergesslichen Figur Bobby Peru tritt, kann da wenig ausrichten. Im Vergleich zu den Exzessen des Lynch Films ist Roehler einfach harmlos. „Wild at Heart“ lebte vom Gegensatz extremer Emotionen, von Brutalität und Pathos, Camp und großer Romanze, „Lulu & Jimi“ ist dagegen süß und naiv. Was nicht zuletzt an den Hauptdarstellern Jennifer Decker und Ray Fearon liegt, die zwar nett anzusehen und sympathisch sind (abgesehen davon, dass sie aus Frankreich bzw. England stammen und daher komplett nachsynchronisiert wurden, was man schmerzlich merkt), aber ohne Ecken und Kanten oder gar Abgründe erscheinen.

Was aus der Situation einer Satire über die spießige, erzkonservative Welt der 50er Jahre hätte werden können, merkt man immer dann, wenn Roehler etwas eigenes erzählt, sich von Lynchs Geschichte entfernt. Besonders Katrin Sass überzeugt in diesen Momenten als eiskalt berechnende Frau, die dem eigenen Vorteil alles unterwirft. Von diesen Einblicken hinter die Fassaden der deutschen Bürgerlichkeit, deren Vorurteile gegen alles anders Denkende und Aussehende präzise seziert werden, hätte man gerne mehr gesehen. Schließlich hat Oskar Roehler im Laufe seiner Karriere immer wieder bewiesen, dass er wie kaum ein anderer deutsche Regisseur willens ist, die Abgründe der Menschen auszuloten. Lieb und süß dagegen kann er weniger.

 

Michael Meyns

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