Mein Freund der Wasserdrache

Die Geschichte von Loch Ness gehört zu Schottland wie Haggis und Dudelsack. Dass aber auch urzeitliche Legenden einmal klein angefangen haben, belegt das neue Fantasy-Abenteuer aus dem Hause Walden Media (Die Chroniken von Narnia). Darin knüpft ein kleiner Junge eine mehr als ungewöhnliche Freundschaft zu einer seltsamen Kreatur, die er erst liebevoll aufpäppelt, um sie letztlich schweren Herzens in die Freiheit zu entlassen. „Mein Freund, der Wasserdrache“ ist nicht die erste familienkompatible Verfilmung dieses schottischen Mythos, dafür aber die tricktechnisch bislang überzeugendste.

Webseite: www.mein-freund-der-wasserdrache.de

OT: The Water Horse: Legend of the Deep
USA 2007
Regie: Jay Russell
Drehbuch: Robert Nelson Jacobs nach der Erzählung “The Water Horse” von Dick King-Smith
Mit Alex Etel, Ben Chaplin, Emily Watson, Priyanka Xi, David Morrissey, Brian Cox
Laufzeit: 111 Minuten
Kinostart: 31.1.2008
Verleih: Sony

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Während in Europa der Zweite Weltkrieg tobt und sich vor der schottischen Küste alliierte Marineverbände mit deutschen Kriegsschiffen heftige Gefechte liefern, wächst der kleine Angus (Alex Etel) in einer dörflichen Idylle ohne Vater auf. Dieser muss wie so viele andere seinem Land dienen, weshalb er nicht bei seiner Frau (Emily Watson) und den Kindern sein kann. So verbringt Angus viel Zeit alleine. Bei der Muschelsuche entdeckt er eines Tages einen seltsamen Gegenstand, der von der Form her einem übergroßen Ei ähnelt. Es dauert nicht lange bis aus dem Ding eine mysteriöse Kreatur schlüpft. Angus kümmert sich fortan rührend um den quirligen Gesellen, dessen Appetit vor nichts halt zu machen scheint, und den er auf den Namen Crusoe tauft.

Die anfangs geheime Freundschaft zwischen Angus und Crusoe bleibt nicht unentdeckt. Schnell bekommen auch Angus’ kleine Schwester Kirstie (Priyanka Xi) und Lewis (Ben Chaplin), der Hausmeister, Wind von der Sache. Doch sie behalten das, was sie gesehen haben, für sich. Nachdem sich Crusoe allerdings über Nacht in einen stattlichen Wasserdrachen verwandelt, ist Angus gezwungen, seinen ungewöhnlichen Spielgefährten in die Freiheit des Sees zu entlassen. Dabei ahnt er nicht, dass seine Entscheidung für Crusoe dramatische Folgen haben soll.

Regisseur Jay Russell und die Trickspezialisten von Weta Workshop, die sich schon für die Oscar-prämierten Effekte der Herr der Ringe-Trilogie verantwortlich zeichneten, wagten sich mit dieser Verfilmung nicht nur an einen schottischen Mythos sondern zugleich auch an einen der beliebtesten englischen Kinderbücher. Als Vorlage für Mein Freund, der Wasserdrache diente die Erzählung „The Water Horse“ von Dick King-Smith, welcher ebenfalls die Geschichten um das tapfere Schweinchen namens Babe ersann. Crusoe entpuppt sich dank modernster CGI-Technik Pixel für Pixel als ein echtes Knuddelmonster zum Liebhaben. Vor allem als tapsiges Baby dürfte er die Herzen nicht nur der jungen Kinozuschauer im Sturm erobern. Voller Energie und Tatendrang fegt der ungestüme Wirbelwind über die Leinwand.

Buch wie Film konzentrieren sich ganz auf Angus und wie er durch die Freundschaft zu Crusoe an Selbstbewusstsein und Reife gewinnt. Das Fehlen des Vaters, dem er nur in Gedanken nahe sein kann, hat ihn unsicher werden lassen. In einer der ersten Szenen des Films sehen wir, wie sich Angus verängstigt und nur äußerst widerwillig dem Wasser nähert. Erst durch die Begegnung mit dem vermeintlichen Seeungeheuer legt er diese Scheu ab, entwickelt er sich zu einem selbstbestimmten Teenager. Im Kern erzählt Mein Freund, der Wasserdrache damit eine typische Coming-of-Age-Geschichte. Lediglich das Vehikel, in diesem Fall die Legende um das Monster von Loch Ness, unterscheidet Russells Film von den meisten Genre-Vertretern.

Der Parallel-Plot um einen unsympathischen, linkischen Armee-Hauptmann (David Morrissey), der sich und seine Truppe abseits der Front als Verteidiger des britischen Empires aufspielt, weckt Erinnerungen an Pans Labyrinth. Del Toros grausames wie bezauberndes Märchen verwob seine Fantasy-Geschichte mit dem Horror des faschistischen Franco-Regimes. Obwohl im Ton weit weniger düster und größtenteils familienkompatibel, nimmt auch Russells Wasserdrache eine gleichsam kritische Haltung gegenüber Obrigkeiten und hierarchisch organisierten Systemen ein. Das putzige Antlitz soll darüber nicht hinwegtäuschen..

Marcus Wessel