Mr Shi und der Gesang der Zikaden

Wayne Wang wendet sich wieder dem Independentkino zu. Er schickt einen pensionierten Chinesen auf Besuch in die USA. Mr. Shi arbeitet sich ähnlich behutsam an den amerikanischen Gepflogenheiten ab wie ein prominenter Außerirdischer. Entlang vielfältiger Kommunikationskonflikte entfaltet sich ein leiser Humor von unvergleichlicher Melancholie und Skurrilität. Dafür gab’s beim Filmfestival San Sebastian 2007 die Goldene Muschel für den Besten Film und für die Beste Männliche Hauptrolle!

Webseite: pandorafilm.de

O: A Thousand Years of Good Prayers
USA/Japan 2007
Regie: Wayne Wang
Buch: Yiyun Li, nach ihrer eigenen Kurzgeschichte
Darsteller Henry O., Faye Yu, Vida Ghahremani, Pasha Lychnikoff
Länge: 83 Min., OmU
Verleih: Pandora
Kinostart: 10. April 2008
 

PRESSESTIMMEN:

Eine melancholische Tragikomödie in statischen Bildern über eine Sprachlosigkeit, die der emotionalen Distanz geschuldet ist. Dabei gibt der hintergründige Film Denkanstöße und wird von einem fabelhaften Hauptdarsteller getragen. – Sehenswert.
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Rührend und doch höflich distanziert erzählt Wayne Wang von Entfremdung, familiärer Kommunikation und Notlügen – und erweist sich damit als Meister der kleinen Form… Eine Miniatur, in der pausenlos geredet wird – und doch geht von diesem Gespräch ein stiller Zauber aus.
Cinema

FILMKRITIK:

Mr. Shi (Henry O.) fliegt nach Spokane im Nordwesten der USA, um seiner Tochter Yilan (Faye Yu) nach deren Scheidung beizustehen. Erwartet wurde er nicht gerade. Die wortkarge Yilan zeigt weder an ihm noch an den gemeinsamen Mahlzeiten, die der Vater in großen Mengen zubereitet, Interesse. Während Yilan den ganzen Tag über arbeitet, und abends oft unterwegs ist, ohne zu sagen wo, ist ihr Vater zwangsläufig viel allein zu Haus‘.

Langsam und schütter erkundet der alte Mann die seelenlose moderne Kleinstadt im Staate Washington. Mit seinem Buckel wirkt er wie ein Fragezeichen. Er staunt wie ein Kind über die Leute, die Reklame, die Geräte. Alles bekommt eine neue Bedeutung in seinen großen gütigen Augen. Schweigend wie eine alte Schildkröte nickt er auch dann freundlich, wenn er abgewiesen oder nicht ganz ernst genommen wird.

Einmal klingeln zwei junge, akkurat gekleidete Mormonen an der Tür  und wollen Mr. Shi bekehren, scheitern aber an der sehr entspannten Begriffsstutzigkeit des alten Maoisten: „China no have god.“ – „That‘s why we are talking to you, Mr. Shi.“

Mehr Verständnis findet er bei einer Iranerin (Vida Ghahremani) auf der Parkbank: „I make rockets. My daughter: We no talk“, radebrecht er. Dann führt er die Konversation einfach auf Chinesisch fort, sie erzählt in Farsi von der bevorstehenden Hochzeit ihres Sohnes. Trotz großer verbaler Lücken scheinen sie sich näher zu sein als er und seine Tochter.

Bei Yilan erntet er Schweigen und Distanz. Dank seines beharrlichen Wartens findet Mr. Shi heraus, dass sie sich mit einem verheirateten Mann trifft. Sie sagt: „Wenn man in einer Sprache aufgewachsen ist, in der man nie gelernt hat, seine Gefühle auszudrücken, dann ist es einfacher eine andere Sprache zu sprechen.“ Die Ehekrise der Eltern, die Folgen und Strafen der Kulturrevolution haben sich tief in ihr Herz gefräst. Die Aufdeckung der Familiengeheimnisse führt aber auch nicht zur Erlösung. „Man braucht 300 Gebete, um gemeinsam in einem Boot den Fluss zu überqueren. Man braucht 3000 Gebete, um ein Kissen zu teilen.“

Vorlage ist eine Kurzgeschichte der in den USA lebenden, preisgekrönten chinesischen Autorin Yiyun Li, die selbst die Kulturrevolution miterlebte. Wayne Wang hat mit „The Princess of Nebraska“ gleich nach „Mr. Shi“ eine weitere Erzählung von ihr verfilmt . Im Gegensatz zu der aufgeregten Geschichte um eine orientierungslose 18jährige ist  „Mr. Shi“ eine sehr zurückhaltende Tragikomödie über Migration, alte Werte und neue Zerrissenheit. Ähnlich gemächlich wie David Lynchs „The Straight Story“ beobachtet er die Gebrechen und Gütmütigkeiten des Alters. Die statischen, tiefenscharfen Bilder (High-End HD Video) vermitteln Ruhe und Klarheit, die Laiendarsteller Authentizität. Ein Großteil der neuen Bekanntschaften von Mr. Shi – wie die Forensikerin, der Hausmeister, die Mormonen – spielen sich selbst. „Mr. Shi“ bietet keine runde, abgeschlossene Geschichte, eher eine intensive Skizze, die am Ende auf versunkene Räume verweist, wie in das Innere eines Tiefseewracks.

Dorothee Tackmann
 

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Die Geschichte spielt in einem amerikanischen Provinzstädtchen. Mr. Shi, der Vater, und Yilan, die Tochter, sind die Hauptpersonen. 

Yilan lebt allein. Sie hat sich scheiden lassen. War ihr Mann der Betreiber der Scheidung oder sie? Lange bleibt das ein Geheimnis. Sie ist einsam, arbeitet, ist wortkarg. Ihre Wohnung ist nüchtern, die Einrichtung spärlich. Manche Gegenstände erinnern daran, dass Yilan in China geboren ist, allerdings schon lange in den Staaten lebt.

Mr. Shi, der Vater und Witwer, kommt aus Peking seine Tochter besuchen. Er meint, sie sei wegen der Scheidung allein und traurig, sie bedürfe des Zuspruchs. Er will ihr „helfen“, ihr Leben neu zu ordnen, den diesmal richtigen Mann zu finden.

Die Begegnung ist eher ein Zusammenprall als ein herzliches Einvernehmen. Shi überhäuft seine Tochter mit Essen, Hilfsangeboten, Mahnungen, Vorwürfen. Tage und Nächte verbringt er mit warten. Es ist ein problematischer Besuch.

Ein kleiner Lichtblick ergibt sich für ihn auf einer Parkbank aus der kurzen, aber rührenden Freundschaft mit einer älteren Perserin. Die beiden sprechen nicht dieselbe Sprache, doch die Gestik, die Blicke, die paar Brocken in Englisch, der Tonfall, sie sagen alles. Ein kleiner Ausbruch aus der Scheinwelt, in der Shi, wie man bald erfährt, sein Leben verbrachte, verbringen musste.

Dann kommt zwischen Yilan und Shi in einer heftigen Auseinandersetzung die Wahrheit an den Tag. Shi spricht von seiner Ehe, seiner Geliebten, davon, wie die Kulturrevolution sein Leben versaute. Yilan legt ebenfalls ein Bekenntnis ab. Wie wird es weitergehen?

Ein Kammerspiel über das Alleinsein, ein Lebensrückblick, ein Schuldeingeständnis, ein problematisches Zusammentreffen zwischen Vater und Tochter nach langer Zeit, eine Auseinandersetzung mit der Sprache, ein paar Lichtblicke – das alles ist in diesem unabhängig produzierten, schlichten, unprätentiösen, von einem langsamen Rhythmus getragenen, leicht deprimierenden, sehr gut gespielten Film dramatisiert.
Wayne Wang hat im Gegensatz zu sonst einen besonderen, eigenwilligen, äußerst einfachen Weg beschritten.

Thomas Engel