Metropolis (2010, Wiederaufführung 2011)

Der Zufallsfund einer vollständigen Kopie von Fritz Langs Meisterwerk "Metropolis" war eine mittlere Sensation und wurde entsprechend gewürdigt – mit gleichzeitigen Gala-Vorführungen der restaurierten Fassung im Berliner Friedrichstadtpalast und in Frankfurts Alter Oper im Februar 2010. Jetzt kann sich auch das Kino-Publikum das vervollständigte Werk anschauen. Eine ebenso fesselnde wie schmerzliche Erfahrung. Denn das neu eingefügte Material ist auch nach aufwändiger Restaurierung in einem beklagenswerten Zustand – was den alten erhaltenen Torso umso heller strahlen lässt.

Webseite: wwws.warnerbros.de/metropolis

D 1927/2010
Regie: Fritz Lang
Buch: Thea von Harbou
Kamera: Karl Freund, Günther Rittau, Walter Ruttmann
Darsteller: Brigitte Helm, Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge, Fitz Rasp, Theodor Loos, Erwin Biswanger, Heinrich George
Filmlänge: 145 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 12. Mai 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Geschichte dieser Wiederentdeckung begann damit, dass sich ein Film-Zuschauer in Buenos Aires wunderte. Nämlich darüber, dass eine Vorführung von "Metropolis" so lange dauerte. Auf Umwegen gelangte diese Information zur Leiterin des städtischen Filmmuseums. Aus dessen Beständen stammte die Kopie, die der Mann gesehen hatte. Bei einer Sichtung stellte sich heraus, dass es sich um eine vollständige Version handelte – mit allen Szenen, die seit 80 Jahren als verschollen galten. Es wurden Kontakte nach Deutschland geknüpft und schließlich übernahm die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden die langwierige Restaurierung. Geld spielte eine untergeordnete Rolle, das Projekt wurde zur nationalen Aufgabe. Schließlich ist "Metropolis" der erste Film, den die Unesco zum Weltkulturerbe erklärte.

Dass die Originalversion verloren ging, hatte maßgeblich mit dem katastrophalen Misserfolg des Films zu tun. Die Kritiken waren miserabel. Außerdem startete der Film wenige Wochen vor dem Schwarzen Freitag, der den Beginn der Weltwirtschaftskrise markierte. Die Menschen hatten andere Sorgen, als ins Kino zu gehen. Dabei spiegelt "Metropolis" die politischen Verwerfungen der Zeit und die drohenden Konsequenzen recht genau. Drehbuchautorin Thea von Harbou brauchte sich die Klassengegensätze mit Ober- und Unterstadt, Herren- und Untermenschen nicht auszudenken. Sie waren ein Treibsatz, der die Weimarer Republik in den Untergang riss. Die Geschichte des Herrschersohns Freder, dessen Liebe zu Maria, einer Frau aus der Unterstadt, die Verhältnisse in der Stadt Metropolis umwälzt, ist hinlänglich bekannt und auch in der alten Version nachvollziehbar. Die neuen Bilder schließen Lücken, die Teile der Handlung und Nebenhandlungen betreffen. Das betrifft etwa die Beziehungen zwischen Freder und Josaphat, der vom Herrscher verstoßen wurde, zwischen Freder und dem Arbeiter Georgy, mit dem er die Identität tauscht, und zwischen Joh Fredersen und seinem alten Rivalen Rotwang.

Durch das neue Material erlangt der Film insgesamt, vor allem aber im von Wassermassen und Verfolgungen beherrschten Finale seinen ursprünglichen Rhythmus wieder. Manche Bildersequenzen machen zudem den Aufwand sichtbar, mit dem Regisseur Lang seine fantastische Stadt ausstattete. Berührend vor allem eine Autofahrt Georgys, der erstmals die Lichter der Oberstadt erblickt, ihre kühne Architektur und ihre Verlockungen. Aber gerade bei diesen Bildern mit ihren großen Schauwerten tut das Zusehen weh. Auch die digitale Bearbeitung der aufgefundenen Filmstreifen konnte ihre tiefen Wunden nicht schließen. Blass und ausgewaschen sind die Bilder, vielfach zerkratzt zudem. Kontrast und Tiefe fehlen. Das ist besonders bitter bei Sequenzen, deren einstige Opulenz sich nur noch erahnen lässt. Ein Verlust bleibt also für immer. Man kann dem aber auch etwas Positives abgewinnen. Die Schönheit des bereits vorhandenen Materials tritt dadurch umso mächtiger hervor. Licht- und Linienführung, Bildausschnitte und Rhythmisierung – alles, was den expressionistischen Stummfilm als Genre auszeichnet -, hier sieht man’s in Vollendung. Und ist einmal mehr verblüfft, wie viel sich Actionfilm- und Fantasyfilm-Regisseure bis in die Gegenwart in puncto Schnitt und Dramaturgie von "Metropolis" abgeschaut haben.

Leicht lässt sich darüber hinwegsehen, dass der Film seine versöhnende Botschaft ("Mittlerin zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein") arg plakativ unters Volk bringt. Allein Brigitte Helm in der Doppelrolle als Maria und erotisch dampfendes Maschinenwesen zu sehen (oder wiederzusehen), ist ein Erlebnis. Und solch packende Szenefolgen bietet "Metropolis" reichlich. Zweieinhalb Stunden dauert die neue Fassung. Aber anders als dem argentinischen Zuschauer, der den Stein ins Rollen brachte, wird einem die Zeit nicht lang.

Volker Mazassek

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