Mein Vater, mein Onkel

Eine bewegende Familienzusammenführung in Dubai ist zugleich eine melancholisch-komische Befindlichkeitsstudie der heute 20jährigen in Deutschland. Christoph Hellers sensible Dokumentation, sein Abschlussfilm für die dffb, stellt die ewige Frage nach der Identität neu und schlägt eine Brücke zwischen diametralen Lebensformen.

Webseite: www.mein-vater-mein-onkel.de

Deutschland 2009
Regie und Buch: Christoph Heller
Mit: Sinan Al Kuri, Brunhild Dommermuth, Mudhar AlNoori, Maysoon Kurikchi, Khaldon AlNoori, Omar AlNoori
Länge: 80 Min.
Verleih: Bonsai Film
Start: 13.5.2010

 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Sinan hat eine Erinnerungskiste, die er nach dem Prinzip „Wegschmeißen geht nicht, aber wohin, ist auch unklar“ füllt. Sieben Jahre lang verwahrte er in dieser schmalen Box einen Brief – ohne ihn zu öffnen. Es war ein Neujahrsgruß seines Bruders aus Dubai. Erst jetzt, nachdem er in seinem Spam-Ordner zufällig eine Mail des Bruders fand, las er ihn. Sinan findet es „krass“, dass seine Familie über so lange Zeit beharrlich nach ihm suchte.

Sinan al Kuris Herkunftsgeschichte ist mehr als kompliziert. Seine irakischen Eltern gaben ihn als Baby dem Bruder der Mutter und dessen deutscher Frau Brunhild, die keine Kinder bekommen konnten, zur Pflege. Mit der Auflage, ihn arabisch im Land aufzuziehen. Als Brunhilds Ehe zerbrach, floh sie mit dem dreijährigen Sinan 1982 nach Deutschland. Inzwischen tobte der erste Golfkrieg. Nun hat Sinan zwei Mütter und zwei Väter, zwei Brüder, eine Schwester und etliche Cousins, verteilt auf Hessen, Berlin, Mossul im Irak, Sharjah und Dubai. Über die Jahre haben sie ihm mehrmals geschrieben, er aber wollte nicht antworten. Nichts interessierte ihn, als Teenager war er, wie er sagt, „latent depressiv“, die Schule brach er ab.

Erst nach Öffnen des Briefes mit siebenjähriger Verspätung wagt er den Schritt, seine Ursprungsfamilie in Dubai aufzusuchen. Die Kamera ist immer dabei, gegenüberliegend filmt der älteste Bruder auch alles mit. Die Mutter weint herzzerreißend, der Vater begrüßt ihn gerührt, der verlorene Sohn findet sofort in aller Herzen. Sinans langes Zögern, seine Zerrissenheit findet der Vater, ein reflektierter Patriarch, ganz normal. „Es ist der innere Kampf zwischen Herkunft und neuer Umgebung. Er hat den Willen, aber es braucht Zeit“. Dass Sinan jetzt als Schauspieler („Soko Leipzig: Istanbul Connection“, „Tatort – Der Baum der Erlösung“) in Berlin lebt, betrübt die Eltern, der Beruf hat in ihrer Welt kein gutes Ansehen. Auch dass im Westen „Alkohol, Homosexuelle, kurze Beziehungen“ zur „Normalität“ gehörten, verwundert den Vater, für ihn ist die Ehe „das größte Abenteuer“. Sinan stellt genau das Gegenteil seiner irakischen Geschwister dar. Keiner aus Sinans Freundeskreis hat eine feste Freundin oder Kinder.

Die unterschiedlichen Lebenshaltungen offenbaren sich auch in den Bewegungen. Dort die ruhige, intakte, traditionelle Familie, hier der flexible, unentschlossene, weiche Sinan. Erstaunlich schnell akklimatisiert er sich. Er lernt „das Gefühl für Familie“ kennen. „Je mehr ich meine Familie hier liebe, um so mehr liebe ich meine Mutter in Deutschland.“ Seine irakische Familie möchte ihn ganz dabehalten, sie bringt ihm arabisch bei, staunt über seine Erfahrungen, möchte ihn auf den rechten Weg und in die Ehe bringen – und dann gemeinsam in den Irak zurückkehren. Für den Vater ist Sinan nun das Kind, das ihm am nächsten ist: „Er ist mir so ähnlich, wie eine Kopie“. Aber er erkennt auch den Schauspieler in ihm. Als beide in gleichen Sesseln nebeneinander sitzen und synchron durch ihre linken Hände Gebetsketten laufen lassen, ist die Ähnlichkeit frappierend. Nach ein paar Wochen kehrt Sinan aus den festen Familienstrukturen wieder ins offene Berlin zurück.

Sinans Verhalten spiegelt das Phänomen des permanenten Aufschiebens, inzwischen sehr verbreitet und als „Prokrastination“ wissenschaftlich fixiert. Vielleicht ist das ständige Abbilden des eigenen Lebens, um später darüber nachzudenken, auch eine Form der Verdrängung? Dass bei der Kamerapräsenz die Grenzen zwischen Authentizität und Inszenierung nur selten verschwimmen, ist Christoph Hellers Nähe zu den Dargestellten zuzuschreiben. In Rückblenden mit auf Video übertragenen Super-8-Filmen zeigt er Sinan als Baby im Irak, in stimmungsvollen Nachtaufnahmen die Straßen von Dubai. Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung begegnen sich mit warmherzigen Respekt. Christoph Heller gelingt ein Brückenschlag, der auf mehreren internationalen Festivals, insbesondere auf dem Dubai Film Festival großen Anklang fand.

Dorothee Tackmann

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